Künstlerporträt Li Jiwei

Die Suche nach Selbstverständlichkeit

Andreas Schmid
7. August 2008
Seltsam, wie lang es still gewesen ist. Trotz einiger unübersehbarer Widersprüche in der offiziellen politischen Doktrin, trotz polizeilicher Härte gegen Dissidenten und trotz der Schärfe der ökonomischen Konflikte war es ruhig um China geworden. Die westliche Öffentlichkeit vertraute auf die Eigendynamik der Liberalisierung und Öffnung des Landes und die kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen schienen schon fast unverwüstlich zu sein – bis die Olympiade vor der Tür stand und alle Spannungen in den Mittelpunkt einer globalen Sport- und Unterhaltungsarena gerückt wurden. Seit dem neu ausbrechenden Tibet-Konflikt steht China unter Druck und reagiert nervös. Mit jeder neuen Gereiztheit der staatlichen Organe scheint dieser Druck aber noch weiter zu wachsen. So berichten Insider, im Vorfeld der olympischen Spiele würden auch Kunstausstellungen zensiert. Zugleich leisten die Behörden sich Rückfälle in Zeiten der ideologischen Abschottung und setzen sich mit dem Mittel der Visumverweigerung gegen einen politisch missliebigen Sportler zur Wehr. Dabei geraten die Annäherungen aus dem Blick, die abseits der großen Kontroversen, Kunst aus systemübergreifenden subjektiven Erfahrungen speisen.

Als Beispiel für eine solche Grenzüberschreitung könnte etwa Li Jiwei gelten. Der 1960 geborene Künstler, der eine ganz eigene Art und Weise kultiviert hat, seine Erfahrungen in China und Europa in Kunst zu überführen. In den 60er Jahren geboren, gehört er einer Generation an, die die neuen, behutsam entwickelten Freiheiten der 80er Jahre nach dem Ende der Kulturrevolution offensiv für sich nutzen wollte. Nach seinem Studium der klassischen chinesischen Malerei an der Zentralen Akademie der Bildenden Künste in Peking und einer vierjährigen Lehrerfahrung an der dortigen Filmakademie, zog es ihn Ende der 80er Jahre wie viele seiner Generation ins Ausland, um seine Erfahrungen zu erweitern. Nach seinem Meisterschülerdiplom in Wien, wo er seinen Umgang mit Farbe und abstrakter Malerei entwickelte, reiste er nochmals über ein Jahr durch die USA und Kanada, bevor er sich 1996 in Berlin niederließ. Die 90er Jahre waren Lehr- und Wanderjahre. Li Jiwei war sein eigener Expeditionsreisender und legte die Grundlagen für einen Brückenschlag mit dem Westen in seiner Kunst.

Seine künstlerisch eigenwillige Begabung wurde zum ersten Mal 1999 besonders augenfällig, als er in der renommierten, von Ai Weiwei und Hans van Dijk geleiteten Galerie China Art Archives & Warehouseausgestellt wurde. Erst 2003 aber verlegte Li Jiwei seinen Wohnsitz wieder nach China zurück, mochte er auch Europa nie ganz den Rücken zuwenden. Die völlig veränderte Hauptstadt Peking mit ihren vielen Künstlerszenen und der Dynamik eines unglaublichen Kunstbooms bot für ihn ein herausforderndes Umfeld. Sie stellt auch ungeahnte Möglichkeiten der Realisierung großer Projekte in Aussicht, die weder kapazitär noch finanziell in Europa, Japan oder in den USA realisierbar gewesen wären und nun in China zu einer Sprache der Größe und Präsenz beitrugen, die stark von einem Land der unbegrenzten Produktionsverhältnisse geprägt war. Das muss es gewesen sein, was Li Jiwei gebraucht hatte. Obwohl er nie aufgehört hat zu malen und auch hier immer wieder nach neuen Möglichkeiten suchte, wird seine Kunst immer dann besonders stark, wenn sie als Malerei oder Skulptur in benachbarte Bereiche wie Architektur und Design hinüber greift. Hinter diesem Denken steckt die komplexe Idee und Vorstellung eines Gesamtkunstwerks.

Seit dem Jahr 2007 ist nun eine Art Li Jiwei-Revival zu beobachten. So war er gleich mit einer Reihe von Projekten im Kunstbezirk 798, auf der Shenzhen Skulpturen Biennale und mit dem Kunstpavillion Floating Spacein Nanjing (im Rahmen der Ausstellung „Deutschland und China - Gemeinsam in Bewegung“) präsent. Inzwischen kamen dabei auch High-Tech- Kunststoffmaterialien ins Spiel. Sein wahrer neuer Karrieredurchbruch war aber die Präsenz im öffentlichen Raum, in dem er einen der außergewöhnlichsten Orte der olympischen Spiele, die Bubble-Bar im so genannten „Water Cube“, dem spektakulären Schwimmstadion der australischen Architekten PTW Architects und der chinesischen CCDI Shenzhen Design Consult Company gestaltete. Die Außenhaut des organisch wirkenden Baus besteht aus transparenten und dehnbaren Kunststoffkissen (Blasen oder „Bubbles“), die außen 100,000 qm Fläche bedecken. Die Bubble-Bar im zweiten Stockist der einzige Raum im Schwimmstadion, aus dem heraus man die einzelnen Baumodule der „Wasserblasen“ nicht nur sehen, sondern auch berühren kann. Li Jiwei goss dort in mühevoller, da nicht zu unterbrechender Arbeit eine blaue Fußbodenkomposition mit gestischen Einsprengseln und „Counterblubbers“ auf einer Fläche von 500 qm. Das Vorgehen erforderte höchste Konzentration und Schnelligkeit, denn die Farben laufen wie Pfannkuchenteig und härten schnell aus. Li Jiwei nutzte beim Arbeiten den erlernten traditionellen Tuschegestus ließ sich im Umgang mit seinem neuen Material aber von der Herstellerfirma, einem europäischen Chemie-Giganten schulen. Das Ergebnis zeigt einen erstaunlich sicheren und selbstverständlichen Umgang mit dem erworbenen Können. Im Ergebnis fließt der Boden und scheint wie die Decke und der ganze Baukörper in Bewegung versetzt.

So soll die Kunst zur Botschaft werden. Li Jiwei ist sich sicher: „Die Menschen verstehen diese Art künstlerische Fusion zwischen Ost und West. Sie verstehen das transparente Momentum an meiner Kunst. ( …) Wenn ich so noch einen Beitrag zur Verständigung zwischen den Menschenleisten kann, ist das eine große Befriedigung für mich“, wie der Künstler im Gespräch mit dem artnet Magazin erklärt. Genau hier auch mag die Motivation für ein weiteres Projekt im Zuge der Olympischen Spiele liegen, dem „inForm-Projekt“ für die deutsche Botschaft, das gerade fertig geworden ist. Im Chinesischen heißt das Werk „zhuangtai“, was soviel wie „Zustand“ oder auch „Mentalität“ bezeichnet. Auch hier spielen die Begriffe des Transparenten und Umfassenden eine wesentliche Rolle. Ursprünglich war der Künstler gebeten worden, einen Entwurf für ein Plakat zu Olympia zu entwerfen, das dann vor der Botschaft gezeigt werden sollte. Li Jiwei aber entwickelte während der Vorüberlegungen die Idee eines überdimensionalen Sporttrikots als Skulptur im öffentlichen Raum. So entstand eine Skulptur aus mehreren 100 Quadratmetern High – Tech – Kunststoff, der das Gebäude der Deutschen Botschaft „bekleidet“, bzw. sich vor der Fassade wie eine der Architektur übergeworfene Teilverhüllung ausbreitet. Obwohl vom Gegenstand abgeleitet, ist das monumentale Werk durch die Art und Größe so abstrahiert, dass es sich von seiner bildhaften Erscheinung emanzipiert.

Auffallend ist, dass nicht nur Li Jiwei, sondern alle für Olympia verpflichteten chinesischen Künstler, unter ihnen die Bildenden Künstler Ai Weiwei und Cai Guo-Qiang, der Komponist Tan Dun oder der Regisseur Zhang Yimou sehr bekannt und auch populär sind und lange Zeit im Ausland gelebt haben  oder zumindest viele Auslandskontakte besitzen. Die meisten gehören der Aufbruchsgeneration an, die in den 80er Jahren künstlerisch experimentiert und ihre künstlerische Laufbahn begonnen haben. Sie sind, wie Li Jiwei es ausdrückte „in ihrer künstlerischen Sensibilität allesamt Grenzgänger, die sich zwischen Ost und West hin- und herbewegen“. Ai Weiwei hat seine Arbeit am Olympiastadion schon abgeschlossen. Cai Guoqiang aus New York arbeitet eng mit dem Regisseur Zhang Yimou zusammen, der für die Eröffnungs- und Abschlussfeier verantwortlich ist. Während Zhang Yimou, der mit Filmen wie „Die rote Laterne“ oder „Hero“ auch einem breiteren deutschen Publikum bekannt ist, auf farbige Lichteffekte setzt, wird Cai Guoqiang einen Feuerkreis an den Himmel zeichnen. Li Jiwei sieht die Einbindung zeitgenössischer Künstler in das Olympiaprogramm eher positiv, da er glaubt, „dass die Olympiade und andere von einer staatsbezogenen Formensprache geprägte öffentliche Räume der freien Kunst in Teilbereichen wieder die Selbstverständlichkeit einer Existenz innerhalb des öffentlichen Lebens in China einräumen.“

So spiegelt die Kunst beides wieder: Die Voraussetzungen für ein fruchtbares Miteinander in der chinesischen Gesellschaft und die Ambivalenz einer öffentlichkeitswirksamen Markenidentität, in der Kultur auch Konflikte verdeckt. Bei Li Jiwei überwiegt der Optimismus: „…Auch die chinesische Gesellschaft hat sich geändert. Es gibt ein größeres Verständnis für die Kunst.“ Dabei weckt die Allgegenwart des Marktes durchaus seine Zweifel. „Leider haben der Name des Künstlers und der Geldwert seiner Werke oftmals mehr Gewicht als der künstlerische Inhalt“, merkt er an, sieht aber auch hier eine Chance zum Aufbruch für breitere Schichten als nur die sammelnde Elite. „Die neue Kunst vermittelt den Bürgern ein Lebensgefühl, das viel dynamischer ist, als es früher der Fall war; das sich weniger an überkommenen Normen orientiert und die Dinge von unterschiedlichen Blickwinkeln aus betrachtet. Neue Inhalte, über die diskutiert und nachgedacht werden muss, verleihen der öffentlichen Diskussion eine zusätzliche Spannung. Und indem die Menschen diese freie Kunst betrachten, beginnen sie zu verstehen, wie wichtig Individualismus und kreatives Schaffen sind“. Dass man so viel Hoffnung auch mit Skepsis begegnen kann, heißt nicht, dass China genau diesen Aufbruch nicht dringend gebrauchen könnte. Jetzt, da in symbolischen öffentlichen Schlachten die Konflikte neu aufflammen, vielleicht mehr denn je. Die Verantwortlichen müssten nur von den Künstlern lernen.


Mehr im Dossier  Kunst in China

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