Künstlerfotografien von Sigrid Rothe

Ein Schwips vor Zypressen

Henrike von Spesshardt
6. Januar 2012

Merkwürdigerweise erinnere sie sich manchmal gar nicht an die genauen Umstände, unter denen die Fotos entstanden seien, sagt Sigrid Rothe. Die geborene Hamburgerin war jahrzehntelang als Modefotografin für die „Vogue“, „Harpers Bazar“, „Brigitte“ oder „Marie Claire“ tätig und gibt uns Einblick in ihr Archiv. Dort zu finden sind kleine dokumentarische Schätze aus den Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahren. Abbildungen vieler heute bekannter, teilweise bereits verstorbener Künstler. Denn Sigrid Rothe war mit vielen von ihnen befreundet, noch bevor sie Ruhm und Ehre erlangten.

Das Bild des entblößten Ed Ruscha beispielsweise, entstanden 1972. Weshalb genau er seine Kleidung ablegte, weiß Rothe nicht mehr. Die Pose, die der Künstler einnimmt, lässt allerdings erahnen, dass er sich vom mürben Betonsockel herausgefordert gefühlt haben mag, der sich nur allzu gut als Bühne für eine schöne Aktfigur anbot. Welch Umkehr der Geschichte! Entstand das Bild des damals Mitte 30-jährigen Künstlers doch auf dem Dach des Hochbunker auf dem Hamburger Heiligengeistfeld, erbaut von 1942 bis 1944 als Flakturm zum Schutz der Stadt: Der Nazi-Betonbrocken zur Montage der Flugabwehrgeschütze umfunktioniert zum lieblichen Aktsockel.

Im Hamburger Bunker hatte zu Beginn der 1970er-Jahre Rushas Galerist Hans Neuendorf seine Galerie eingerichtet. Auch das Fotostudio von F.C. Gundlach befand sich im umgebauten Abwehrturm, der der Hamburger Kunstszene in den 1970er-Jahren als einer der ersten Anlaufpunkte galt. Und so gelangen Sigrid Rothe weitere Aufnahmen der Künstler und Kunstinteressierten, die sich dort ihr Stelldichein gaben, darunter die des verschreckten Alan Turner in der klaustrophobischen Enge eines Bunkerraumes.

Das Bild des gemeinsamen Installieren eines Bildes von Ed Moses durch Hans Neuendorf, Robert Irwin und Larry Bell entstand allerdings außerhalb des Flakturms, kurz vor der Eröffnung der Ausstellung „USA West Coast“, 1972 im Hamburger Kunstverein. Die Ace Gallery, die Mizuno Gallery und die Nicholas Wilder Gallery, allesamt aus Los Angeles, katapultierten so gemeinsam mit der Galerie Neuendorf die Künstler der amerikanischen Westküste ins kühle Hamburg. Larry Bell, ehedem dauerrauchend, widmet sich nach getaner Arbeit der damals in Ausstellungsräumen offenbar noch gestatteten Zigarre. Eine Aufnahme, die trotz des vor sich hin qualmenden Machsymbols nichts Repräsentatives bereithält – schließlich hockt der Dargestellte wenig bequem auf einer dünnen Heizung, die bald abzubrechen droht.

Sigrid Rothe selber spricht vom Schnappschusshaften, das vielen ihrer Künstlerbildern inne liege. Anders als in ihren Auftragsarbeiten, die die an der Hamburger Hochschule für Bildenden Kunst ausgebildete Rothe seit 1966 unter anderem für den „Spiegel“ oder die „FAZ“ schuf, lässt sie den Dargestellten dort den Freiraum des spontanen, eigenen Arrangements. Arnulf Rainer kann so wie ein bockiges Kind in die Kamera schmollen, Fred Hughes und Andy Warhol erwischte die Fotografin in einer Hamburger Galerie. Es sollte ihre einzige Begegnung mit Warhol bleiben.

Mit vielen anderen Abgebildeten hingegen war Sigrid Rothe befreundet. Die Aufnahmen, meist nicht für die Veröffentlichung vorgesehen, entstanden in einem persönlichen Umfeld. So kam es auch zu einer der kunstgeschichtlich vielleicht interessantesten Fotografie der Sammlung: Ein Kontaktabzug, auf dem der amerikanische Bildhauer Robert Graham in gleich 30-facher Ausführung zu sehen ist. Graham, der 2008 verstarb und dem der New Yorker Galerist David Zwirner Ende des vergangenen Jahres eine Ausstellung des Frühwerkes widmete, fertigte zur Vorbereitung seiner Skulpturen stets eine rotierende Plattform an, auf der er seine Modelle posieren ließ, die so problemlos ihre jeweilige Haltung bewahren konnten. Auch Sigrid Rothe stand ihm in ihrer eigenen Wohnung als auf dem dort erbauten Podest zunächst Modell. Dann jedoch kehrte sie die Rollen um, schickte den Bildhauer auf die Bühne und fotografierte den durch den abrupten Tausch ungelenk gewordenen Künstler ab.

In andere Aufnahmen Rothes vermischen sich die private und öffentliche Ebene. Es sind die Auftragsarbeiten, in denen Rothe Künstler für Magazine porträtierte. Darunter ist Martin Kippenberger, den sie 1990 besuchte: „Ich kannte Martin Kippenberger aus Hamburg und sollte ihn für die Vogue fotografieren“, erzählt Sigrid Rothe. „Also flog ich von New York nach Los Angeles und von dort aus direkt in sein Atelier nach Venice Beach“. Da es noch früh am Morgen gewesen sei, habe Kippenberger zum Wachwerden erst einmal ein Glas Wein zu sich genommen. Auch in seinem Lieblingsrestaurant, in dem etwas später die Aufnahme eines geradezu in sich ruhenden, entspannten Kippenberger vor Tulpe entstand, sei der Wein weiter geflossen. Zum Abend hin, man hatte die eine oder andere Flasche intus, habe der Künstler sie dann zum Flughafen gebracht. In der dortigen Bar entstand das letzte Bild Rothes von Kippenberger, dem darauf der gelegentlich reserviert-kritische Gesichtsausdruck seiner sonst bekannten Porträts vollkommen verloren gegangen ist. „Er war so amüsant, klar und konzentriert. Und ein großartiger Geschichtenerzähler“, erinnert sich die Fotografin an den befreundeten Künstler.

Eine Geschichte der ganz anderen Art enthüllt das zeitlich letzte Porträt der Schatzsuche im Archiv. Es entstand nach einem opulenten Mittagessen nahe des italienischen Städtchens Urbino. 1990 noch als ganz in weiß gehüllter Italo-Lover steht dort Markus Lüpertz, leicht beschwipst wie es scheint, vor Zypressen. Heute wandelt der Gott der Selbstinszenierung lieber als schwarz gekleideter Vodoo-Schamane mit Totenkopfaccessoires durch die Gegend. Modische Unangepasstheit als Traditionsunterfangen.

Sigrid Rothe selber lebt seit 1985 in New York und widmet sich dort der experimentellen Fotografie. Ihre von den Arbeiten Karl Blossfelds oder Edward Westons inspirierten „up-close – photographic paintings“, irisierende Extremvergrößerungen von Blütenkelchen, funktionieren wie riesige Gemälde. Hier zwingt sich die Fotografin dem Motiv geradezu auf – anders als in ihren frühen Porträts von Freunden und Wegbegleitern.


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