5. August 2009
Es gibt Städte, denen ist Tragik fremd. Berlin ist so ein Fall. Das Dorf wurde in einer eiszeitlichen Schmelzwasserrinne auf Sand gebaut und ist seitdem nicht zu einer Stadt gereift, sondern breitet sich noch immer als Mosaik aus 95 Ortsteilen zwischen dem Großen Müggelberg und einer 144 Meter hohen Trümmerschutthalde in Wilmersdorf aus. Berlin war schon 1710 Hauptstadt, und zwar Preußens, wurde damals aber zu 20 Prozent von Franzosen bewohnt. 1871 hat man es dann noch einmal zur Kapitale erhoben, als Bewohner für den konturlosen Verwaltungssitz aber nur Moabiter, Schöneberger, Spandauer und Tempelhofer durch eine von oben verordnete Eingemeindung gewonnen. In Traditionsverbänden engagierte Berliner nennen diese Föderation der Kirchsprengel gerne Spree-Athen, obwohl die Stadt weder einen Marktplatz noch ein Bürgertum hat. Ein Krieg und 40 Jahre Säbelrasseln haben die Stadt vielmehr in ein Reservat für Wehrdienstflüchtlinge, extrovertierte Malerfürsten und die literarische Introspektion verwandelt. In historischen Reservaten aber gilt der Zwang zum beschaulichen Selbstgespräch. Berlin ist eine Komödie. Kein Wunder also, dass die Debatte um eine neue Kunsthalle als vergnügliches Volkstheaterstück und nicht als hitzige Bürgerdebatte aufgeführt wird. Ganz Berlin hat sich darauf geeinigt, in dieser Diskussion möglichst oft Kunsthalle zu sagen, aber kein einziges Mal Kunst zu erwähnen. Und womöglich wird nun in letzter Minute noch ein Drama aus dem Laienstück.
Denn was ist im Berliner Urstromtal Tragik? Tragik ist, dass eine in Personalquerelen versunkene Temporäre Kunsthalle mit hochkomischer Perfektion davon abgelenkt hat, dass sich Senat, Künstler, Wissenschaftler, Kunstvermittler und die restlichen Bürger nicht einmal ansatzweise darüber verständigt haben, wozu die Stadt eigentlich eine ständige Kunsthalle braucht. Alle glauben, der Bedarf sei seit so langer Zeit erwiesen, dass man sich an die Gründe für den kostenträchtigen Neubau einfach nur erinnern müsse. Eine so große und noble Stadt brauche einfach eine Kunsthalle, wenn Basel und Hamburg auch eine haben. Ein Berlin ohne Kunsthalle sei eine Schande, zumal das alte West-Reservat einmal im Bikini-Haus eine Institution unter diesem Namen besaß. Inzwischen verfügt die Stadt über die Kunst-Werke, eine Landesgalerie, ein sogenanntes „Museum für Gegenwart“, eine modern erscheinende Nationalgalerie und verschiedene Künstlerresidenzen. Sollte man von einer Kunsthalle Ausstellungen erwarten, wäre ihre Mission also schon vor der Öffnung erfüllt. Von daher müsste die Kulturverwaltung fieberhaft an der totalen und durchschlagenden Neuerfindung des Prinzips Kunsthalle arbeiten. An einer Re-Education des Vermittlungspersonals. An Programmen, die der Kunst aus ihrer Isolation heraushelfen, sie zum Experiment ermutigen oder vom eitlen Zwang zu hoher Besucherzahlen befreien. Die Wahrheit aber ist, dass Berlin über die dekorative Bemalung seiner bald schon zu demontierenden Temporärhalle philosophiert, sich aber wirklich niemand für die Eigenheiten dieses Standortes zu interessieren scheint.
Niemand, das heißt: die Kulturverwaltung nicht, die verschiedenen Sachwalter der Temporären Kunsthalle nicht, die Vertreter einer verkiezten Provinzlösung im alten Kreuzberger Blumengroßmarkt nicht, und leider, das ist erstaunlich, auch die notorisch diplomatischen Galeristen nicht, von denen man jeden Tag Protestdemonstrationen, Sternfahrten oder Menschenketten auf dem Schlossplatz erwarten würde. Berlin ist zwar ein glaziales Relikt, zählt aber zu den wichtigsten Kunstproduktionsstätten der Welt. Selbstredend heißt das eben nicht, dass man einfach ein Schaufenster für alle möglichen Berliner Künstler braucht, sondern dass die Ideen-Drehscheibe Berlin statt einer vollmundigen Debatte über die Zukunft der „Kreativwirtschaft“ einer echten Tauschbörse für die Konzepte von drinnen und draußen bedarf. Das Netzwerk unendlich vieler Labore, Ateliers, Galerien, Projekträume braucht kein weiteres Museum, sondern eine Institution, in der die bestehenden Netzwerke der Stadt mit den Diskursen und Entwicklungen des arabischen Raums, der südostasiatischen Welt, der südamerikanischen Sammlermärkte, der sich reformierenden New Yorker Szene oder den osteuropäischen und baltischen Zentren vernetzt werden könnten. Dass Berlin sein altehrwürdiges und personell strukturschwaches Künstlerhaus Bethanien in Kreuzberg herumschubst und am ausgestreckten Arm verhungern lässt, zeigt weit deutlicher als die schwerfällige Temporärhalle vom Schlossplatz, was dieser Stadtstaat als Künstlerrepublik ebenso wie als Handelsplatz wirklich braucht: eine Strategie für einen internationalen Künstler- und Ideenaustausch, der nicht an die populismustrunkenen Museen gebunden ist.
Kurz und gut, Berlin braucht für die Kunst, was jeder Bildungspolitiker in der Wissenschaftsförderung für selbstverständlich hält: eine Vernetzung der bestehenden innovativen Institutionen (dazu zählen bislang nicht die Staatlichen Museen zu Berlin), der Galerien als Erstvermittler neuer künstlerischer Angebote und der kreativen Szene der Stadt. Berlin braucht einen großen Wurf, einen wirklichen Versuch, das dezentrale Kapital mit der Exzellenz von morgen, mit radikalen neuen Ansätzen, nicht mit den Stars, sondern mit den Denkweisen von morgen zu verbinden. Berlin braucht eine Kunsthalle, die keine steinerne Hülle mit Bilbao-Effekt und Signature-Architektur, sondern das Alter Ego der Messe und der strahlende Umsteigeknoten im Geflecht der weltweiten Diskurse ist. Ja, eine ständige Kunsthalle ist notwendig, aber nur, wenn sie keine Kunsthalle ist. Eine Kunsthalle wäre ein Hub, ein neues Vermittlungssystem, ein Think Tank, ein Ankerpunkt in der nicht immer nachhaltig operierenden Galeriewirtschaft, ein Ort, der sich dem Diktat der Verflachung und Vergestrigung entziehen kann, der nicht von seinen Freunden und Mitgliedern geknebelt wird und nicht ein bloßes Aushängeschild irgendeiner Stadtteilsanierung ist. Berlin braucht einen Ideenwettbewerb für eben jene Institution, die sich energisch auszudenken die Stadt seit Jahren zu mutlos war. Am Ende ist dieser Verzicht auf kurzsichtiges Stadtmarketing die Basis für einen attraktiveren Kulturstandort morgen. Ob jemand (armer Sisyphos!) es auf sich nimmt, mit dieser Frage einen veritablen, notwendigen Streit anzufachen? Ob die, die es besser wissen, die Künstler und Händler, nach einem Engagement der Politik verlangen, das „Kreativwirtschaft“ nicht als Mantra wiederholt, sondern in tatsächliche Experimente umsetzt? Denn schließlich kommt das „Kreativ-“ vor der Wirtschaft doch von Kreativität. Ach, wie nötig wir sie hätten, bevor Architekten und Statiker uns das alte Einerlei in einem Sarkophag am Humboldthafen konservieren.