5. Oktober 2011
„Kunst und Philosophie“ mit João Maria Gusmão & Pedro Paiva, Swantje Hielscher, Thomas Hirschhorn, Bethan Huws, Kitty Kraus, Marcellvs L., Christian Schwarzwald, Richard Wright, Haegue Yang und den Philosophen Mehdi Belhaj Kacem, Ray Brassier, Simon Critchley, François Jullien, Catherine Malabou, Boyan Manchev, Chantal Mouffe, Nina Power, Marcus Steinweg – Neuer Berliner Kunstverein. Vom 3. September bis 30. Oktober 2011
Alles fließt. Und so hat sich in der zeitgenössischen Kultur auch der Begriff der Philosophie gewandelt. Heutzutage liest man die Berufsangabe Philosoph eher beiläufig im Rahmen von professionellen Identitätsentwürfen, die zugleich mit den Bezeichnungen „Medienwissenschaftler“ oder „Journalist“ angefüllt sind. Der klassische Denker, der weltabgewandt über das Sein nachgrübelt, scheint antiquiert, gar ein Auslaufmodell zu sein. Heutige Philosophen sind vor allem Kommunikatoren und Vermittler zwischen verschiedenen Disziplinen; neue, eigene Theorien und Denkmodelle aufzustellen, erwartet keiner mehr von ihnen, obwohl die Gesellschaft der Gegenwart dies dringend nötig hätte.
Philosophie und Gegenwartskunst in einen Zusammenhang zu bringen, ist ein lohnenswertes Unterfangen. Leider hat sich mittlerweile die Angewohnheit vieler Kunstautoren verselbstständigt, mit allgemeinen, philosophisch anmutenden Begriffen zeitgenössische Kulturprodukte inhaltlich aufzuwerten. Der Neue Berliner Kunstverein (n.b.k.) hat mit seiner aktuellen Ausstellung nun einen Weg gefunden, diese oft problematische Sinnstiftung von vornherein zu legitimieren. Sie präsentiert eine von dem Philosophen Marcus Steinweg kuratierte Schau Kunst, die Gegenwartsformen des Denkens darstellen will.
Hingucker der Ausstellung ist eine Installation von Thomas Hirschhorn, mit dem der Kurator schon häufig zusammengearbeitet hat. Eye to Eye Subjecter besteht aus zwei säulenartig in die Höhe ragenden Schaufensterpuppen, deren cremefarbene Abendkleider sich wie Zelte nach unten auffächern. Bestückt sind sie mit einem regelrechten Fluss aus Farbausdrucken, die in konzentrischen Kreisen über den Boden wallen und sich an den gegenüberliegenden Wänden emporschieben. Von einer der Mannequin-Figuren gehen Sonnenuntergänge und paradiesische Landschaften ab. An der anderen haften Bilder des Schreckens: brennende Autos und Leichenteile, Explosionen und versehrte Menschen. Der Besucher dieser kitschig-apokalyptischen Modenschau soll wohl auf die zwiespältige Medienflut hingewiesen werden, der wir in unserer visuellen Kultur ausgesetzt sind. Ein weder neues noch erhellendes Thema - dafür aber plakativ inszeniert.
Rätselhafter geht es in dem 15-minütigen Film Toga von Marcellvs L. zu. Eine Nahaufnahme von abwärtstrudelnden Tauen erzeugt Schwindel. Der dazu dumpf dröhnende Ton hilft allerdings nicht, das Denken über das monotone Einziehen eines Fischernetzes anzukurbeln, was ohnehin keine neuen Erkenntnisse zutage fördert.
Um Bewegung geht es auch bei João Maria Gusmão & Pedro Paiva. Ihr Kurzfilm Wheels zeigt das rotierende Rad eines Fahrrades und eines Autos. Die Räder selbst bewegen sich allerdings weniger als die Umgebung, die um sie herum kreist. Diese Verkehrung der Wahrnehmungsverhältnisse erinnert vor allem an Trickaufnahmen aus dem frühen Avantgardefilm des 20. Jahrhunderts – und natürlich an das Fahrrad-Rad des Künstler-Denkers Marcel Duchamp, der wohl der heimliche Ahnenvater der gesamten Präsentation ist.
Konkret taucht Duchamp denn auch in einem anderen Werk der Ausstellung auf. Sein berühmtes Gemälde Nu Descendant Un Escalier von 1912 hat Bethan Huws in einem Schriftbild mit weißen, absteigenden Buchstaben des Titels auf schwarzem Grund nachempfunden. Diese Arbeit taucht in einem Ensemble von drei weiteren Werken der Künstlerin auf, die heterogener nicht sein könnten: Eine ungelenke Bleistiftzeichnung, auf der Schlangen und Leitern zu sehen sind, und ein Miniaturboot aus Binsengras, das auf einer Holzplatte unter einer Glashaube dahinsegelt. Zentrum von Huws´ hybridem Stilmix ist ein fast einstündiger Film, in dem ein adrett gekleideter Schauspieler theatralisch über Kunstbetrachtungen monologisiert und dabei durch Ruinen und idyllische Landschaften tänzelt.
Ebenfalls an Duchamp, genauer gesagt an sein Großes Glas(1914/23), erinnert die Arbeit Für die Wahrheit von Swantje Hielscher. Hinter dem pathetischen Titel steht ein Stahlgestell, auf dem zwei große Glasscheiben montiert sind. Das Informationsblatt zur Ausstellung bemerkt, dass es hierbei um „Darstellungsformen der Abstraktion einer der Wahrheit verpflichteten (philosophischen) Denkbewegung“ ginge. Große Worte für einen schlichten Durchblick.
Eine vergleichbare Schere zwischen Minimal-Ästhetik und gedanklichem Überbau öffnet sich auch bei Kitty Kraus, die zwei Glasscheiben im 45-Grad-Winkel an eine Wand gestellt hat, umzäunt von Kordeln. Was Kraus´ inszenierte Poetik der Fragilität und Hinfälligkeit mit philosophischen Fragestellungen zu tun hat, bleibt ähnlich im Dunkeln wie die philosophische Bedeutung des Beitrags von Richard Wright: Er hat Teile der Decke und Wände der n.b.k. mit einem Muster aus grünen Zickzacklinien dekoriert – pingo ergo sum?
Gegen die Wand läuft auch Christian Schwarzwald. 470 Einzelblätter etwa in DIN-A4-Format hat er zu einer Art Kachelstruktur zusammengefügt. Sie zeigen blau und grau getönte, fotorealistisch gemalte Gitterstrukturen, kombiniert mit Kohlezeichnungen von Menschen in sinnierender Pose, darunter auch Auguste Rodins Denker und Albrecht Dürers Melancholia: Simpler kann man Denken als philosophische Disziplin wohl kaum illustrieren.
Weniger demonstrativ grüblerisch, sondern geheimnisumwittert kommt die Installation von Yang Haegue daher: ein verschlossener Tresor auf einem Tisch mit Stuhl davor. Was sich in dem Kästchen verbirgt, erfährt der Betrachter nur durch die Broschüre der Ausstellung. Das Thema des anwesend Abwesenden erinnert wieder an Marcel Duchamp, diesmal an sein Objekt With Hidden Noise aus dem Jahr 1916: Eine in ein Messinggestell gezwängte Schnurrolle, in der es beim Schütteln klappert – woher das Geräusch kommt, bleibt ebenso unklar wie die Frage, warum Haegue Yang diese Idee fast hundert Jahre später noch einmal illustriert. Und genau das gilt für die meisten Arbeiten der Schau.