„Kunst im Heim“ in der Galerie Capitain Petzel, Berlin

Jungfernfahrt mit Totalschaden

Hans-Jürgen Hafner
11. November 2008
Matthew Brannon, Troy Brauntuch, Maria Brunner, Gillian Carnegie, Günther Förg, Anna Gaskell, Wade Guyton, Margarete Jakschik, Martin Kippenberger, Maria Lassnig, Zoe Leonard, Albert Oehlen, Laura Owens, Joyce Pensato, Ascan Pinckernelle, Seth Price, Stephen Prina, Sam Samore, Dirk Skreber, Monika Sosnowska, Nicola Tyson, Cosima Von Bonin, Tris Vonna-Michell, Kelley Walker, Franz West, Christopher Williams und Christopher Wool – „Kunst im Heim”, Galerie Capitain Petzel, Berlin. Vom 31. Oktober bis 6. Dezember 2008

Dass der Galerienstandort Berlin blüht, gedeiht und floriert, heißt nicht, dass er nicht gern ein paar Importe gebrauchen könnte. Gerade in den letzten beiden Jahren hat die Stadt einerseits von umzugsbedingten Neuzugängen und andererseits von einer ansteckenden Tendenz zur Dependancenbildung profitiert – zumal dort, wo es um eher etablierte Positionen geht. In Sachen (lokaler) Aktualität ist die Szene mit der Nase notorisch weit vorn, könnte aber durchaus von Zukäufen in solchen Segmenten profitieren, denen es vor Ort seit Jahren an Tiefenschärfe fehlt. Da würde es oft schon genügen, solche Kunst heranzuschaffen, deren Wurzeln einfach nur ein wenig weiter als bis in jene ominöse Mitte der 1990er Jahre reichen, jenen Zeitraum also, in dem sich der Berliner Stil breitenwirksam einzuschleifen begann.

Umso dankbarer müsste das Berliner Publikum die letzten trend-unabhängigen Debüts begrüßen – Jablonka mit Malerei von Terry Winters, die intim-museale Präsentation früher Bilder Ad Reinhardts bei Aurel Scheibler, Carl Andre bei Konrad Fischer und Valie Export bei Charim Ungar Contemporary oder die recht kokett platzierte Wiederentdeckung Marcus Behmers bei Daniel Buchholz. Diese Angebote sind nicht allein deshalb zu loben, weil sie die Szene mit interessanten Namen konfrontieren, sondern vor allem weil sie plötzlich mit ganz anderen als den hier üblichen Maßstäben operieren.

So mussten die Erwartungen angesichts eines Zusammenschlusses von Gisela Capitain und Friedrich Petzel hoch ausfallen. Beide Galeriebetriebe, hochetabliert und international höchst erfolgreich mit Hauptsitzen in Köln und Manhattan nobilitiert, profitieren einerseits vom jeweiligen Künstlerstamm (einer Generation der 1980er Jahre mit einem hohen Anteil so genannter „kanonischer Positionen“ wie etwa Cosima von Bonin, Georg Herold, dem Nachlass Martin Kippenbergers, Albert Oehlen, Stephen Prina, Christopher Williams und Christopher Wool), andererseits ist bei beiden Galerien nach wie vor Offenheit für die konsequente Verjüngung des Programms zu vermerken. Sie zeigen – mit viel Gespür für den richtigen Zeitpunkt – international durchsetzungsfähige Newcomer wie Karla Black, Wade Guyton, Uwe Henneken, Seth Price oder Monika Sosnowska.
Wenn jetzt für den gemeinsamen Berliner Auftritt noch a) die Adresse (direkt an der nach wie vor hippen Karl-Marx-Allee nah am Strausberger Platz), b) der Ort (ein sehr sensibel renoviertes Musterbeispiel ostdeutsch-sozialistischer Architektur-Moderne) und c) das Grundmaß (1300 zwar schwer zu bespielende, in Sachen Atmosphäre aber schier unschlagbare Quadratmeter Ausstellungsfläche) zusammen kommen, sollten Superlative zu erwarten sein. Wo konkretes und symbolisches Kapital sich solcherart bündeln, müssen nach allen Gesetzen der Marktdramaturgie Rekorde fallen. Umso mehr dürfen wir uns nach dem Ausstellungsbesuch wundern, was wohl alles schief gehen musste, um die Karre dermaßen in den Graben gefahren zu finden.

Die Gruppenschau „Kunst im Heim“, zum allergrößten Teil bestritten von KünstlerInnen beider Galerien, ist trotz (oder sollten wir vielleicht besser sagen, aufgrund) des avisierten kuratorischen Anspruchs, trotz inhaltlicher Versprechen, trotz des behaupteten Ortsbezugs als immerhin sinnfällige Legitimation für dieses Debüt – vor allem eines: unglücklich. Unglücklich mit Blick auf die praktische Umsetzung, die unter der Platzierung der Arbeiten in den drei Geschossen des Pavillons leidet; unglücklich wegen der Vermischung unterschiedlicher Werkkategorien auf formaler, aber, weit schlimmer noch, inhaltlicher Ebene; unglücklich aufgrund der dadurch in merkwürdige Schieflage kommenden Qualität der ausgewählten Exponate. Dabei klingt der Ansatz, die kontextuelle Exposition der Schau überzeugend. Wenn die Galeriekünstler dem Pressetext zufolge dazu eingeladen wurden, „auf Architektur, Form, Geschichte und Umgebung des Pavillons zu antworten“, war das nicht die schlechteste Idee. Wenn dafür historische Vitrinen wiederhergestellt wurden, um den Künstlern die Möglichkeit zu bieten „mit dem Raum gleichzeitig aus historischer Perspektive wie in seiner Funktion als Galerie für Gegenwartskunst zu interagieren“, ist das nicht verkehrt. Reicht es nach dieser Maßgabe aber wirklich hin, dem Prinzip ‚jedem Künstler eine Vitrine’ zu folgen und Elfie Semotans sehr schöne Fotografien ungarischer Interieurs (2008) in ein und demselben Rahmen wie die einigermaßen belanglosen, gestisch-groben Acryl-auf-Papier-Porträts von Nicola Tyson (2003) zu zeigen? Ist es überzeugend, in ein und denselben Vitrinen einmal ein Malerei-reflexives Künstlerbuch von Christopher Wool von 1989 abzulegen und zugleich die seinerzeit medienanalytisch gedachten Stempel-Bilder (samt Stempel) und Fotografien von Troy Brauntuch (1976) auszubreiten, um sie einer aktuellen, in ihrer Art recht putzigen Ready-made-Findung von Tris Vonna-Michell (Papierstau, 2008) beizugesellen?

Will uns „Kunst im Heim“ etwa den Zusammenhang von Kunst und häuslichem Dekor nahe bringen? Gar gemeinsame Nenner zwischen Bildtypen oder Bürogerätschaften erläutern? Was wäre dann aber wiederum davon zu halten, wenn neben archivalisch inszenierter Kunst gleich eine Vitrine mit purem Archivmaterial – historische Ausgaben des DDR-Architekturmagazins „Deutsche Architektur“ – auftaucht? Wird Kunst dann etwa zum Index ihrer Historizität? Und gehorcht sie anderen Regeln als die teils neuen (z. B. von Matthew Brannon und Joyce Pensato), teils historischen Arbeiten (z. B. Kippenberger oder Günter Förg), die gleichberechtigt daneben an den Wänden hängen?

Sprechen wir hier vorderhand von simplen Problemen der Präsentation, wird es noch nebulöser, wenn wir den einzelnen Arbeiten in ihrer Aussage, ihrer Intention zu Leibe zu rücken versuchen. Stephen Prinasfunktional inszeniertes Objekt Dom Hotel  (1995) mag – mit Referenz auf eine Szene aus Heinrich Bölls Roman Billard um halb zehn als raumgroß-begehbares Lese-Display gestaltet – formal zwar mit architektonischen Mitteln operieren, währendDirk Skreberein Architekturmodell und Cosima von Bonin eine Art Architekturminiatur beisteuern. Im Kontext dieser Ausstellung erlauben sie uns freilich keine weiteren Schlüsse, als dass es verschiedenen Künstlern gelingt, in unterschiedlicher Weise mit, über und anhand von Architektur als Miniatur oder Modell, als Form oder Inhalt, als Thema oder am Beispiel, konkret oder abstrakt, skulptural-auratisiert oder funktional-benutzbar, also je nach dem „irgendwie“, vernünftig differenzierte Arbeiten herzustellen.

Es sind freilich weniger die faktischen kuratorischen Missgriffe, die „Kunst im Heim“ so ärgerlich machen. Es ist das Missverhältnis, das sich zwischen dem ja tatsächlich vorhandenen Potential, der fatalen Umsetzung und den an sich richtigen inhaltlichen Versprechen auftut. Wer, wie Capitain Petzel, zum Debüt mit den großen Registern, Geschichte, Ortsbezug, Kontextbewusstsein wuchert und damit wenig mehr als eine ‚Lagerausstellung’ verkauft, in der auf drei Ausstellungsetagen kein noch so kleines Winkelchen ungenutzt bleiben darf, hat zum richtigen Zeitpunkt den falschen Riecher. Die gezeigte Kunst könnte, als qualitativ nicht zu beanstandende Ware, ebenso wie das kuratorische Versprechen jeweils für sich Qualitäten entwickeln. Am Ende sehen wir allerdings weniger einen vielversprechenden Neustart, als das, wovon wir zurzeit ohnehin genug bekommen – eine einigermaßen funktionsfähige Galerie für Gegenwartskunst am einigermaßen funktionsfähigen Kunststandort Berlin. Es ist, als ahmten die Galerien nun schon die Museen nach.


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