4. Januar 2011
„All about Beirut“ mit Nadim Asfar, Oussama Baalbaki, Fouad Elkoury, Sigrid Glöerfelt, Joana Hadjithomas & Khalil Joreige, Gilbert Hage, Joumana Jamhouri, Lamia Joreige, Zena el Khalil, Nabil Nahas, Marwan Sahmarani, Roy Samaha, Tamara el Samerraei, Shirin Abu Shaqra, Jalal Toufic und Lamia Ziadé – Kunsthalle whiteBOX, München. Vom 16. Dezember 2010 bis 16. Januar 2011
Sie lebt in zwei Welten. Die libanesische Galeristin Naila Kettaneh-Kunigk führt seit den siebziger Jahren die Galerie Tanit im schicksten Teil Münchens an der Maximilianstraße. 2007 eröffnete sie eine Wandergalerie in Beirut. Und nun hat sie mit drei ihrer Mitarbeiterinnen – Verena Ferraro, Martina Gerum und Joy Mardini – die eine Welt in die andere getragen. „All about Beirut“ kann man in der Münchner Kunsthalle whiteBOX erleben. Vielleicht ein kleines bisschen weniger. Die Ausstellung zeigt auf zwei Etagen immerhin vierzehn Positionen der jungen (und nicht mehr ganz so jungen) libanesischen Kunst, die nicht nur zu Tanit und dem Beiruter Gegenstück Espace Kettaneh-Kunigk gehören, sondern auch zu befreundeten Galerien: Der Agial Art Gallery, die seit 1990 zeitgenössische Kunst der arabischen Länder vertreibt und nach dem Bürgerkrieg als erste Galerie im Viertel Hamra eröffnete. Und dem Running Horse der Mittzwanzigerin Lea Sednaoui, die sich seit Mai 2009 um „emerging artists“ des Mittleren Ostens kümmert. Und zu Fadi Mogabgab, der schon seit über 15 Jahren Arabisch-Zeitgenössisches verkauft – vorwiegend an libanesische Mitbürger.
Es bewegt sich was an der Levanteküste. Die Leute kaufen Kunst. Und zwar nicht mehr nur die alte Bourgeoisie, die immer noch Geld besitzt, sondern auch junge Leute, die zu Vermögen gekommen sind. Einer davon – der Hedgefondsmanager Philippe Jabre – hat die Ausstellung „All about Beirut“ sogar mitfinanziert. „Früher gab es nicht so viele wohlhabende Leute im Libanon“, erklärt Kettaneh-Kunigk die Wende im Land: „Nach diesem Bürgerkrieg sind plötzlich sehr viele Leute sehr reich geworden. Nicht nur durch den Krieg, sondern weil sie gezwungen waren, woanders hinzugehen und ihr Glück zu versuchen, zum Teil mit großem Erfolg.“ Heute speist sich die Stadt aus Menschen mit kosmopoliten Biografien. Die Künstlerin Zena El Khalil ist eine davon. Geboren in London, Kindheit in Nigeria, höhere Schule und Studium in England, Beirut und New York, lebt und arbeitet die junge Frau heute in Beirut. El Khalil hat ihre ganz eigene Art gefunden, mit der Brutalität des Alltags in Beirut umzugehen: In ihrer Malerei setzt sie Glitzer auf Militia, verpasst muskulösen Nackedeis mit goldenem Slip den Palästinenserschal, peppt israelische Propagandaflyer mit rosa Pailletten auf und zwängt die schwarze Silhouette eines Abu Ghuraib-Opfers zwischen pink-türkise Arabesken. Ihre vier Meter hohe Schriftzug-Skulptur A’Salaam Alaykum (Peace be upon you) dreht sich zu schneller Musik im Untergeschoss. Die kleinen Spiegelplättchen lassen das Objekt funkeln wie eine Discokugel: „Wir tanzen viel in Beirut“ erklärt die Künstlerin, denn „tanzen wurde zu einer Form des Heilens.“ Wunsch der Künstlerin wäre es, die Zuschauer umtanzten das silberne Kalb. Um zu genesen – nicht, um zu vergessen. „Wir leben in der andauernden Erniedrigung der scheußlichen Dinge, die wir uns gegenseitig noch vor wenigen Jahren angetan haben“, begründet sie ihr Anliegen. „Ich erinnere mich an die Geschichten über das Holiday Inn. Es ist eines der höchsten Gebäude Beiruts. Während des Bürgerkriegs wurde es von Milizen übernommen Menschen vom Dach zu werfen, um dann im freien Fall noch mit einem Schuss zu erwischen. Heute stehen wir nebeneinander, wenn wir in der Schlange vor dem Nachtclub warten.“
Derzeit wird in Beirut so scharf formuliert wie noch vor Kurzem geschossen. Der Krieg ist in der Kunst allgegenwärtig. Selten so offenbar wie bei El Khalil. Meist existiert er als Schatten. Als Spottgesang auf den Eskapismus begüterter Mitbürger. Oder im wohlweislich unmöglichen Versuch einer gültigen Dokumentation: „Die Frage nach Geschichte und ihren Erzählmodi zieht sich durch mein gesamtes Werk“, erklärt Lamia Joreige. Die Mitbegründerin des Beirut Art Center treibt als Plattformschaffende und als Videokünstlerin ein Thema um: „Manche Fakten, Dramen, Erfahrungen werden nie zu uns durchdringen, sie bleiben unausgesprochen, vergraben. Wir werden ihr Vorkommen nie bezeugen können und nur annehmen, dass es sie gibt, wenn auch fehlend. Geschichte scheint lückenhaft und wird zu subjektiv Erlebtem, zu Geschichten in der ersten Person.“ Ihre Videostills geben die Grobkörnigkeit, die Isoliertheit dieser Geschichten wieder. The end of ... South von 2007 zeigt eine in mauves Licht getauchte Landschaft, eine sich krümmende Straße geht ins Nirgendwo, Strommasten überragen das niedrige Gebüsch des kargen Fleckens. Der unheilvolle Titel gehört zu einer ganzen Serie von Still-Arbeiten. Auch The end of ... A day at the Beach lässt den Betrachter im Trüben fischen. Genauere Umstände geben Helikopter und schemenhafte Menschenmenge in ihrer Undeutlichkeit nicht preis. Die Lücken von Geschichte und Gedächtnis finden zu diffuser Kongruenz. Nur der Titelhalbsatz erinnert an schaurige Vorkommnisse.
Sehr viel schärfer in der Auflösung sind die Aufnahmen Fouad Elkourys. Er begann seine fotografische Karriere in den Siebzigern als Kriegskorrespondent Jassir Arafats. Eine seiner Fotografien zeigt ein Hauswandgraffiti der libanesischen Flagge. Normalerweise prangt die grüne Zeder der maronitischen Christen vor dem reinweißen Schnee der Berggipfel Libanons zwischen zwei roten, vom Blut der Märtyrer getränkten Balken. Doch auf Elkourys Fotografie sprenkeln Einschusslöcher das Nationalsymbol und so belegt der Künstler quasi nebenbei das traurige Kontinuum nationalen Blutvergießens. Der libanesische Schriftsteller Amin Maalouf hat vor Kurzem in einem Interview gesagt, dass die arabische Welt im Moment ihre dunkelste Zeit durchmache. Auch Naila Kettaneh-Kunigk schließt sich dem an: „Im 19. Jahrhundert gab es eine Bewegung namens Nahda. Religion hatte keine Bedeutung. Es ging um Qualität, das Schreiben, Gedanken. Schlicht um Kultur. Heutzutage sind wir durch diese idiotischen Kriege leider in eine Verfestigung extremistischer Positionen geraten. Ob religiös oder nationalistisch, was sie wollen – Extremismus ist der Name. Jeder verteidigt die eigene religiöse Position, die sich natürlich mit der sozialen Position deckt. Das wurde erst in den letzten Jahren so stark. Und bedeutet für uns arabische Länder der Weg in den Untergang.“ Ihre ausgestellten Künstler mögen nichts mit der Nahda-Bewegung gemein haben. Sie verklären weder die Historie noch trachten sie danach, die Grundwerte des Islam mit den Neuerungen der Moderne zu vereinen. Die Moderne ist in Beirut längt angekommen. Mit ihren eigenen Dogmen und der Dekadenz, die ein kriegsverschontes Leben aufzufahren weiß. Die vierzehn Künstler kommentieren das: Lakonisch, dreist, empathisch, beiläufig, spitzzüngig. Doch nie unversöhnlich: „Wenn ich diese Bilder male“, resümiert Zena El Khalil den Stimulus ihrer Arbeit, „kämpfe ich für das Leben. Ich kämpfe für dein Leben. Ich kämpfe für mein Leben.“