Kunst als Mehrwert: Drei Sammelbände zum Jahresbeginn

Das Ende der Beschaulichkeit

Astrid Mania
7. Januar 2010
Die Glücklichen haben sich während der Feiertage erholt. Alle anderen müssen sich zu Beginn des neuen Jahres von den Feiertagen erholen – von zu viel zwangsverordneter Gesellig- und Gemütlichkeit, von klebriger musikalischer Beschallung allerorten, von Sisi- und Walretterfilmen im vorübergehend moralisierten Festtags-Fernsehen. Da kommen drei Sammelbände aus dem transcript Verlag gerade recht, die sich weniger beschaulichen Themen widmen. Zum Einstieg das passende Buch zur Saison. Es handelt vom „zu Viel“, ist dankbarerweise aber zugleich die leichteste Kost unter den vorliegenden Bänden: „Exzess – Von Überschuss in Religion, Kunst und Philosophie“ ist ganz sicher kein Sammelband für all jene, die auf Ausschweifungen und Ungeheuerlichkeiten hoffen. Vielmehr geht es hier um ein recht nüchternes, ja, erfreulich wissenschaftlich-distanziertes Verständnis des Exzessiven im Sinne eines „Über-das-Maßvolle-Hinausgehenden“. Der Begriff wird bereits in der Einleitung auf seinen Sprachgrund zurückgeführt und gründlich von allem Lasterhaften gereinigt – was sich spätestens mit einem Blick auf die Autoren und Geldgeber dieser Publikation erklärt: Sämtliche Beiträge in diesem Band stammen von Lehrenden, Assistenten und einer Studentin der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz. Doch auch wenn man sich von diesem heiligen Schrecken erholt hat und feststellt, dass sich die einzelnen Texte – bis auf zwei Beiträge, die sich explizit dem Thema der maßlosen Liebe Gottes widmen – überwiegend religionsbereinigt lesen, bieten sie wenig Erhellendes für die Künste und die Geisteswissenschaften. Geradezu unfreiwillig komisch kommt in Stellen der Essay von Barbara Schrödl daher, in dem sie untersucht, wie das tradierte Bild vom Künstler als Außenseiter die Kreativkultur prägt und sich für ihre Feldstudie ausgerechnet die Ausgehgewohnheiten auf dem Prenzlauer Berg als Exempel ausgesucht hat. Mit Wonne lesen lässt sich immerhin der Beitrag von Ansgar Kreutzer, in dem es ums Lesen geht und bei dem der Autor seine eigene exzessive Freude an der Sprache erfreulich wenig zügelt und mit herrlichen Anekdoten über Büchersüchtige aufwartet. Man braucht den Exzess, denkt man am Ende, und weiß seine vielseitigen (auch die kirchlich erlaubten) Varianten zu schätzen, aber man wird den Verdacht nicht los, dass das Buch selbst zu dem Überschuss gehört, den es zitiert. Erst die Praxis verändert die genügsame Welt.

Um die praxisverändernde, nämlich die soziale und politische Rolle, die Kunst spielen kann, geht es dann in zwei anderen Publikationen. Der von Lutz Hieber und Stephan Moebius herausgegebene Sammelband „Avantgarden und Politik – Künstlerischer Aktivismus von Dada bis zur Postmoderne“ bietet mit seinen fundierten und teils sehr persönlichen Texten jenen historischen Rundumschlag, den der Titel verspricht. Im vorangestellten Text der Herausgeber werden zunächst die Begriffe Moderne und Avantgarde entschieden und säuberlich voneinander getrennt. Bereits hier wird auch eine dezidierte Kritik an der Museumspolitik im Nachkriegsdeutschland geäußert, die mit ihrer Beschränkung auf die „reine Kunst“ den Blick auf das hochgradig Politisierte mancher Bewegung des 20. Jahrhunderts – etwa Dada und Surrealismus – ebenso verstellt wie sie sämtliche Versuche ausgeblendet habe – beispielsweise im Bauhaus –, den konventionellen Kunstbegriff auszuweiten. Der Chronologie des Buches folgend bietet Jessica Nitsches Abhandlung über „Walter Benjamins Blick auf Avantgarde und Politik am Beispiel der Fotografie“ und seiner Hoffnung, die Fotografie könne Wahrnehmungsweisen verändern, den thematischen Einstieg. Dem schließen sich Essays über Anita Berber und Mary Wigman (Ulrike Wohler), Masson und die surrealistischen Gruppierungen (Moebius), die US-amerikanische Counter Culture (Lutz Hieber), Berichte aus New Yorks SoHo zwischen Kunst- und Schwulenkultur in den 1970ern (Douglas Crimp) oder von feministisch-lesbischen Künstlerinnen und AIDS-AktivistInnen (Joy Episalla und Carrie Moyer) an. Den Endpunkt setzt der gelassen-ruhige Text von Tasos Zembylas, der sich mit der juristischen Problematik von Kunst besonders im öffentlichen Raum beschäftigt, die als politisch oder religiös anstößig empfunden wird, bevor die Herausgeber mit ihrem „Manifest: Gegen die feierliche Stille im Museumssaal“ ihre einführenden Thesen noch einmal zusammenfassen. Die Texte kommen erstaunlich milde, aus manch zeitlicher Distanz schon fast abgeklärt daher, sodass sich diese Publikation mit ihren Augenzeugenberichten durchaus als historisches Nachschlagewerk eignet. Nur eines ist ihr anzulasten – ihre ausschließliche Beschränkung auf Deutschland und die USA. Sicher wird niemand erwarten, dass ein derart breit angelegtes Thema in all seinen auch regionalen Facetten erörtert wird, doch sollte der eurozentristische Tunnelblick gerade bei einem solchen Thema zumindest selbstkritisch angemerkt werden.

Um die gesellschaftspolitische Rolle, die Kunst bei der Heilung von Traumata spielen kann, konkret bei der Erinnerung an Flucht und Vertreibung in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg sowie im Zuge des jugoslawischen Bürgerkriegs, geht es in der deutsch-englischsprachigen Publikation „Erinnerungen in Kultur und Kunst – Reflexionen über Krieg, Flucht und Vertreibung in Europa“. Der Band beginnt denn auch gleich mit einer Diskussion, die 2008 im Goethe-Institut Belgrad stattfand und Künstlern und Historikern aus dem ehemaligen Jugoslawien die Frage „Do we Need Art for Remembrance?“ stellte. Dass solche Podien naturgemäß zu einer Erörterung eigener – künstlerischer – Projekte führen, versteht sich, doch auf diesem Wege kommt hier ein Kapitel engagierter zeitgenössischer Kunst zu Wort, dem sonst selten eine Plattform geboten wird. Als ausgesprochen erkenntnisbringend erweist sich das Gespräch zwischen Boris Buden und Zoran Terzić, das nicht nur die strukturellen Unterschiede zwischen Führerfiguren wie Tito und Tudjman offenlegt, sondern vor diesem Hintergrund auch die (Un)möglichkeit von Eigenverantwortlichkeit und Schuldempfinden diskutiert. Der letzte Teil des Sammelbandes schließlich widmet sich dem heiklen Problem der Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Austausch von Erinnerungen zwischen Ost und West, wie er mit dem Fall des Eisernen Vorhangs erst möglich wurde. Das Thema, das gerade dieser Tage im Zuge der Diskussion um die Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ wieder so emotional und ideologisch scheint, erfährt hier seine Wendung ins besonnen Sachliche. Der Prager Historiker Matej Spurný etwa erläutert die Diskrepanz zwischen einem staatlich-ideologisch geprägten kollektiven Gedächtnis und den Erinnerungen Einzelner und schildert auch die Auswirkungen, die die Gründung zweier Deutscher Staaten auf die Integration der vertriebenen Sudetendeutschen hatte. Zu Wort kommen hier auch der Mediziner Petr Příhoda, der sich noch zu sozialistischen Zeiten mit der Geschichte des Sudetenlandes befasst hatte, oder der polnische Dichter Leszek Szaruga, der sich intensiv mit der deutsch-polnischen Geschichte auseinandersetzt. Spätestens hier wird aus einer Publikation über die Rolle von Kunst ein Geschichtsbuch, ein Plädoyer für Pluralität und Versöhnlichkeit, und das ist keinesfalls als Kritik zu verstehen. Wenn aus einer Beschäftigung mit engagierter Kunst solche Debatten entstehen können, dann hätte sich auch die Grundfrage dieser Publikation beantwortet: Kunst leistet eine notwendige Rolle bei der Erinnerungsarbeit. Kunst kann also auf mehr als sich selbst verweisen. Sie kann, hier trifft das Wort zu, „forschen“. Und zwar, indem sie neue Perspektiven auf alte Forschungsthemen schafft. Wenn die Kunst ihre Themen ernst nimmt, sollte man auch die Kunst ernst nehmen. Dann und wann lohnt es sich, wenn wir alle uns daran erinnern.

Edeltraud Koller, Barbara Schrödl, Anita Schwantner (Hg.): Exzess – Vom Überschuss in Religion, Kunst und Philosophie. transcript Verlag, Bielefeld 2009, 218 Seiten, kart. ISBN 978-3-8376-1192-2, Euro 24,80

Lutz Hieber, Stephan Moebius (Hg.): Avantgarden und Politik – Künstlerischer Aktivismus von Dada bis zur Postmoderne. transcript Verlag, Bielefeld 2009, 254 Seiten, kart., zahlr. Abb. ISBN 978-3-8376-1167-0, Euro 25,80

Anne von Oswald, Andrea Schmelz, Tanja Lenuweit (Hg.): Erinnerungen in Kultur und Kunst. Reflexionen über Krieg, Flucht und Vertreibung in Europa. transcript Verlag, Bielefeld 2009, 250 Seiten, kart., zahlr. z.T. farb. Abb. ISBN 978-3-8376-1202-8, Euro 27,80


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