Kunst als Investition I

Recherche über den ökonomischen Sinn des Kunstsammelns. Teil 1

Anne Marie Freybourg
10. Oktober 2004
Die hohen, nein, man muss präziser sagen: die radikalen und absoluten Verluste, die ich vorletztes Jahr mit meinen Investitionen am Neuen Markt erlitten habe, sitzen mir noch heute in den Knochen.

Vergangene  Woche besprach ich trotzdem mit meinem Steuerberater die Idee, etwas Geld in zeitgenössische Kunst zu investieren. Seine Augen wurden so eng wie sein westfälischer Mund schmal ist. Er stöhnte auf und rief: "Kunst hat doch keinen Gebrauchswert!" Mein Berliner, alt-marxistischer Steuerberater hielt mich für völlig verblendet und auf dem sicheren Weg, schon wieder Geld aus dem Fenster zu werfen. Ein Erlebnis besonderer Art war es für mich gewesen, wie mein Geld damals im Internet-Fonds verdampfte.

Mein Steuerberater hatte mich gewarnt und, um mein Vertrauen in das Internet zu erschüttern, aus dem Kommunistischen Manifest zitiert: "Alles Stehende und Ständische verdampft." Ich hielt seine Skepsis für die Fehleinschätzung eines Internetignoranten. Denn ist der virtuelle, fließende und kollektivistische Raum des Internets nicht gerade das absolute Gegenteil?

Der Hunger nach neuen Werten aber hatte sich definitiv verflüchtigt, ganz ohne Appetitzügler. Mein jetzt wieder erwirtschaftetes "überschüssiges Geld", wie ich es nannte, wollte ich in alte Werte investieren. Das schon im Portefeuille stehende Siemenspaket aufzustocken, erschien mir jedoch wenig attraktiv – im Gegensatz zur Investition in einen mir eher unvertrauten Sektor. Ich wollte mit etwas Unbekanntem beginnen. Vor meinem inneren Geldauge entfaltete sich die glitzernde Aura des Kunstmarktes und die magische Attraktivität der Kunstwerke. Ja, mein Entschluss stand eigentlich fest, ich wollte diesmal zeitgenössische Kunst kaufen. Doch quälte mich noch die Frage: Macht es ökonomisch Sinn, Kunst zu kaufen?

Es gibt eine Fülle von Nachrichten und Informationen über den Geldwert des Kunstsammelns. Die wöchentlichen Kunstmarktberichte in der zweitgrößten deutschen überregionalen Zeitung, die in geheimnisvoller Bedeutung zusammen mit der Rubrik "Ehewünsche und Partnerschaften" in einem Mantel gedruckt und vor die regelmäßige Beilage "Beruf und Chancen" gelegt werden, geben einen sachbetonten Überblick über Geschehnisse im Kunsthandel. Umrandet von Wünschen und Chancen, fällt noch etwas auf. Diese Artikel der Rubrik "Kunstmarkt" sind merkwürdig abgekoppelt von den Ausstellungskritiken im Feuilleton, obgleich zum Teil über die gleichen Künstler berichtet wird. Die Diskussion des ästhetischen Wertes wird vom ökonomischen Wert des Kunstwerkes anscheinend gezielt losgelöst. Gleichzeitig erwecken Wirtschaftsmagazine mit Kurzberichten zum Kunstmarkt, die zwischen anderen Wirtschaftsnachrichten eingestreut sind, den Eindruck, dass Aktiengeschäfte, Rohstoffhandel und Kunsthandel in eine Linie des Wirtschaftsgeschehens gehören.

Jede Skepsis, ob Kunst wirklich eine gewinnträchtige Handelsware sein kann, wird in dem Münchner Spezialmagazin "art investor" beruhigt: "Kunst hat sich als handelbar erwiesen". Das ist historisch richtig. Schon in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gab es erfolgreiche Auktionen für Kunstwerke in den niederländischen Städten Antwerpen und Amsterdam, organisiert von der Lukasgilde, der Zunft der Maler. Von der Handelbarkeit wird dann im gleichen Artikel die Linie zum Gewinn gezogen. "Schaut man zurück, zeigt sich, dass sich Arbeiten - gerade renommierter Künstler - immer und immer wieder veräußern lassen und das mit Gewinn." Das klingt für meine auf Kunstinvestitionen gerichteten Ohren sehr gut, ist aber in seiner Aussagekraft doch sehr vage, klingt wie Kaffeesatzleserei.

Ich habe grundsätzlich keine festen Anlage-Theorien und folge keinem Börsen-Guru. Ich lasse mich bei meinen Investitionen von meinem Temperament leiten. Gleichzeitig versuche ich, durch nüchterne Analyse der Fakten eine Einschätzung der Marktlage und der möglichen Wertentwicklung zu gewinnen - wie eben jeder guter Banker auch mit Bauch und Verstand arbeitet.

Irritierend bei der Kunstinvestition ist, dass der Kunstmarkt mit Messen, Auktionen und Handel - so sagen alle - extrem intransparent ist. Die Intransparenz des Kunstmarktes ist nicht nur eine manipulative Strategie, sondern gleichfalls strukturell begründet. Die Intransparenz rührt eben auch aus der mangelnden Datenobjektivität und der zeitlichen Diskontinuität des Handels her. Es werden viele statistische Kurven und Balken veröffentlicht, Geschichten von glücklichen Verkäufen und unglaublichen Wertsteigerungen erzählt.

Ein mittelformatiges Bild des belgischen Malers Luc Tuymans hat 1999 27.000 US$ gekostet; jetzt wird das gleiche Bild für 125.000 US$ angeboten. Wenn sich dieser Preis realisieren sollte, dann wird der ehemalige Besitzer 98.000 US$ Gewinn einstreichen und eine Rendite von 363 % auf seine damalige Investition haben. Traumhafte Spannen, wie sie früher auch mit russischen Junk-Bonds zu erzielen waren. Sicherlich, jeder kann in seinem Kaufmannsladen Dinge und Waren zu Preisen anbieten, wie er glaubt, sie realisieren zu können. Noch ist jedoch offen, ob sich dieser Preis durchsetzen lässt.

Auktionen erscheinen da realistischer und transparenter zu sein, weil sich der Preis im Augenblick des Angebots durch die reale oder nicht bestehende Nachfrage realisiert. "Hat vor neun Jahren ein Bild von Marlene Dumas auf der Auktion 37.000 US$ gekostet, so wird heute ein frühes, vergleichbar großes Bild von ihr zwischen 250 - 350.000 US$ geschätzt und sogar zu 635.000 US$ losgeschlagen. Jungstars wie Daniel Richter sind innerhalb kürzester Zeit von 12.000 auf 130.000 US$ für gleiche Größen gestiegen. Sensationell ist das, da ist viel Geld drin", schwärmt ein angesehener Galerist. Ob sich diese Preishöhen halten werden, ist sehr viel positiver für eine ausgereifte Künstlerin wie Dumas einzuschätzen als für einen Künstler, der erst seit wenigen Jahre post academia produziert. Es ist ja bei einem jungen Künstlerjahrgang nicht - wie nach einem guten Sommer - generell von einem hohen Öchslegrad als Grundlage der Qualität auszugehen. Man kann einfach noch nicht einschätzen, ob künstlerische Kondition und Qualität des Werkes durchhalten werden.

Hochgetriebene Preise können dann realisiert werden, wenn es für die Werke eines Künstlers Wartelisten williger Käufer gibt; wenn das Angebot knapp, die Nachfrage extrem groß ist. Ob der Preis jedoch eine richtige Bewertung darstellt, ist schwierig zu beurteilen. Denn selten ist es für den Kunstinteressenten nachvollziehbar, was die Gründe für die Knappheit des Angebots sind. Vielleicht ist der Preis gestiegen, weil - wie bei der Kaffeebohne - durch klimatische Einbrüche die Ernte schlecht war. Vielleicht auch weil - wie beim Rohöl - die Fördermengen aus taktisch-politischen Gründen gesenkt wurden und daraus preistreibende Knappheiten entstanden sind. Natürlich werden im Kunsthandel künstliche, taktisch eingesetzte Angebotsreduzierungen ebenso wenig aufgedeckt wie eine Verknappung, die durch die Schaffenskrise des Künstlers verursacht ist.

Das Bedürfnis nach höherer Transparenz des Kunstmarktes ist illusorisch, weil neben der Sache. Auch Messen und Auktionen ermöglichen keine Handelsstrukturen, die der Börse mit ihrem international geordneten und nach strengen Regeln durchgeführten Kauf und Verkauf und der daraus resultierenden Preistransparenz vergleichbar wären. Die gerne vom Kunstmarkt benutzte Börsenrhetorik hilft über diese Differenz nicht hinweg. Offen bleibt also immer noch, mit welchen wirtschaftlichen Daten die Entscheidung für einen Kunstkauf untersetzt werden kann, wenn Angebot und Nachfrage nicht, wie für andere Wirtschaftsgüter, objektivierbar sind.

Die Investition in Kunst hatte immer schon und wird weiterhin eine äußerst spekulative Qualität haben, was aber noch nicht gegen den gesuchten ökonomischen Sinn des Kunstkaufens spricht. In jedem Lehrbuch der Betriebswirtschaft steht, dass Risiko und Vertrauen die entscheidenden Parameter investiven Handelns sind. Banken handeln mit Risiken und haben mit Fonds und anderen Anlageinstrumenten Wege gefunden, die Risiken zu verteilen. Kunstsammler haben - soweit man weiß - eine solche gemeinschaftlich getragene Risikoverteilung noch nicht organisiert. Vielleicht entsteht ja aus dem Risiko des Kunstkaufens auch ein besonderer thrill, den man gar nicht wirklich mindern will.

Die Abbildungen zeigen die zehn teuersten Kunstwerke, die jemals verkauft wurden.


Mehr im Dossier  Kunst und Markt

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