Kulturpreis der DGPh für Steven J. Sasson

Der „Toaster“, der die Fotografie revolutionierte

Damian Zimmermann
30. September 2008
Als Steven J. Sasson 1975 mit seinem selbst zusammengeschusterten Apparat das erste digitale Foto der Welt aufnahm und damit die Digitalkamera erfand, wusste er noch nicht, welche weitreichenden Folgen dies haben würde. Das wurde ihm erst rund 20 Jahre später bewusst, als er unter den Massentouristen des Yellowstone-Nationalparks die ersten Digitalfotografierer entdeckte. Heute sind Analogfotografien exotische Ausnahmen vom Digitalalltag und noch immer beruhen praktisch alle verkauften digitalen Kameras auf seiner Entwicklung. Von der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) hat er dafür nun während der Photokina in Köln den Kulturpreis erhalten. Er ist die höchste Auszeichnung, die die Gesellschaft für wegweisende Leistungen auf wissenschaftlichem, künstlerischem, kulturellem oder humanitärem Gebiet seit 1959 verleiht.

Dabei hat alles recht harmlos angefangen, als Sasson 1973 im Alter von 23 Jahren gleich nach dem Studium im Labor für angewandte Forschung bei Eastman Kodak in Rochester landete. Seine damalige Freundin gab ihm den Tipp, dass die Firma nach Ingenieuren suche, weil Kameras zunehmend Elektronik enthielten, um Automatikfunktionen zu steuern. Doch erst als ihn sein Chef Gareth A. Lloyd beauftragte, sich einen neuartigen CCD-Chip anzusehen, der Licht in elektronische Daten umwandelt und speichert, kam ihm der Gedanke, gleich eine neuartige Kamera zu bauen, die eine „filmlose Fotografie“ ermöglichen sollte – aus heutiger Sicht blanke Ironie, schließlich gehörte Kodak zu den größten Film-Herstellern der Welt und sollte sich mit einer solchen Entwicklung nur selbst Konkurrenz machen.

Zwei Jahre später war es schließlich so weit: Sasson und sein Team entwickelten aus einem Analog-Digital-Wandler von Motorola, einer optischen Linse aus einer Kodak-Kamera und einem lichtempfindlichen Chip aus dem Hause Fairchild den ersten Prototypen. Das Ergebnis war – verglichen mit heutigen Digitalkameras – mehr als ernüchternd: Der Prototyp hatte die Ausmaße eines Toasters, war 3,6 Kilogramm schwer und in der Lage, Schwarzweiß-Aufnahmen mit einer Auflösung von 0,01 Megapixeln - also gerade einmal 100 mal 100 Punkten - auf einem digitalen Magnetband zu speichern. Das Gerät benötigte 23 Sekunden, um das Bild aufzuzeichnen und nochmals 23 Sekunden, um es auf einem Fernseher abzubilden. Und das erste Bild zeigte nicht viel mehr als ein schemenhaftes Etwas, das seine Assistentin Joy Marshall darstellen sollte. Die sollte das „Bild“ auf dem Fernseher dann auch nur trocken mit dem Satz „Da müsst ihr euch wohl nochmal an die Arbeit machen“ kommentiert haben. Manchmal tauchen Revolutionen eben aus dem Nebel auf.

Und eine Revolution war Sassons Entwicklung tatsächlich – mit all den Vor- und Nachteilen einer neuen Epoche. Die digitale Fotografie verleite heute zum Knipsen und die Qualität reiche noch immer nicht an die eines guten analogen Films heran, sagen die Kritiker. Doch für Sasson selbst liegt der Unterschied vor allem darin, dass man „Erfahrungen miteinander teilen kann“, wie er erklärt. „Meine Kinder nutzen ihre Kamera dafür, indem sie ihre wirklich schlechten Bilder ständig an Freunde schicken und sie so an ihrem Leben teilhaben lassen.“ Die aktivsten Beispiele im Internet sind wohl Flickr, Facebook und kleinere Diskussionsplattformen, in denen permanent Bilder hochgeladen und Kommentare geschrieben werden. Vom Fotoalbum bis zur Dating-Community, vom militärischen Zielfoto bis zum Tatortbild hat sich so der Bildgebrauch beschleunigt und zum Teil auch demokratisiert.

Gleichzeitig hat die digitale Fotografie aber auch Manipulationsversuchen Tür und Tor geöffnet – mit der Folge, dass der Betrachter plötzlich begann, die Fotografie im Allgemeinen und somit auch die bis dahin als angeblich „unverfälscht“ geltende analoge Fotografie auf ihren Wahrheitsanspruch hin zu überprüfen. Diese Ambivalenz zwischen Befürwortung und Ablehnung der digitalen Fotografie spiegelt sich auch in der Kunst wider. Manche „ernsthafte“ Fotografen lehnen es bis heute – meist aus Qualitätsgründen – ab, ihre Projekte digital zu fotografieren und rümpfen die Nase, wenn es andere tun. Der Großteil dürfte allerdings die Vorteile beider Techniken für sich nutzen: Sie fotografieren noch immer analog, digitalisieren aber anschießend ihre Negative oder Dias, um durch die Bildbearbeitung am Computer wesentlich einfacher und perfekter als in der Dunkelkammer die gewollten Ergebnisse zu erzielen.

Und was wird die Zukunft bringen? Auch darauf hat Sasson eine Antwort: „Ich glaube, dass sehr viele Menschen darüber nachdenken, wie man das Wesentliche einer Situation einfangen kann. Und dazu gehört eben mehr als nur ein zweidimensionales Abbild. Es geht auch um Geräusche, Gerüche und wie man einen Moment erlebt.“ So spekulativ das auch klingen mag: Fujifilm hat auf der Fotokina bereits eine neue 3D-Digitalkamera vorgestellt, die mit zwei Objektiven arbeitet und dreidimensionale Fotos und Videos erstellt. Die dürfte – im wahrsten Sinne des Wortes – ganz neue Perspektiven eröffnen. Wer daran nicht glaubt, sollte seine neue Digitalkamera noch einmal neben Sassons ungefügen Toaster halten. Auch Kunst wird von ihrer Hartware beeinflusst. Sie braucht manchmal nur länger, um sich daran zu gewöhnen.


Mehr im Dossier  Diktatur der Fotografie

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