Kulturhistorische Grundlagenforschung

Warum Museen Widerhaken brauchen

Astrid Mania
28. Oktober 2010

Kaum ein Kapitel der modernen Kunstgeschichte wird so mystifiziert, ja, romantisiert wie das der russischen Avantgarde. Das Scheitern ihres Anspruchs auf gesellschaftliche Veränderung wirkt bis heute als Trauma nach und wird immer noch als Argument für die (behauptete) soziale und politische Impotenz der bildenden Kunst herangezogen. Umso mehr tut ein nüchterner Blick auf die Faktenlage, auf die Jahre nach der Russischen Revolution not. Pionierarbeit auf diesem Gebiet leisteten bereits 1979 Hubertus Gaßner und Eckhart Gillen mit ihrem Band „Zwischen Revolutionskunst und Sozialistischem Realismus. Dokumente und Kommentare, Kunstdebatten in der Sowjetunion von 1917-1934“ (DuMont Buchverlag, Köln 1979). Die Publikation machte erstmals in deutscher Übersetzung Künstlertexte über den Streit zwischen der konstruktivistischen und realistischen Kunst in der Sowjetunion verfügbar und offenbarte die unverhohlenen Machtkämpfe, das Ringen um institutionellen und politischen Einfluss. Nun ist mit „Über die Dinge. Texte der russischen Avantgarde“ ein weiterer Band erschienen, der wichtige Originalquellen aus den 1920er- und frühen 30er-Jahren in deutscher Sprache zugänglich macht. Die Herausgeberin Anke Hennig konzentriert sich auf die künstlerische, literarische und philosophische Beschäftigung mit „dem Ding“, und zwar vor dem Hintergrund der Industrialisierung der Sowjetunion. Die Debatten sind, wie zu erwarten, zutiefst ideologisch geprägt – und polemisch. So stichelt etwa Boris Arvatov, der für die Abkehr vom Bild eintritt, über „Quadrätchen aus der Küche von Malevič“. Nun ist vieles, was hier auf fast 900 Seiten abgedruckt steht, bisweilen so staubtrockenknirschend wie eine Abhandlung aus der Feder Lenins selbst, doch die Gedichtexperimente von Aleksej Čičerin etwa lesen sich ganz theoriefrei. Ansonsten ist diese kleinbuchstabige und renitent abbildungsfreie Quellensammlung eher eine Lektüre für Spezialisten und Liebhaber der Materie, zumal Hennigs gelegentlich kontroverse Thesen einen aktiven Leser erwarten, der sich ein eigenes Bild zu machen versteht. Ihre Feststellung etwa, die russische Avantgarde habe nicht allein ein „äußeres Ende“ gehabt, das spätestens mit der Implementierung des sozialistischen Realismus 1934 unter Stalin erreicht war, sondern sei durch „die letzte avantgardistische Poetik“ als utopisches Projekt bis an „ihre innere Grenze geführt“ worden, dürfte nicht jedem Verehrer des Avantgarde-Gedankens gefallen. Quellen aber sind bekanntermaßen interpretierbar. Dass sie nun überhaupt vorliegen und überdies sorgfältig übersetzt wurden, ist das große Verdienst dieses Buches.

Um Sachlichkeit und Grundlagenforschung bemüht sich auch ein neuer Katalog des Berliner Georg-Kolbe-Museums, auch wenn die schwelgerische Alliteration im Titel „Wilde Welten“ geradezu romantisch klingt. Konkret geht es um die „Aneignung des Fremden in der Moderne“, wie der Untertitel verrät. Wer jetzt zum wiederholten Male eine Dokumentation zur Kunst der Moderne erwartet, wird angenehm überrascht sein. Denn die Beiträge im Katalog befassen sich weniger mit einzelnen Werken und deren Verhältnis zu den außereuropäischen Vorbildern – hierzu sei auf den grundlegenden Katalog „‘Primitivism‘ in 20th Century Art: Affinity of the Tribal and the Modern“ zur gleichnamigen Schau im New Yorker Museum of Modern Art, 1984, verwiesen. Stattdessen blicken die Autoren auf die institutionellen und gesellschaftlichen Strukturen in Deutschland um 1900, die mit dem Interesse am „Fremden“ einhergehen oder von diesem genährt wurden. Vieles, was die Autoren fußnotenreich zusammentragen, ist hinlänglich bekannt. Interessant wird all dies in der Kombination: So findet sich ein Beitrag zur Instrumentalisierung des „Exotischen“ in der Werbung jener Zeit neben einem Essay zur „Rezeption ‚Primitiver Kunst’ im kunstwissenschaftlichen Diskurs um 1900“ oder auch zu „Exotischen Künstlermodellen“. Gerade dieser Text aber hätte einer redaktionellen Überarbeitung bedurft, die für jene sprachliche Distanz zum Forschungsgegenstand gesorgt hätte, zu der die Autorin Ursel Berger, aus welchen Gründen auch immer, nicht fähig war. Sicher ist es auch sinnvoll, wenn sich eine solche, ausschließlich auf Deutsch vorliegende und auf den deutschen Sprachraum beziehende Publikation einen engen geografischen und historischen Forschungsrahmen steckt. Doch wird durch diese – einer Ängstlichkeit geschuldete? – enge Perspektive der wichtige und spannende Brückenschlag in die Gegenwart vermieden. Die aktuelle kontroverse Diskussion um den Umgang mit ethnografischen Sammlungen und Restitutionsforderungen Betroffener etwa bleibt ausgeklammert. Und dass hier ausschließlich deutsche Autoren zu Wort kommen, muss wohl kaum noch erwähnt werden. So kreist die westeuropäische Kunstgeschichte wieder einmal, wenn auch im Bewusstsein politischer Korrektheit und ausgesprochen faktenreich, um sich selbst.

Dass zu Zeiten des Kolonialismus Vertreter kolonisierter Völker unter unwürdigsten Verhältnissen als Jahrmarktsattraktionen zur Schau gestellt wurden, das beklagt „Wilde Welten“ zu Recht. Vor dem Hintergrund einer solchen Pervertierung des Zeigens könnte da ein Sammelband, der sich einer „Politik des Zeigens“ verschrieben hat, gerade recht kommen. Aber wie es so oft bei Publikationen der Fall ist, die einer interdisziplinären Tagung entspringen, ergeht sich auch hier ein jeder allein auf dem enggesteckten theoretischen Feld seines Fachs. Hans Ulrich Gumbrecht verweist daher, sympathischerweise, zu Recht auf die Unvollständigkeit seines publizistischen Vorhabens und fasst auch noch einmal die Schwierigkeit zusammen, ein nicht-sprachliches Phänomen wie das Zeigen vor dem Hintergrund einer zeitgenössischen Philosophie zu verhandeln, die sich ganz und gar der Sprache verschrieben hat. Nachdem das Buch evolutionstheoretische und pädagogische Ansätze verhandelt, wird dem Kunstkontext unter der Rubrik „Ausstellen und Zeigen“ recht viel Platz eingeräumt. Von den drei Texten aber kann man zwei getrost überfliegen. Ludger Schwarte hängt seinen historischen Abriss zur Ausstellung an der wenig originellen These auf, dass ein ästhetisches Objekt erst durch den „performativen Akt“ der Ausstellung zum Kunstwerk wird, während Stephan Schmidt-Wulffen seinen Essay „Kontexte des Zeigens“ zu einem Abriss einer Kunstgeschichte der Moderne nutzt – wenn er auch vielversprechend mit dem Akt des Zeigens im Künstleratelier einsetzt. Lesenswert ist der Beitrag Karen van den Bergs, und zwar aus zweierlei Gründen: Zum einen leitet sie den Ursprung des Museums nicht, wie es Konvention wurde, aus den fürstlichen Kunst- und Wunderkammern her, sondern bringt das Theatrum naturae et artis, die Sammlungen und Forschungsstudios der Wissenschaftler, als weiteren institutionellen Ahnherrn ins Spiel – was den Vorwurf an das Museum, vor allem Repräsentationsstätte und Ort zur Selbstdarstellung zu sein, schwächt. Zum anderen schlägt sie eine bedenkenswerte Antwort auf die Frage vor, warum sich aktuell eine solch große Nachfrage nach Museen entwickeln konnte, in denen vorrangig dekontextualisierte und „weltfreie“ Gegenstände präsentiert werden. Sie folgt dabei Georg Simmels These vom Auseinandertreten der Dinge und Menschen: Aus der zunehmenden Komplexität der Dinge rühre ein gesteigertes Interesse an Objekten, an deren Betrachtung und Erkundung – eine soziologische Erklärung, die sich tatsächlich gewinnbringend auf das zeitgenössische Museum jeglicher Couleur übertragen lässt. Das Museum sei der Ort, so van den Berg, in dem „Bedeutungen und Resonanzräume“ gestiftet werden könnten, die anderswo vermisst würden. Das ist eine verführerische These, die vor dem Hintergrund des jüngsten Museumsbooms für Kontroversen sorgen könnte. Manches Museum müsste sich fragen lassen, ob seine populistische Zurichtung Resonanzen überhaupt noch erlaubt. Für jeden aber, der sich mit der historischen und gegenwärtigen Rolle dieser Institution auseinandersetzen möchte, ist van den Bergs Analyse ein inspirierender Beitrag. Der Rest des Buches mag dann selbst für diesen klugen Aufsatz als Resonanzboden dienen.

Anke Hennig (Hg.): „Über die Dinge. Texte der russischen Avantgarde“, Philo Fine Arts, Hamburg 2010. 910 Seiten, keine Abb. ISBN 978-3-86572-580-6, EUR 26,--

Ursel Berger/Christiane Wanken (Hg.): „Wilde Welten – Aneignung des Fremden in der Moderne“, Katalog Georg-Kolbe-Museum, Berlin 2010. 144 Seiten, 139 s/w sowie 15 farbige Abb., ISBN 978-3-7338-0376-6, EUR 24,90

Karen van den Berg/Hans Ulrich Gumbrecht (Hg.): „Politik des Zeigens“, Wilhelm Fink Verlag, München 2010. 203 Seiten, div. s/w Abb. ISBN 978-3-7705-5056-2, EUR 24,90


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