27. Juli 2006
Bis in die Feuilletons, Gazetten und Hochglanzmagazine schafften es die Meldungen über Gustav Klimts „Goldene Adele“ in den vergangenen Monaten. Nun erreicht uns aus dem Dunstkreis des gerade zum teuersten Kunstwerk der Welt avancierten Gemäldes eine weitere Nachricht: Die Trophäe – von ihrem neuen Eigentümer Ronald S. Lauder, Sohn der Kosmetikmogulin Estée Lauder, sehr bescheiden die „Mona Lisa Manhattans“ geheißen – ist jetzt in dessen Privatmuseum Neue Galerie New York auf der Fifth Avenue zu bewundern. Zum Sammlungsbestand gehört das ungeheure Bild nämlich, seit Lauder es nach jahrelangem Tauziehen mit bzw. gegen die Regierung Österreichs zum Spottpreis von 135 Millionen US-Dollar erwerben konnte. Jetzt soll – und das ist der eigentliche Donnerschlag im schwül-heißen Sommerloch – wer Adele und ihre Entourage von vier weiteren Klimt-Werken in der New Yorker Kabinettschau bewundern möchte, 50,- US-Dollar löhnen.
Nun ja, die Schmonzetten, die den Horrorkrimi dieser Erwerbung begleiten, sind auf die freundlichste Weise in ungezählten Artikeln wiedergekäut worden. Stets höflich manchem Knackpunkt ausweichend. Jedenfalls gab es ein Testament der früh verstorbenen Adele Bloch-Bauer, in welchem sie verfügte, dass besagtes Porträt zusammen mit ihren anderen Klimt-Werken dereinst in österreichischen Museumsbesitz übergehen sollte. So geschah es auch, jedoch unterlief dabei mehr als ein allein peinlicher Schönheitsfehler, denn der jüdischen Familie war der Besitz quasi weggenommen worden. Über Jahre hinweg stand Position gegen Position. Die eine Seite, letzten Endes die Republik Osterreich, bezeichnete die Klimt-Trophäen als rechtmäßig ererbten Kunstbesitz und zeigte sie siegesgewiss und stolz als Kernbestand im Wiener Oberen Belvedere. Die Erben der Bloch-Bauers, vertreten durch versierte Anwälte, sahen das aber ganz anders und klagten zunehmend vehement und international öffentlich vernehmbar: „Kunstklau!“.
Komplexe juristische Volten erwirkten schließlich, dass der letzten überlebenden Nichte von Adele, einer Frau Altmann im fernen Kalifornien, gestattet wurde, gegen den österreichischen Staat Klage zu führen. Gesagt, getan mit dem Zwischenergebnis Patt. Es folgte ein noch lauterer Empörungsschrei auf internationalem Parkett und zunehmender Druck auf den Besitzer und, nach Meinung einiger, höchst fragwürdigen Eigentümer: die Republik Österreich.
Weil sich niemand mit keinem einigen mochte und einige das Zünglein am Wertekanon des Zeitgeistes besonders effizient für sich zu bedienen wussten, kam es dazu, dass eine Expertenkommission eingesetzt wurde, die unabhängig ein Urteil finden sollte, wem denn nun das Klimterbe mit Provenienz Bloch-Bauer zustehe. Im Angesicht des herrschenden Restitutionsklimas, wo auch so prominenten Sammlungen wie den Neuen Meistern in Dresden schon mal ein Menzel verloren geht, war das Ergebnis relativ unüberraschend. Es obsiegte die Moral. Und plötzlich war die rechtmäßige Eigentümerin (die die Arbeiten jedoch eigentlich nie in ihren Besitz nahm) Frau Altmann. Diese hatte zwar verschiedentlich durch ihren Rechtsbeistand wissen lassen, sie rekurriere auf ein Kaufangebot des Staates Österreich – doch der Preis befand sich im Bereich dreistelliger Millionenbeträge und Österreich war überdies verschnupft.
Und dann kam alles so, wie Insider es seit Jahren beschworen hatten: Lauder – Tausendsassa mit ausgeprägter Austrophilie und gleichzeitig aber auch einer der Mitbegründer und Financiers der Jewish Claims Conference – erweiterte den Kunstbegriff minimal, indem er Adele zärtlich die „Mona Lisa von Manhattan“ nannte und sie käuflich erwarb. Unwidersprochen gebliebenen Meldungen zufolge zahlte er für diesen Coup 135 Millionen Dollar. Oder 139 Millionen. Der Preis ist ja Nebensache und, da aus der Privatschatulle eines augenscheinlich recht wohlhabenden Mäzens stammend, Privatsache. Aber privat ist hier natürlich so gut wie nichts.
Lauders Liebe, insbesondere zur österreichischen Kunst der letzten Jahrhundertwende, führte den heutigen Präsidenten des MoMA und einstigen Botschafter der USA in Österreich unter Ronald Reagan zu derartigen Kaufräuschen, dass er nach kürzester Zeit trotz Diplomatenstatus gar nicht mehr so gut gelitten war in der Alpenrepublik. Zuviel Kunst war in die USA ausgewandert. So ergab es sich, dass Lauder im mütterlichen Betrieb verantwortungsvolle Tätigkeiten erwarteten und er in die Heimat zurückkehrte. Immer noch ging die bodenlose Liebe zu Südmittelosteuropa so weit, dass Lauder nach dem Mauerfall 1989 jede Menge Fernsehsender in Mittel- und Osteuropa eröffnete und aufbaute und damit eine Art Balkaninformationsmonopol etablierte – mit Schwerpunkt Pressefreiheit vermutlich. Von der hoch betagten Frau Altmann jedenfalls wusste die New York Times zu berichten, dass Lauder sie seit Jahren immer so nett angerufen habe und ihr jede juristische Hilfe zusprach, in ihrer Suche nach dem Recht der Gerechten.
Und nun ist Gerechtigkeit widerfahren denen, die da ausharrten und die Österreich lieben und die finden, dass das sowieso noch immer alle Nazis sind. Sagt Elfriede Jelinek ja auch. Und die da nicht rufen Restitution, sondern die auch am Telefon moralischen Beistand bekunden und vermutlich manche juristische Kostennote vorfinanzieren halfen – man denke an den Streitwert... Muss man sich also angesichts solcher Ungeheuerlichkeiten wirklich noch darüber aufregen, dass dieser Lauder jetzt 50 Dollar verlangt, damit man sich vis-à-vis der goldenen Adele alias Mona Lisa niederlassen und dekadente Kunst, wenngleich grottenschlechte Malerei, ansehen darf? Mal ehrlich!