Kommentar zur 7. Berlin Biennale

Der Schlüssel zur Welt

Dorothee Albrecht, Ludwig Seyfarth
25. April 2012

7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst – KW – Institute for Contemporary Art, Berlin. Vom 27. April bis 1. Juli 2012

Artur Żmijewski liebt die Provokation und legt seinen Finger gern in soziale und politische Wunden. Dafür ist der polnische Künstler seit Jahren bekannt, etwa durch einen Film, in dem er einem ehemaligen KZ-Insassen vorschlägt, seine in den Arm tätowierte Häftlingsnummer erneuern zu lassen. Nun hat er zusammen mit Joanna Warsza und der Gruppe Wojna die 7. Berlin Biennale kuratiert, die morgen eröffnet. Bereits seit Monaten ist klar: Auch hier wird an Empfindlichkeiten und Tabubereichen vor allem der deutschen Gesellschaft gerührt. Und der saturierten Szene, die die zeitgenössische Kunst vor allem auf Eröffnungs- und Dinnerparties zelebriert – insbesondere beim parallel startenden Gallery Weekend – wird ein drastischer Spiegel vorgehalten.

Instinktsicher verursachte die Biennale schon im Vorfeld heftige öffentliche Reaktionen. Wer bei Martin Zets Deutschland schafft es ab – Buchsammelaktion reflexhaft mit erhobenem Zeigefinger an die Bücherverbrennungen der Nazis erinnerte, lieferte genau die Reaktion, mit der der tschechische Künstler und die Biennale-Kuratoren rechneten. Ärgerlich war dagegen eher die dürftige Idee, Besitzer von Thilo Sarrazins vieldiskutiertem Buch Deutschland schafft sich ab aufzufordern, ihre Exemplare an verschiedenen Sammelstellen abzugeben – als gäbe es keine anderen Möglichkeiten, auf anti-migrantische Tendenzen in Deutschland aufmerksam zu machen, als Sarrazins Pamphlet nach seinem Skandalzenit nun ein weiteres Mal Aufmerksamkeit zu verleihen. Der Verdacht drängt sich auf, dass hier jemand von dessen medialer Beachtung profitieren wollte.

Irritation verursachten auch die für Uneingeweihte kryptischen Zeichen und kurzen Schriftzüge, die mit weißer Farbe auf Fensterscheiben von Geschäftsräumen in den Straßen rund um die Auguststraße gemalt wurden. Die Texte sind Ausschnitte aus Wahlwerbungen der deutschen Volksparteien, deren Aussage sich, aus dem Kontext gerissen, völlig verändert. Es handelt sich um Kommentare zu „Happy New Fear”, dem Biennale-Beitrag vom BUREAU Mario Lombardo, das auch die grafische Gestaltung des bb7-Auftritts übernommen hat. So wie Zets Projekt Erinnerungen an die Bücherverbrennungen weckte, lässt Happy New Fear unwillkürlich daran denken, wie von Juden geführte Geschäfte mit dem Stern gebrandmarkt wurden.

Sind solche Aktionen nun künstlerisch und politisch sinnvolle Interventionen oder doch nur ein populistisches Hantieren mit vermeintlichen Tabus? Dass der erste Eindruck täuschen kann, zeigt sich beim Logo der Biennale: Es weckt Assoziationen mit faschistischen Zeichen, ist aber ganz anders gemeint, wie die Co-Kuratorin Joanna Warsza erläutert: „Das Logo setzt sich zusammen aus einem Schriftsatz von Gazprom, dem Euro-Symbol und anderen heutigen Symbolen der Macht. Es bezieht sich auf die Durchsichtigkeit gegenwärtiger kapitalistischer Ideologien und macht diese wieder sichtbar. Über ein starkes Bild muss man nachdenken, manchmal dauert es eine Weile, bis man etwas anderes sieht als die ersten Assoziationen.“

Aber auch direkte Bilder können subtil daherkommen, wie eine Aktion im Vorfeld der Schau zeigt. Der polnische Künstler Łukasz Surowiec ersann mit dem Projekt Berlin-Birkenau gleichsam ein „alternatives“ Holocaust-Mahnmal. In Zusammenarbeit mit Schülern, Verwaltungsangestellten und engagierten Bürgern wurden zwischen Herbst 2011 und Frühjahr 2012 hunderte junger Birken aus der Umgebung des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau nach Berlin verpflanzt. Sie stehen nun in der Wuhlheide in Treptow-Köpenick, in einem neuen Park in Spandau, auf der Gedenkstätte Gleis 17 in Grunewald, auf Schulgeländen und an Orten, an denen historisch eine direkte Verbindung zu den Deportationen besteht.

Ein anderes, ungewöhnliches Monument der Biennale ist der Key of Return, der wohl größte Schlüssel der Welt, eine Tonne schwer und neun Meter lang. Er wurde 2008 von den Bewohnern des Flüchtlingslagers Aida in der Nähe Bethlehems aus Stahl hergestellt und auf dem Eingangstor des Lagers angebracht. Er steht für das Rückkehrrecht der Palästinenser, die während der Massenvertreibungen 1948 und 1967 ihre Wohnungen verlassen mussten, aber ihre Hausschlüssel mitnahmen, weil sie davon ausgingen, bald zurückkehren zu können. Am 12. März 2012 wurde der Key of Return auf die Reise zur Berlin Biennale geschickt – eine Reise, die für die meisten Menschen aus Palästina unmöglich ist. Am 23. April landete er mit Hilfe eines Krans auf dem Hof der KW - Institute for Contemporary Art.

Bei diesem Projekt – übrigens eine Gemeinschaftsarbeit der Berlin Biennale, der Internationalen Kunstakademie Palästina und dem Kreuzberger Kulturhaus Schlesische27 – wird klar: Hier geht es der Ausstellung einmal nicht um Provokation, sondern um symbolisches Handeln, das auf eine Veränderung der Verhältnisse abzielt. Żmijewski spricht von „einer anderen Politik, die nicht auf Gewalt und Furcht gründet“, und hat deshalb auch zahlreiche weitere Aktionen initiiert, die direkt auf bestehende Verhältnisse abzielen, aber außerhalb einer Kunstausstellung vielleicht gar nicht als Kunst verstanden würden. Dies gilt wohl auch für das Künstlerkollektiv Woina, zu Deutsch Krieg, das eingeladen wurde, die Biennale mit zu kuratieren. Woinas anarchistische Straßenkunst richtet sich gegen die russischen Autoritäten und wird von einer Vielzahl anonymer Aktivisten unterstützt. Gegen die Gruppe und ihre Mitstreiter wurden bereits zahlreiche strafrechtliche Prozesse angestrengt, weshalb sie ihre Heimat nicht verlassen können – und wollen, denn ihre Revolution praktizieren sie lieber am Ort des Geschehens.

Übrigens nahm Żmijewski auch mit Berliner Initiativen Kontakt auf, beispielsweise mit Haben und Brauchen, einer mitgliederstarken Gruppe, die sich für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen für Künstler und Kulturschaffende in der Stadt einsetzt. Doch Haben und Brauchen hatte Bedenken, sich mit einer Instrumentalisierung durch die Biennale politisch unglaubwürdig zu machen. Żmijewski hingegen erscheint die Gruppe als „ein zerstreutes Netzwerk von Individualisten“ und nicht als Kollektiv mit politischen Ambitionen. In der Tat passen Diskussionsprozesse, mit denen Haben und Brauchen auf nachhaltige Wirksamkeit setzt, auch nicht wirklich in Żmijewskis aktivistisches Denkmodell.

Aber hat sich die Vorstellung, durch die Kunst direkte poltische Veränderungen herbeizuführen, nicht doch schon zu oft als naiv erwiesen? Für Paweł Althamer, einen der international bekanntesten polnischen Künstler, der ebenfalls an der 7. Berlin Biennale teilnimmt, offenbar nicht. Er schlägt vor, Künstler in Krisengebiete zu entsenden: „Manchmal reicht schon ihre bloße Anwesenheit, einen Konflikt zu beenden und in einen Austausch von Informationen zu verwandeln.“ Aber was genau steuern Künstler bei? Zunächst einmal doch andere Bilder als die üblichen, von den Medien verbreiteten. Und diese selbst herzustellen, lädt Althamer mit seinem Zeichenworkshop „Draftmen‘s Congress“ ein, der zur Biennale in der Elisabethkirche in Berlin-Mitte stattfinden wird.

Vielleicht kann ja Kunst tatsächlich Hoffnung in scheinbar ausweglose Verhältnisse tragen. So wird Teresa Margolles ehemalige Straßenmusiker aus Mexiko, die sich in ihrer gewaltbereiten Stadt nicht mehr nach draußen trauen, verschiedene Versionen des populären Songs La Barca de Oro vortragen lassen. Besungen wird aber nicht, wie in dem bekannten Text des Liedes, der Abschied von einer Frau, sondern derjenige von Ciudad Juárez an der mexikanischen Grenze zur USA, einer der gefährlichsten Städte der Welt. Und plötzlich geht einem das Herz auf, mit einem Schmunzeln wird die sentimentale Schnulze zu ganz großer Kunst, die der Biennale-Publikation sogar als CD beiliegt.

Ähnlich gefühlstark und großartig verläuft das Projekt von Yael Bartana, die mit ihren engagierten, aber auch subtil-ironischen fiktionalen Dokumentationen zur jüngeren jüdischen Geschichte bekannt geworden ist. Bei der Biennale taucht sie als Initiatorin des Jewish Renaissance Movement in Poland (JRMiP) auf, das die Rückkehr von 3.300.000 Juden nach Polen fordert, um die dort nahezu ausgelöschte jüdische Community wiederherzustellen. Fast zu schön, um wahr zu sein, sollte dieses Kunstwerk irgendwann realisiert werden. Während der 7. Berlin Biennale wird es allerdings kaum dazu kommen. Und das gilt wohl für die meisten Arbeiten der Schau.


Zurück zum Vulgärmarxismus von Dorothee Albrecht & Ludwig Seyfarth
Dass sich die Welt ändern muss, ist allgemeiner Konsens. Doch die Berlin Biennale weiß auch keine Lösung.


Weitere Artikel von Dorothee Albrecht, Ludwig Seyfarth


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken