26. Mai 2011
Das Baltic im nordenglischen Gateshead ist neben der Tate Modern und der Tate Liverpool die größte Institution in Großbritannien, in der regelmäßig Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zu sehen sind. Erstmals wird hier, und nicht in einer der beiden Tates in London und Liverpool, die Ausstellung der vier nominierten Künstler und die Verleihung des Turner-Preises stattfinden.
Die Bekanntgabe der Shortlist Anfang Mai rief eine gewisse Verwunderung hervor. Diese galt weniger den beiden Exponenten der Glasgow School, Karla Black und Martin Boyce, die auch in Deutschland schon weithin bekannt sind. Black beschichtet ihre raumgreifenden Objekte aus Folien oder Stoffen mit ungewöhnlichen – oder besser: alltäglichen – Substanzen wie Haarspray oder Lippenstift. Die Skulpturen und Installationen von Martin Boyce beruhen auf einer analytischen und ironischen Auseinandersetzung mit dem modernistischen Erbe in Design und Architektur. Obwohl hierzulande auch schon ausgestellt, ist die Videokünstlerin Hilary Lloyd mit ihren subtilen und repetitiven Inszenierungen des Alltäglichen ein weniger geläufiger Name.
Das ist alles nicht skandalträchtig, aber immerhin formal originelle Kunst mit einem konzeptuellen Touch, wie sie in der internationalen Kunstwelt stets ihr Publikum findet. Aber was hat der Vierte im Bunde, George Shaw, hier zu suchen, von dem das Baltic derzeit bereits eine große Einzelschau zeigt?
In akkurater Manier malt Shaw Reihenhäuser mit Vorgärten, eine Telefonzelle an einem Zaun, eine von Graffitis bedeckte Garagentür, stets menschenleer. All dies sind Motive aus Tile Hill, dem Viertel von Coventry, in dem der Künstler geboren und aufgewachsen ist. Auch wenn die Motive selten dem Kanon des Schönen und besonders Bildwürdigen entsprechen, erfüllen diese Gemälde ansonsten genau den Anspruch von Menschen, die in der Kunst nichts Neues erwarten: handwerkliches Können, Wiedererkennbarkeit und eine wohlig glänzende Oberfläche. Diese entsteht dadurch, dass Shaw nicht mit Öl oder Acryl, sondern ausschließlich mit Emaillefarbe arbeitet, wie sie jugendliche Modellbaufreaks für die Bemalung ihrer Flugzeuge und Schiffe verwenden.
Man kann loben, wie in Katalogtexten und Rezensionen geschehen, dass Shaw es gelänge, unseren Blick auf das Alltägliche und oft Übersehene zu lenken und es dadurch zu adeln. Man könnte auch versuchen, den Einsatz der Emaillefarbe als konzeptuellen Schachzug zu interpretieren, der die biedere Naturtreue von Shaws Bildern über alles andere hinaushebe, das man an Ähnlichem schon tausendmal gesehen hat, auch schon im 19. Jahrhundert, als John Constable aus verregneten Brachen oder Adolph Menzel aus verrotteten Berliner Hinterhöfen malerische Großereignisse machten.
Aber was „erfahren“ wir wirklich aus Shaws Bildern, außer dass die Suburbs englischer Industriestädte genauso aussehen, wie wir es sowieso wissen oder uns immer schon vorgestellt haben? Oder gibt es einen doppelten Boden, eine ironische Volte, die wir übersehen haben?
Nichts deutet darauf hin, auch nicht auf die sozialen und politischen Konflikte hinter der Oberfläche solcher vernachlässigten Quartiere. Shaws Perspektive fehlt jede Form von Distanz oder Weitblick, sie klebt an der bloßen Erscheinung der Dinge und blendet alles andere aus.
Drückt sich in der Nominierung Shaws für den Turner-Preis das politisch konservative Klima in Großbritannien aus? Zumindest scheint sein Oeuvre ästhetisch nicht ganz inadäquat zu der Tatsache, „dass das britische Militär noch heute Maler beschäftigt, die Schlachtendarstellungen in Öl auf Leinwand ausführen“, wie Harun Farocki und Antje Ehmann im Katalog der Ausstellung „Serious Games“ in der Mathildenhöhe Darmstadt schreiben. Auch die Maiausgabe der „Kunstzeitung“ wendet sich auf der Titelseite gegen die „Heroisierung von Soldaten und Waffen“ und die „antiquiert anmutenden Illustratoren“, die als „Embedded Artists“ im wahrsten Sinne des Wortes blutleere Pathetisierungen des Soldatenlebens in Afghanistan daherpinseln.
Was waren es da noch für Zeiten, als das britische Militär den Vortizisten Edward Wadsworth engagierte, um 2000 Schiffe mit kubistischen Tarnanstrichen bemalen zu lassen! Ein gesunder Schwenk vom Geistigen zum Pragmatischen hätte auch vielen Künstlerkollegen Wadsworths gut getan, etwa Franz Marc und August Macke, die sich freiwillig zum Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg gemeldet hatten. Sie erwarteten vom Krieg wohl fälschlicherweise die Wende zum „Großen Geistigen“, die Wassily Kandinsky, ihr Malerkollege aus dem „Blauen Reiter“, proklamiert hatte. Wären sie doch besser zuhause geblieben und hätten sich darauf beschränkt, die Orte ihrer Kindheit abzumalen! Dafür hätten sie möglicherweise noch jahrzehntelang Zeit gehabt, aber heute wären sie mit Sicherheit vergessen. Auch an George Shaw wird man sich in hundert Jahren nicht mehr erinnern, wohl auch nicht an den Turner-Preis, sollte Shaw ihn tatsächlich bekommen.