12. Mai 2011
Anselm Reyle: „Little Cody“ – Contemporary Fine Arts, Berlin. Vom 29. April bis 11. Juni 2011
Die Auseinandersetzung mit Kulturphänomenen, die gerade Jubiläum feiern, ist absehbar wie ein „Malen nach Zahlen“. Kalkuliert oder nicht – in der Galerie Contemporary Fine Arts in Berlin zeigt jetzt Anselm Reyle eine Serie von „Painting by Numbers“-Arbeiten und stellt ihr eine Sofakollektion zur Seite, die als unverkennbares Geburtstagsgeschenk daherkommt: Dreißig Jahre ist es her, dass die italienische, von Ettore Sottsass initiierte Designbewegung auf der Mailänder Möbelmesse blass und müde gewordene Funktionalismusansprüche aufwirbelte. Dieser Befreiungsschlag erlaubte alles - Kitsch, Farbe, billige Materialien, Einbindung von Fundstücken des Alltags oder geschmacklose Redesigns bekannter Entwürfe. Was Memphis verließ, war eigentlich banal, aber provokant, radikal und schräg. Wahrnehmung wurde aufgebrochen, ein sensitorischer Ansatz im Design verfolgt, wie es der Memphis-Aktivist Matteo Thun heute beschreibt.
Auf Muster der Reizempfindlichkeit und ästhetischen Sensibilisierung, wie sie die anarchischen Memphis-Protagonisten spontan hinterfragten und irritierten – die Bewegung verlief sich, als dann eine Flut von Kopien über sie hereinbrach – hat es auch Anselm Reyle mit seiner Grätsche in die Design-Art abgesehen. Seine Sofas, die in ihrer bewussten Reproduziertheit irgendwie aufgeräumt und gezähmt wirken, wie ein kalkuliert auf Irritation angelegtes Vexierbild, entstehen aus gefundenen Möbelstücken, denen er ein stilechtes Memphis-Outfit verpasst hat. Indem Anselm Reyle, der immer wieder im „Objet trouvé“-Genre arbeitet, also Fundstücke recycelnd wiederbelebt und dafür so täuschend echt historische Designvorlagen nutzt, schafft er eine Art Doppel-„re“. Auch das ist gut kalkuliert: re-think, re-imagine, re-use oder eben re-cycling sind die aktuellen Dauerbrenner; ohne „re“ geht sozusagen gar nichts.
Den Einkaufswagen als beliebtes Alltagsbearbeitungsobjekt hat sich gerade der in Frankfurt lebende US-Künstler Mike Bouchet vorgenommen. Shopping Cart Lounger nennt sich das aufgemotzte Readymade, das wie ein zwillingshafter Nachfahre des berühmten Einkaufswagen-Umbaus Consumer’s Rest wirkt. Bereits Anfang der 1980er-Jahre hatte der Berliner Designer Frank Schreiner mit dem in Kleinserie, wie es damals hieß, hergestellten Consumer’s Rest sein Anti-Design-Statement zu Warenästhetik und Konsumpraxis abgegeben. Der niederländische Designer Piet Hein Eek, der sich mit kunstvollen Gebrauchtholzmöbeln gegen permanente serielle Neuerfindungen stellt, präsentierte jetzt auf der Mailänder Möbelmesse Riesensofas, zusammengeschweißt aus verschwiemelten Stahlröhren. Diese Möbelkunst erinnert direkt an die Schweißmöbelmode der 1980er und 1990er-Jahre. Und von der hatte man sich doch eigentlich gewünscht, sie sei schon ausgestanden.
Die Designgeschichte hat viele Ikonen hervorgebracht, die auf Recycling und Readymade-Prinzip beruhen: der wunderbare Traktorsitz Mezzadro der Castiglioni-Brüder aus dem Jahr 1957, der als Gebrauchsobjekt erst in den achtziger Jahren in Serienproduktion ging; das Ölembargo-Protest-Reifensofa der Offenbacher Designgruppe Des-in; Ron Arads berühmter Rover Chair aus dem Jahr 1981, ein as found-Objekt - gebaut aus Rohrklammern und einem Sitz des gleichnamigen Autos, inzwischen als Limited Edition in der feineren Variante von Vitra neu aufgelegt. Schon in den zwanziger Jahren hatte Mart Stam mit dem Stahlrohstuhl S33, bei dem er gebogene Gasleitungsrohre benutzte, im Grunde einen Vorfahren des Materialrecyclings geschaffen. Aus einer noch anderen Art der Wiederverwertung entstand der symbolaufgeladene BA-Armlehnenstuhl von Ernest Race, der 1946 auf der Ausstellung „Britain can make it“ präsentiert wurde. Für diesen Entwurf wurden in den Nachkriegsjahren bis 1964 insgesamt 850 Tonnen Kriegsschrott zu 250.000 BA-Aluminiumgestellen umgeschmolzen.
Recycling, so jüngst der niederländische Designer Tord Boontje, sei schon deswegen so wichtig, weil es Teil der Wirklichkeit ist. Die unbekümmerte Wegwerfgesellschaft neigt sich, so die Hoffnung dieser „re“-Annäherung, dem Ende zu. Die Droog-Design-Bewegung, in deren Tradition auch Boontje steht, war Anfang der 1990er eine der ersten, die mit Entwürfen wie Tejo Remys berühmter Kommode Remy Chest of Drawers dem doktrinären Umweltanspruch neue kreative Spielräume gab und Resteverwertung mit munterer Heiterheit statt mit angestrengtem Jutetaschen-Zeigefinger betrieb. Inzwischen haben nicht nur grüner Lifestyle und immer kürzere Produktzyklen die „re’s“ verstärkt zum Gestaltungsgenre werden lassen: auch der Wunsch nach künstlerischer Einzigartigkeit, den angeblich authentischen Geschichten hinter vermarketingten Oberflächen, das Ding als Kommunikations-Tool und natürlich ein Reflektieren über Konsum- und Wohlstandsgesellschaft spielen eine Rolle. Recycling-Design ist praktischerweise immer auch Design-Art und Limited Edition. Besser läßt sich der Zeitgeist kaum treffen.
Auf der Mailänder Möbelmesse Salone Internazionale del Mobile im vergangenen April gab es „Objet trouvé“-Kreationen zuhauf zu sehen. Der italienische Designer Luigi Semeraro verklebte für seinen Empty Spray Cans Armchair 200 leere, nicht recyclebare Spraydosen in einem schlichten hölzernen Sesselrahmen, als wolle er aus Street-Art-Überbleibseln eine Art Feierabendsessel für Graffiti-Künstler kreieren. Remember me nennt sich das Projekt des deutschen Designers Tobias Juretzek: alte „Lieblingsklamotten“ werden hier zu Stühlen gepresst. Als ließen sich Erinnerungen wie in einem ausgestopften Teddy verfestigen und konservieren. Etwas ausgelatscht erscheint auch die Flip Flop Story, bei der die Natur schon vorgearbeitet hat. Vor den Küsten Afrikas angeschwemmte Gummilatschen werden von Diederik Schneemann zu knetgummibunten Objekten verschmolzen. Wobei das Wissen, dass Lampen- oder Beistelltischuntersätze im ersten Leben mal schweißige Flip-Flops waren, nicht unbedingt attraktiv klingt.
Die Welt als große, frei zugängliche Buddelkiste, auf der nichts wegkommt: weder Mythen der Designkultur, noch Emotionen, Zitate oder eben das Profane und Naheliegende. Selbst Matratzen kriegen inzwischen ihre zweite Chance, jedenfalls bei dem holländischen Designer Frank Willems, der mit seiner Madame Rubens Collection – auch wie in Memphis-Anklang – urig barocke Formen aus Schaumstoff imitiert. Die Beliebkeit wächst. Viele re-Experimente enden als prätentiöser Kitsch oder beiläufiger Joke und landen dann in Museumshops als Recycling-Accessoires aus alten Schallplatten, Autogurten oder Schreibmaschinentastaturen. Im Grunde sind selbst poetische, kunstvoll aus Elektroschrott erfundene Robot-Tierfiguren wie die der US-Designerin Ann P. Smith am Ende kaum mehr als ein dekorativer Aha-Effekt.
Zu den eigenständig schönen Arbeiten der jüngsten Re-Kultur zählen die vor drei Jahren mit dem Architekturpreis der Biennale in Venedig ausgzeichneten Pop-Möbel des amerikanischen „Blob“-Architekten Greg Lynn. Großes Kinderspielzeug aus Hartplastik sägt Lynn computerunterstützt zusammen, bis sich das Spielzeug wie weichgewordene Weingummifiguren aus der Haribo-Tüte ineinanderschmiegt und selbst in neuer Funktion als Tischpodest noch alte Energie ausstrahlt. Ein wahrer Recycling-Magier ist der englische Designer Stuart Haygarth. An seinen Kronleuchtern hängen alte Kassenbrillen, als würden damit die Blicke aufgesammelt, die jedes einzelne Brillengestell noch in sich trägt, wie Schatten von Vergangenheit, mit Licht erhellt wieder zum Sehen gebracht. Hier behalten die Dinge ihr Wesen. Mehr als kalkulierter Kalauer ist auch der Vintage-Dialog des US-Designers Martino Gamper, der bekannte Entwürfe der Designgeschichte oft zerstörerisch und neu kontextualisierend aufgreift, indem er sie mit anderen Klassikern paart und so bittersüße, die Wahrnehmung irritierende Zwitter züchtet.
Schon wieder in Richtung politisches Statement geht der Ansatz, den Katharina Mischer und Thomas Traxler in Anlehnung an die inzwischen aufgelöste holländische „Platform 21“ mit ihrer Losung „Stop Recycling, Start Repairing“ verfolgen. In einer Art Konzeptdesign verarbeiten Mischer und Traxler Ausschussware der Massenproduktion mit Mullbinden zu unkonventionellen Möbelexperimenten, verarzten und verseelen gleichsam die Wunden einer angeblich perfekten Massenproduktion. Schon Adolf Loos hatte proklamiert, statt immer Neues nur um einer eigenwilllig erweiteren Wahrnehmungssehnsucht willen zu kreieren, bestehende Entwürfe weiter zu entwickeln und sie zu verbessern.
Inzwischen gibt es für das Ganze auch neue Labels – „Trash Design“, so die Überschrift der Ausstellung, die begleitend zur Möbelmesse Habitare im Herbst in Helsinki zu sehen sein wird. Seltsamerweise soll Recycling-Design aber immer noch nicht so selbstverständlich sein, als dass Hersteller darauf verzichten könnten, mit solchen Ansätzen als modischen Zusatznutzen für ökologische Korrektnis oder zeitgemäßeres Dingbewusstsein zu werben. Stephen Burks, dessen Hippie-Hocker Cappellini love aus geschredderten Zeitschriften von der italienischen Avantgardeschmiede Cappellini produziert wird, nennt sein New Yorker Studio „Readymade Project“ und will auch Recycling-Designer genannt werden. Es geht zum Glück auch sachlicher und weniger aufgeregt. Mit BASF hat Werner Aisslinger aus recycelten und Kunststoff verstärkten Naturfasern den Stuhlprototypen Hemp entwickelt, jetzt in Mailand im Rahmen der „Poetry Happens“-Ausstellung gezeigt: ein, wenn denn zur Marktreife gebracht, seriell in nutzenorientierter Industriedesigntradition hergestelltes Outdoorschalenmöbel für alle: also wippend, funktional und stapelbar zurück in den Schoß von Mutter Natur. Auch nicht schlecht.