Kommentar: Die Satellitenausstellungen der Biennale von Venedig

Kollateralschäden

Gesine Borcherdt
22. Juni 2011

Jeff Koons (56) lässt seine Zahnreihe grell in die Kameras blinken. Soeben einem Wassertaxi auf dem Canal Grande entstiegen, umschwärmt ihn in der barocken Kulisse des Palazzo Papadopoli sofort eine Fantraube. Doch außer den Zähnen, meint man, bröckelt der Glanz – der einst so virile Ex-Gatte von Pornostar Cicciolina wirkt ein wenig wie ein Wackeldackel: nickend, faltig und bieder. Gekommen ist er zur Eröffnung der 54. Biennale von Venedig, aber auch wegen Viktor Pinchuk (50). Der ukrainische Oligarch nutzt die Gelegenheit, der Welt mal wieder seinen Einfluss zu demonstrieren, diesmal anhand des von ihm initiierten Future Generation Art Prize: Mit 100.000 Dollar ist er der höchstdotierte Kunstpreis der Welt, der an Künstler bis zu 35 Jahren ausgelobt wird. Obwohl schon vor einem halben Jahr verliehen, zeigt Pinchuk die dazugehörige Schau mit 19 Künstlern aus 18 Ländern nun noch einmal – und erinnert daran, wer seine Freunde sind. Dabei weiß die Kunstwelt längst, wie das Pinchuk-Universum funktioniert. Bei ihm treten die größten Celebrities der Szene an: Jeff Koons, Andreas Gursky, Takashi Murakami und Damien Hirst fungieren als „Mentor Artists“, im Board sitzen Miuccia Prada, Elton John, MoMA-Chef Glenn Lowry und Griechenlands Koons-Großsammler Dakis Joannou. Und im wohl bestbezahlten Auswahlgremium überhaupt hat Pinchuk politische Funktionäre wie Überkurator Okwui Enwezor, Chinas bis gestern inhaftiertes Gewissen Ai Weiwei oder seinen eigenen Sammlungsdirektor, den Museumsveteranen Eckhard Schneider platziert. Sie alle stellen ihre Namen zur Verfügung, um Pinchuk Political Correctness zu attestieren. Eine Schautafel vor den Palazzofresken, die die über 6.000 Preisanwärter in allen Winkeln der Erde verortet, macht auch dem letzten Laien klar, wie weit seine Beliebtheit reicht. Mit diesem Coup hat Pinchuk, der vor fünf Jahren mitten in Kiew sein mehrstöckiges Privatmuseum eröffnete, seine Stellung als Großmogul also wieder etwas fester gezurrt. Denn seit er auf dem Rücken der Experten den globalen Kunstbetrieb wie mit einer Privatarmee durchpflügt, wägt sich der rund drei Milliarden schwere Businessman und Schwiegersohn des Ex-Präsidenten Leonid Kuchma auf sicherem Terrain.

Pinchuk ist nicht der einzige, der auf der Umlaufbahn des Fixsterns Biennale kreist. Jenseits eines Kuratorenfestivals ist die Hauptveranstaltung nämlich Anlass für ein Phänomen, das ebenso neu ist wie seine privaten Initiatoren betagt und begütert: Die prätentiös-pathetischen Giga-Shows. Sie haben sich in Venedig angesiedelt wie der Schwamm in verfallenen Palazzi. In diesem Jahr mehr denn je.

Allen voran steht ihnen Francois Pinault (74). Mit seinen beiden Spielstätten direkt am Canal Grande – seit 2006 Palazzo Grassi und 2009 Punta della Dogana – hat sich der Besitzer des Luxusgüterkonzerns PPR zwei überdimensionierte Marketingprojekte in eigener Sache eingerichtet. Vereinzelt kann man dort Erstaunliches entdecken, wie etwa Ger van Elks deprimierenden Frühstückstisch mit darüber schwebender Hangig Wall (1968) oder Edward Kienholz‘ Geistersalon Roxys (1960/61). Allerdings wünscht man sich solche Werke lieber in ein öffentliches Museum hinein – denn ähnlich wie in der Sammlung Pinchuk ist bei Pinault keine spezielle Leidenschaft erkennbar, sondern nur ein einziges Leitmotiv: bunt, bekannt, berechnet. Vergebens, wollte man dieser Sammlung den Puls fühlen. Pinault zelebriert sein Best-of-Blingbling mit meist mittelmäßigen Werken von Jeff Koons, Donald Judd, Urs Fischer, Francesco Vezzoli, Maurizio Cattelan und Takashi Murakami. Intellektuelle Lücken sind alibiartig gefüllt mit sperrig-spröden Hipstern wie Cyprien Gaillard – Anwärter auf den Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst, in dessen Jury Biennale-Leiterin Bice Curiger sitzt – oder Yto Barrada: „Künstlerin des Jahres“ der Deutschen Guggenheim auf Empfehlung von Okwui Enwezor.

Dass solche Top-Namen also nicht bloß reine Markterscheinungen sind, die wahlweise für metaphorisch anschauliche Dreidimensionalitäten oder eifrig verklausulierte Gedankenkonstrukte stehen, sondern gemeinsam von Sammlern, Galeristen, Konzernen und Kuratoren in den Olymp gepusht werden, zeigt die Tatsache, dass auf der diesjährigen Biennale genau dieselben Namen auftauchen: Urs Fischer, Maurizio Cattelan, Yto Barrada, Cyprien Gaillard. Die Expertenschau geht also fröhlich mit den globalen Marktmechanismen Hand in Hand – mehrere Biennale-Werke von Künstlern, darunter etwa die von Gerard Byrne oder Klara Lidén, tauchten jüngst gar als Editionen oder in ähnlicher Ausführung auf der Art Basel auf.

Inzwischen machen bei diesem Mainstream, der die Must-Haves von Markt und Museen gleichschaltet, selbst die Päpste der Kunstgeschichte mit. So auch Germano Celant (71), einst Biennale-Leiter und heute Direktor der Prada Foundation. Im prächtigen Palazzo Ca‘ Corner Regina, ebenfalls am Canal Grande, zeigt die Stiftung des Modehauses in den nächsten Jahren Teile ihrer Sammlung mit fantastischen Werken von Alberto Burri, Lucio Fontana oder Louise Bourgeois – doch dazwischen poppen Jeff Koons, Donald Judd, Maurizio Cattelan, Francesco Vezzoli und Anish Kapoor wie blinkende Werbebanner auf. Celant, früher Sprachrohr der Arte Povera, verschluckt sich damit an der Modewelle schicker, oft simpel mit Tagespolitik oder Wahrnehmung jonglierender Kunst, die sich gut in großen Räumen macht.

Ähnlich populistisch, wenn auch weniger glamourös, geriert sich Celants einst gewichtiger Gegenpart Achille Bonito Oliva, ebenfalls 71 und Ex-Biennale-Leiter. Als geistiger Vater der Transavantguardia hat er für den Animationskünstler Cristiano Pintaldi eine digitale Kitsch-Show mit dem Titel „Lucid Dreams“ nahe dem Arsenale inszeniert, die mit Altersmilde allein nicht zu erklären ist. Ähnlich verhält es sich mit dem Palazzo Bembo, wiederum am Canal Grande gelegen. Hier ist ein ganzes Stockwerk dem süßlichen Grauen Wolfgang Joops (66) gewidmet: Vorbei an altmeisterlich hingeworfenen Affenporträts und aufgesockelten Marmoreiern mit eingravierter Signatur irrte am Eröffnungstag eine stirnrunzelnde Kunstszene durch das Gehege namens „Eternal Love“ – eigentlich auf der Suche nach der Schau eine Etage höher: „Personal Structures“ lockt dort mit altmeisterlichen Namen wie Carl André, Hermann Nitsch und Roman Opalka, zeigt von ihnen jedoch mediokre Werke, die mit triefenden Geschmacklosigkeiten zurecht unbekannter Jungkünstler aus China, Europa und den USA kombiniert sind. Das Publikum wird so durch einen von der dänischen Global Art Affairs Foundation solide finanzierten Parcours aus Polit-Kitsch und hohler Ornamentik geschleust.

Überhaupt, der Kitsch. In seiner gigantischsten Form hat ihn in diesem Jahr der Belgier Jan Fabre (52) geschaffen, mit einer hanebüchenen Großinstallation in der Scuola Grande della Misericordia. Sakralmotive im Stil von Michelangelos Pietà wurden hier in monumental uminterpretierte Hässlichkeiten verwandelt, denen man sich wie den aus Riesenhirnen wachsenden Bäumen ganz in Weiß nur in Filzpantoffeln nähern durfte, dahinschliddernd auf einem goldglänzenden Podest. Ein handfester Katalog, in dem Künstler und Kuratoren schelmisch hinter den Skulpturen hervorlugen, begleitet das Desaster.

Ebenso geisterbahnartig, wenn auch als Minimalismus getarnt, kommt die Installation eines Künstlers daher, der in den letzten Jahren ebenfalls einen Hang zur Übergröße entwickelt hat: Anish Kapoor. Einst bekannt für seine Objekte mit spiegelnden Sogeffekten, ist er mittlerweile Garant für Auftritte mit Aha-Effekt – zuletzt auf der Baseler Art Unlimited mit einer seiner matschig-roten Skulpturen aus Wachs, die aussah wie ein riesiger Baby-Bell. Dagegen wirkt die Installation in der Palladio-Kirche San Giorgio Maggiore fast wie materielle Selbstgeißelung. Am besten hält man es mit Goethe und betrachtet die Kirche nur vom Markusplatz aus – nicht etwa, weil man sich daran stören könnte, dass sich ihre harmonischen Proportionen aus der Nähe gesehen ins Wuchtige verschieben. Sondern weil das, was bei Palladios Fassade einer manieristischen Trompe-l’œil -Wirkung entspringt, im Innern bei Kapoors per Ventilatoren bewindeter Dampfsäule wie ein Konstruktionsfehler wirkt: Unter dem Titel Ascension versucht sie mehr schlecht als recht, von einem riesigen Podest zur Kuppel aufzusteigen. Mit dem heiligen Geist hat das Ganze nur insofern zu tun, als dass es dem Säulenheiligen der Staunekunst Olafur Eliasson gefährlich nahe kommt.

Doch es geht auch anders. Obwohl Kapoors Kunst heute eher das ist, was Angelina Jolie fürs Kino – attraktiv, omnipräsent, aber irgendwie hohl – macht er sich im Palazzo Fortuny ausgesprochen gut. Die Schau des Antwerpener Möbelhändlers Axel Vervoordt ist auch in ihrer dritten Ausgabe gelungen. Zwar war vorhersehbar, dass sie auch diesmal den Dialog zwischen Antike, Moderne und Gegenwart suchen würde. Und wieder hält sie im Halbdunkel der Palazzopatina schaurige Mystik-Momente bereit und wirkt teilweise überambitioniert – doch bei Vervoordt trifft man auf eine klare Linie, die seiner Leidenschaft fürs Spirituelle entspringt: So hat er das Relikt eines ägyptischen Türrahmens Kapoors blutrot eingefasster Pforte gegenübergehängt, die hier keineswegs nach Blockbuster aussieht. Auch die seriell flirrenden Reliefs von Italiens Azimuth-Protagonisten Nanda Vigo und Enrico Castellani gehen auf Tuchfühlung mit dem Gemäuer, wo selbst Gerhard Richters Regenbogengemälde neue Kräfte entfaltet. Auguste Rodins schreitende Figur scheint direkt dem Mauerwerk entstiegen, während die kleine Handstudie von Michaël Borremans mit Alberto Giacomettis L’object invisible (1934) ins Zwiegespräch tritt. Shirin Neshats Film betender Musliminnen in der Wüste, die in Flammen aufgeht, fügt sich hier atmosphärisch ebenso ein wie Kazuo Shiragas wildgestische Informel-Malereien, die wie Feuersbrünste auf Leinwand gebannt sind. Vervoordts Mission, den Bogen zwischen den Jahrtausenden zu spannen, wirkt zwar manchmal etwas plakativ, aber immerhin authentisch. Und selbst, wenn auch diese Schau das Pathos eines prätentiösen Seniors verströmt – es mündet in eine sensible Choreografie, wie man sie derzeit in Venedig mit der Lupe suchen muss.

Als exaktes Gegenteil davon liefert der Italienische Pavillon im hinteren Teil des Arsenale das traurigste Beispiel dafür, wie ein Signore im Rahmen der Biennale sein gesamtes geistiges Waffenlager auffährt. Berlusconi-Kumpane Vittorio Sgarbi (59), einst Kulturstaatssekretär und radebrechender Kunsthistoriker mit Hass aufs Zeitgenössische, hat einen ramschigen Budenzauber aus heimeligen Landschaftsidyllen, musizierenden Nackten, harmloser Töpferware oder einem ans Kreuz geschlagenen Italien inszeniert – Nippes der schlimmsten Sorte, wie man ihn aus italienischen Wohnzimmern kennt. Dabei hat sich Sgarbi einer heute durchaus gängigen kuratorischen Praxis bedient und rund 250 italienische Denker – darunter auch greise Kulturbetriebslinke wie Giorgio Agamben und Dario Fo – um ihre Empfehlungen gebeten. Was dabei an Belanglosigkeiten herauskam, dürfte allerdings die Fußnotentauglichkeit dieser Geistesgrößen auf den Prüfstand stellen. Krönung des Horrorszenarios ist eine Pornodarstellerin, die auf einem bunten Berg glitzernder Plastikwürste sitzt. „Toccare!“ fordert Gaetano Pesce uns auf, „anfassen!“

Das Schlimmste an diesem Rummelplatz ist aber nicht nur, dass so etwas bei der Mutter aller Biennalen, gegründet 1895, überhaupt möglich ist. Sondern dass dieser Großkitsch gar nicht so fern liegt von dem, womit die Lagunenstadt im Moment sonst noch so ausgestattet ist. Klar, Venedig haftet von jeher etwas Verspieltes und Theatralisches an, wenn die Sonne ihre Strahlen wie Scheinwerfer auf Kulissen und Kostüme wirft. Trotzdem schmerzt es, dass ausgerechnet die Serenissima als Viagra für Platzhirsche herhalten muss. Schließlich gibt es ja auch noch andere Kunstevents, an die man sich andocken könnte – die documenta in Kassel zum Beispiel, oder warum nicht gleich die Skulptur Projekte Münster, wenn alles ohnehin immer ins Monumentale abdriftet? Statt Sgarbi könnte dann Thilo Sarrazin kuratieren, und Pinault, Pinchuk, Prada, Koons, Kapoor, Joop und Co. könnten Fußgängerzonen, Unterführungen und Uferbereiche anmieten. In der westfälischen Provinz würden sie noch viel mehr glänzen als in Venedig – denn dort, wo alles schon von alleine so schön glanzvoll, alt und herrlich ist, wirkt die Kulissenschieberei alter Herren einfach nur dämlich.

 


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