Kommentar zu Ai Weiwei

Einer für alle

Annika Karpowski
21. April 2011

Ai Weiwei ist das Thema der Saison. Die Verhaftung des berühmten chinesischen Aktivisten und Künstlers Anfang April hat nicht nur in den Feuilletons eine ganze Kaskade von Artikeln bewirkt. TV, Radio, Zeitschriften und Tageszeitungen berichten intensiv, Flugblätter werden gedruckt, auf Social Media Plattformen fordert die Welt zur Freilassung des - so kann man ihn spätestens jetzt wohl nennen - Superstars auf, der am Flughafen von Peking Anfang April festgenommen wurde. Ein Trupp Polizisten stürmte kurz darauf sein Atelier in Caochangdi und nahm auch einige seiner Assistenten mit zum Verhör. Die Verhaftungsgründe, die im regimekritischen Denken und Handeln des Künstlers und seines Gefolges liegen dürften, werden von der Regierung diplomatisch übertüncht. Hong Lei, der Sprecher des Außenministeriums in Peking dazu: „Soweit ich weiß, wird Ai Weiwei der Wirtschaftsverbrechen verdächtigt.“ Seit Kurzem ist die Rede von Steuerhinterziehung und Bigamie. Es sieht ganz so aus, als würde das, was Ai Weiwei und andere Regimekritiker seit Längerem befürchtet haben, nun eintreten: Das chinesische Regime schlägt brutal zurück. In vielen deutschen Städten finden in diesen Tagen Demonstrationen statt. Doch wer ist Ai Weiwei eigentlich wirklich – und was hat ihn zur Galionsfigur des Widerstands gemacht, die binnen Tagen berühmter wurde als der inhaftierte Nobelpreisträger Liu Xiaobo?

Fakt ist: Ai Weiwei trifft mit seiner Kunst immer eine eindeutige politische Aussage. Seine aufrüttelnden Installationen sind regimekritische Kommentare, provokative Appelle von einer solchen gesellschaftlichen Relevanz, dass die Debatte darüber nie reine Kunstkritik sein kann. Offen fordert Ai Weiwei immer wieder das System heraus, in dem er agiert. So wie etwa 2009 im Münchner Haus der Kunst mit der Ausstellung „So sorry“: An der Außenfassade des Museums gedachte er mit der Arbeit Remembering, einer Wand aus hunderten von kleinen bunten Schulranzen, an die beim Erdbeben im Frühjahr 2008 in Sichuan getöteten Kinder; in einer daran gekoppelten Initiative forderte Ai die restlose Aufklärung der Katastrophe, die so verheerend ausfiel, da die Bausubstanz der sogenannten „Tofu-Schulen“ von mangelnder Qualität gewesen war - vergebens. Stattdessen wurde der Künstler während der Vorbereitung zu dieser Ausstellung Opfer einer Prügelattacke in Chengdu, die zu Hirnblutungen und einer Operation in einer Münchener Klinik führte – was Ai per Handykamera dokumentierte und ins Internet stellte, als politisch-künstlerischen Kommentar. Bald darauf wurde sein Atelier in Schanghai wegen des mutmaßlichen Verstoßes gegen Bauauflagen abgerissen. Zeitgleich zeigte die Londoner Tate Modern Ais Installation aus 150 Tonnen Sonnenblumenkernen (Sunflower Seeds, 2010). Jedes Korn war ein Einzelstück aus Porzellan, handgefertigt – eine für Ai typische Metapher auf chinesische Tradition und Massenproduktion.

Im Grunde hat Ai die Bilderbuchkarriere eines Polit-Künstlers hingelegt: Seit seiner Beteiligung an der documenta 12 im Jahr 2007 stieg mit jeder Ausstellung das Interesse von Kunstbetrieb und Publikum. Proportional dazu nahmen die Intensität und Frequenz der Repressalien gegen ihn zu. Bis kurz vor seiner Verhaftung fühlte sich Ai selbst allerdings durch eben diese Bekanntheit als international erfolgreicher Künstler geschützt. Er trieb seine Aktivitäten immer weiter, machte jeden Schritt der chinesischen Regierung gegen ihn zur Propaganda. Kein Wunder, dass Chris Dercon, ehemals Leiter vom Haus der Kunst, heute Direktor der Londoner Tate Modern, unlängst dazu aufrief, China mit Nachdruck die Frage „Wo ist Ai Weiwei?“ zu stellen – eine Frage, die gerade die halbe Welt bewegt.

Die Frage „Wer ist Ai Weiwei?“ fällt dabei allerdings leicht unter den Tisch. Zwar wird der Künstler in westlichen Medien wahlweise als Superstar oder Märtyrer tituliert, als Einzelkämpfer gegen das chinesische System. Doch seine wahre Geschichte ist selten erzählt worden. Wer ist also Ai Weiwei wirklich?

Zunächst einmal ist uns Ai Weiwei nicht so fremd wie die anderen Chinesen. Der Westen kann sich mühelos mit ihm identifizieren. Fast könnte man meinen, Ai Weiwei sei einer von uns, teilt er doch unsere Ansichten über China, die er uns als ästhetische Interpretationen unserer eigenen vorgefassten Meinung vor Augen führt. 

1957 als Sohn des zur damaligen Zeit in Ungnade gefallenen Dichters Ai Qing geboren, bedeutet Ais Vorname “Weiwei” so viel wie "Noch nicht, noch nicht" und beschreibt äußerst treffend die ersten 30 Jahre seines Lebens. Gao Ying, Ai Weiweis Mutter, erzählt in ihren Memoiren, wie es zur ungewöhnlichen Namensgebung kam: Ihr Mann habe einfach ein Wörterbuch aufgeschlagen und das erstbeste Wort daraus gewählt. Das erste gefundene Schriftzeichen „Wei“ bedeutet so viel wie „Macht“ – was so gar nicht zu den damaligen Lebensumständen der Familie passen wollte. Also habe man kurzerhand das andere chinesische Schriftzeichen für „Wei" gewählt.

Ai Weiwei wuchs am Rande der Wüste Gobi auf, wohin sein Vater im Sturm der Kulturrevolution verbannt worden war. Erst 1976 wurde die Familie rehabilitiert und durfte nach Peking zurückkehren. Zwei Jahre später schreibt sich Ai an der dortigen Filmakademie ein. 1981 siedelt er in die USA über und lebt dort bis 1993. Er lernt Englisch und studiert zeitweise an der New Yorker Parsons School of Design, einen Abschluss macht er allerdings nicht. Während Ai in den praktischen Fächern glänzt, zeigt er sich von der westlichen Kunstgeschichte äußerst unbeeindruckt. Nonchalant gab er einmal an: „Wer auch immer Pablo Picassos Geliebte waren, mich hat's nicht interessiert“. Ai Weiwei nimmt diverse Jobs an, als Hausmeister, Gärtner, Babysitter und Bauarbeiter. Nebenbei macht er sich einen Ruf als genialer Spieler. Mary Ann Sieghart schreibt dazu im „Independent“: „Er war ein solch eifriger Blackjack-Spieler, dass ein Casino in Atlantic City ihm eine Limousine vorbeischickte um ihn aus seinem unmöblierten Appartement abzuholen. Ai Weiwei scherzte, dass seine Nachbarn wohl meinen mussten, dass er ein frisch angekommener chinesischer Drogenkönig sei.“

Im Laufe der Zeit wird Ai Anlaufstelle und Bezugspunkt für andere chinesische Künstler, darunter die Filmemacher Chen Kaige und Feng Xiaobang oder den Dichter Tan Dun. Doch will seine eigene Karriere „noch nicht“ so richtig durchstarten. Seine damaligen Vertrauten, Ethan und Joan Cohen, erinnern sich: „Ich bekam von einem Kuratoren zu hören, 'Wir machen hier keine Dritte Welt-Kunst.'“ Am Guggenheim Museum gab es für Ai Weiwei damals noch nicht einmal einen Termin bei der Sekretärin des Kurators. Wahrlich andere Zeiten damals!

Als Nachrichtenfotograf für die Times kommt Ai Weiwei damals zum ersten Mal mit der amerikanischen Ordnungsmacht in Konflikt. „Bedroht zu werden macht süchtig“, erklärt er später. „Wenn die Mächtigen in dich vernarrt sind, fühlst du dich geschätzt.“ Eine brisante Aussage angesichts der aktuellen Lage, was aber auch erklärt, warum Ai seine Kampfansage an höhere Mächte weiter forciert. Gleichzeitig entwickelt er sein politisches Engagement und beginnt, seine aktivistischen Ziele zu formulieren.

Als Ai Weiwei erfährt, dass sein Vater krank ist, kehrt er 1993 nach China zurück. Die andauernde Erfolglosigkeit als Künstler in den USA mag dabei ebenfalls eine Rolle gespielt haben. In der Heimat sah er seine Chance, daran etwas zu ändern. Im Jahr 1994 veröffentlicht er gemeinsam mit dem Kurator Feng Boyi und den Künstlern Xu Bing und Zeng Xiaojun das „Black Cover Book“ eine Sammlung von Bildern und Texten. Darauf folgten das „White Cover Book“ (1995) und das „Gray Cover Book“ (1997). Die Trilogie steht im Ruf, stilprägend für die damalige chinesische Avantgarde gewesen zu sein.

In dieser Zeit knüpft Ai Kontakte mit Uli Sigg, dem damaligen Schweizer Botschafter in Peking, der zudem seit den 1980er-Jahren ein leidenschaftlicher und heute einflussreicher Sammler chinesischer zeitgenössischer Kunst ist. Mit seiner Unterstützung verkauft Ai 2004 seine ersten Bilder, 2005 nimmt ihn der Galerist Urs Meile ins Programm auf. Prompt folgt die Einladung zur documenta in Kassel, wo er unter anderem mit dem vieldiskutierten Beitrag Fairytale für Aufsehen sorgt: Für das Projekt lässt er 1001 Chinesen in die nordhessische Provinz einfliegen. Sein Galerist, der so viele chinesische Künstler wie nie zuvor an eine documenta vermittelt, erklärt das Phänomen Ai Weiwei so: „Ai Weiwei ist einer der Gründungsväter der chinesischen Gegenwartskunst. Ohne starken chinesischen Partner hat man hier keine Chance. Man würde an der Oberfläche abprallen, keinen Zugang zur chinesischen Kultur und eben auch zu den Künstlern kriegen.“ Ai Weiwei wird also zum Medium zwischen West und Ost.

Ai weiß dabei das Interesse des Westens, das sich nach der Jahrtausendwende an chinesischer Gegenwartskunst entwickelt hat, geschickt für sich zu nutzen. Das Land wird nicht länger als Dritte Welt wahrgenommen, sondern ist längst dabei, im Zuge der Globalisierung zu einer rasant anwachsenden Großmacht heranzureifen. Und so, wie sich in dieser Zeit ein wirtschaftliches Gespann zwischen Ost und West entwickelt, ist auch Ai Weiwei durch seine Erfahrungen in den USA in der Lage, ein leistungsfähiges Netzwerk aus Joint-Ventures mit den Produzenten und Händlern der westlichen Kunstszene zu schaffen. Er fungiert zunehmend als Türöffner und Makler für westliche Kuratoren, Direktoren und Sammler sowie für chinesische Künstler, die den Anschluss an den Westen suchen. Mit dem Wirtschaftsboom wird Ai zu dem, der den Erfolg der chinesischen Avantgarde mitprägt. In seinem Atelier, seinem Loft und überhaupt da, wo Ai Weiwei arbeitet und lebt, scharen sich Leute um ihn, die seine Ideen voran bringen oder auch nur gemeinsam mit ihm vom Erfolg profitieren wollen. Es ist buchstäblich eine „Factory“, in der produziert und diskutiert wird und in der Ai Audienzen gibt. Ai ist also nie alleine. Gleichsam eines Hofstaates fertigen und bloggen seine Assistenten um ihr Leben.

Dabei ist Ai Weiwei in seinem Heimatland alles andere als unumstritten. Und die Kritik kommt nicht nur von öffentlicher Stelle: Auch unter chinesischen Künstlern gibt es neben seinen Anhängern eine Fraktion, die ihn scharf dafür kritisiert, durch plakative Schwarz-Weiß-Malerei allzu voreilig die vorgeschobenen Klischees und Denkmuster des Westens gegenüber China zu nähren. So erklärt der Künstler Xu Bing, ein ehemaliger Weggefährte und Freund Ais, der heute Vizepräsident der staatlichen chinesischen Kunstakademie ist: „Nicht jeder kann sein wie er, denn dann würde China nicht vorankommen können, oder?“ und fügt hinzu: „Aber wenn China es nicht erlaubt, dass es einen Mann wie Ai Weiwei gibt, dann hat es ein Problem.“ Andere fühlen sich angesichts der Omnipräsenz und Dauerprovokation des chinesischen Aktivisten überfüttert. Zu eifrig nutze er die Kunst, um sich selbst zu profilieren und nehme dabei in Kauf, dass der ohnehin schwierige Dialog mit dem Regime dabei auch für andere chinesische Künstler gefährdet wird, heißt es in Insiderkreisen.

Fragt man also nicht nur „Wo ist Ai Weiwei?“, sondern auch „Wer ist Ai Weiwei?“ wird deutlich, dass die Mechanismen, die besonders in deutschen Medien zur messianischen Verehrung des Künstlers führen, nicht nur am Bedürfnis der Menschen nach einfachen, greifbaren Antworten orientiert sind, sondern auch an vermarktbaren Konzepten. Schließlich ist politisch engagierte Kunst ein Genre, das gerne mit simplen Botschaften daherkommt. Doch scheint es oft ein bisschen zu einfach, Ai als Kronzeuge für all das zu verwenden, was uns an China nicht passt.

Das chinesische Regime hat sich entschieden, gegen Ai Weiwei vorzugehen. Ihm wird der Prozess gemacht werden, und zu befürchten ist, dass es nicht gut ausgehen wird für ihn. Dabei geht das mediale Interesse an seiner Inhaftierung längst über die Causa Ai Weiwei hinaus. Der Westen sollte nun seinen Einfluss einsetzen, um den Dialog mit China nicht abreißen zu lassen. Die Schließung der Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“ würde weder Ai Weiwei noch anderen inhaftierten chinesischen Denkern und Künstlern nutzen. Zwar scheint es verlockend, sich auf die eigene Schulter zu klopfen, weil man das augenscheinlich politisch Korrekte fordert. Doch dem spontanen Reflex einer Abstrafung Chinas zu widerstehen, wäre genau das, was die chinesische Führung nicht erwartet. Wie sie auf Druck und direkte Kritik reagiert, führt sie uns nämlich gerade wieder vor Augen.


Mehr im Dossier  Kunst in China
Mehr im Dossier  Ai Weiwei – Archiv

Sit-in für Ai Weiwei von Annika Karpowski
Eins ist nun gewiss: Ai Weiwei wird nicht wie geplant an der Eröffnung seiner Berliner Ausstellung teilnehmen. Speziell für die Räume der Galerie neugerriemschneider hatte Ai zuvor zwei völlig neue Arbeiten konzipiert. Nun kann das erste Mal auf der gartenähnlichen Installation Platz genommen werden.


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