29. September 2004
Von der Provenienzforschung zur Restitution – politischer Wille und praktische Umsetzung, so der Titel des von der Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Zusammenarbeit mit der Magdeburger Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste und der Berliner Initiative Fortbildung e.V. veranstalteten Kolloquiums, das vom 23. bis 24. September 2004 mit finanzieller Unterstützung der Secco-Pontanova Stiftung in der Landesbibliothek Berlin stattfand.
Ein wahrhaft mammutartiges Kaleidoskop von über 20 Vorträgen in vier klug gewählten Themenkreisen erquickte und ermüdete auch gelegentlich die fachlich zum Teil hervorragenden, rund 100 Zuhörer. Darunter befanden sich zahlreiche Provenienzforscherinnen größerer Institutionen (unter anderen Dr. Ute Haug/Projekt Provenienzforschung der Hamburger Kunsthalle, Isabel von Klitzing/Sotheby’s Provenance Researcher, Dr. Felicitas Kunth/Provenienzforscherin im Wiener Dorotheum), sich mit Restitutionsproblematiken beschäftigende Juristen und vor allem Vertreter von Museen und Bibliotheken, an die sich die Veranstaltung vorrangig gerichtet hatte. Während der Vertreter der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Ministerialdirigent Günter Winands, nach einer kurzen Begrüßung durch die Vertreter der jeweiligen Organisatoren dazu aufrief, „alle Bestände nach Makelbesitz zu durchforsten“ und die Provenienzforschung zur „Daueraufgabe“ zu machen, wies sein Nachredner Prof. Dr. h.c. mult. Klaus G. Saur (Saur-Verlag) auch auf die Mühen derartiger Arbeiten bei gleichzeitigen finanziellen und personellen Problemen der Bibliotheken und Museen hin.
Es folgten aufschlussreiche Vorträge zur „Restitution im historischen Kontext“. Dann aber drohten sich die Gemüter an der Rede des Referatsleiters bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Wolfgang Maurus, zu erhitzen, die sich im Themenkreis „Restitution im Verhältnis von historischer Entwicklung und aktueller Politik“ bewegte. Während viele der Zuhörer sich an Maurus appellartiger Frage „Können wir gerecht handeln?“ und seinem eher emotionalen Gerechtigkeitsbegriff im Zusammenhang mit Restitutionsproblematiken stießen, zeigte sich ein anderer Teil des Publikums erstaunt über die offensichtliche Wandlung der bundespolitischen Linie hin von einer bisher recht formaljuristischen Sichtweise zu einer moralischen.
Juristische Aspekte der Kulturgutrückführung beleuchteten Prof. Dr. Peter Raue (Kanzlei Hogan & Hartson, Raue L.L.P.), Harald König (Oberfinanzdirektion Berlin), Prof. Dr. Olaf Werner (Universität Jena) und Dr. Susanne Schoen (bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien). Letztere stellte ihre soeben erschienene Promotion mit dem Titel „Der rechtliche Status von deutscher Beutekunst in Russland unter dem Blickwinkel der Verjährung von Herausgabeansprüchen“ vor. Prof. Dr. Raue betonte, neben der großen Emotionalität des Themas bestünden auf Seiten der Erben geraubter Kulturgüter verständlicherweise zum Teil auch massive Geldinteressen, die sich aus der Wertsteigerung vieler Objekte ergäben. Je weiter die Klägergeneration vom ehemaligen Eigentümer des Bildes entfernt sei, desto stärker werde das Kunstwerk „zum Ding“ und desto schwieriger sei es schließlich auch, Vergleiche unter den Beteiligten zu erwirken. Selbst wenn er selber keine Patentlösungen zur Verfügung habe, riete er von Gerichtsverfahren stets ab und stattdessen zur Mediation.
Praktische Beispiele für internationale „Erbensuche und Restitutionspraxis“ boten im Anschluss die Vorträge von Dr. Klaus Oldenhage (Bundesarchiv Koblenz), Eva Blimlinger (Universität für Angewandte Kunst, Wien) und Eugenia Korkmazova (Library for Foreign Literature, Moskau). Der vierte Themenkreis „Restitutionsproblematik und öffentliche Wahrnehmung“ schloss das Kolloquium ab.
In der anschließenden Diskussion unter den wenigen noch verbliebenen Teilnehmern wurde deutlich, wie groß die Frustration über politische Forderungen einerseits und dem gleichzeitigen Fehlen probater Mittel zur Recherche auf Seiten der Museen und Bibliotheken ist. Bei aller positiven Informationsfülle der Veranstaltung habe man sich konkrete Lösungsvorschläge „für den Wust vor dem man steht“ erhofft. Andere Äußerungen ließen erkennen, dass in einigen Fällen vor allem alteingesessene Museums- und Bibliotheksmitarbeiter den meist jüngeren, vermeintlich unerfahrenen Provenienzforscherinnen gegenüber Vorbehalte zu haben scheinen und sie als Konkurrenz empfinden. Auch hier bedarf es gegenseitiger Annäherung.
Ganz beruhigt hingegen konnte ein Mitarbeiter der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sich auf den Heimweg machen. Er ließ den Vorwurf nicht gelten, die „Beratende Ethikkommission“ des Bundes, deren Aufgabe es ist, in Streitfällen als unparteiische Instanz eine "Empfehlung vor allem aus moralisch-historischen Gründen" aussprechen, sei seit ihrer Gründung im Juli 2003 bisher kein einziges Mal einberufen worden: „Es ist wichtig, dass es die Institution überhaupt gibt“. So kann man es natürlich auch sehen.
Möglichkeiten zur Provenienzforschung im Internet:
www.lostart.de
www.lootedart.com
www.artloss.com
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