18. August 2005
Ausgangspunkt für Koenraad Dedobbeleers Installation
Bad Timing in der kürzlich neben der Wiener Hauptgalerie eröffneten Georg Kargl BOX ist eine Fotografie. Sie zeigt ein merkwürdiges Interieur: Im Bildhintergrund fängt eine altarartige Trennwand und daneben ein historistisches Pult unseren Blick ein. Vor dieser „Kulisse“ ist eine stilisiert-anthropomorphe Skulptur – wohl aus Metall – platziert, die dramatisch ihre Schwingen auszubreiten scheint. Rechts vor ihr steht ein Sockel mit Titelschild und eine von unten ins Bild ragende Absperr-Kordel fungiert als Barriere.
Das Bild der amerikanischen Künstlerin Louise Lawler gehört zu einem Foto-Essay, der Douglas Crimps Aufsatz Über die Ruinen des Museums (1980 erstmals veröffentlicht) beigegeben ist. In diesem Essay widmet sich Lawler, Vertreterin der zu dieser Zeit virulenten „appropriation art“, der Präsentations- und Vermittlungspraxis von Kunst am Beispiel des Auktionshauses Sotheby’s. Sie richtet ihre Kamera auf das Innere, den sonst als selbstverständlich hingenommenen Betrieb des Auktionshauses; zeigt den dortigen Umgang mit Kunst – ganz in der Tradition der „institutional critique“, einer künstlerischen Praxis, die institutionelle Funktionsweisen und Strukturen, gleichsam betriebskritisch, offen legen und analysieren will.
Für sein Wiener Solo-Debut in der Georg Kargl BOX – ein kleiner, feiner Ausstellungsraum mit extrem aufwändig von Richard Artschwager konzipierter Fassade – übersetzt der 1975 geborene Dedobbeleer das fotografische Motiv Lawlers wieder zurück, indem er das Setting, im Maßstab auf die BOX zurechtgeschneidert, nachbaut. Dabei präsentiert sich uns nicht die Schauseite, sondern wir werden von der teppichbezogenen Trennwand empfangen. Erst wenn wir uns darum herum gedrückt haben, erschließt sich Dedobeleers Modell-Tableau. Natürlich ragt die Skulptur (das Original ist übrigens ein George Rickey) als monumentales Zentrum der Installation hoch im Ausstellungskubus auf. Auf dem niedlich daneben gestellten Sockel ist ein Bildträger präsentiert.
Dedobbeleer nimmt für sein installatives Skulpturen-Ensemble auf äußerst elegante Weise den Plot „Appropriation“ erneut auf und inszeniert dabei Probleme wie Abbildung (Fotografie) und Referent (sichtlich roh gemachte Nachbauten), Realität und Modell, Codierung und Kontext. Wenn etwa in Louise Lawlers Foto die Rickey-Skulptur mit den Gebrauchsobjekten Trennwand und Sockel als Kunst zusammenkommt, ist Dedobbeleers Installation ein real existierender Modellversuch über Codierungen und Funktionszuschreibung. Denn sicherlich „funktioniert“ die Trennwand, verschließt sie doch das dahinter entwickelte Tableau für den schnellen Blick durchs Schaufenster. Ja, sie justiert sogar die Bewegung des Betrachters, der sich die Installation nur nach und nach erschließen kann. Trotzdem ist sie, wie der offensichtlich funktionslose Nachbau der Rickey-Skulptur, selbst längst Kunstobjekt – das auch in anderem Zusammenhang jederzeit denkbar wäre.
Gerade für seinen Auftritt in der Vitrinenatmosphäre der BOX, die bereits einen massiven Kontext vorgibt, fällt Koenraad Dedobbeleers installative Setzung ausgesprochen wirksam aus. Formal begegnet er dem Effekt der Vitrine durch gezielte Affirmation der eigenen Bedingungen. Bad Timing schafft sich ihren Raum und ihre Wahrnehmungsanforderungen. Gleichzeitig spielt sie mit den Traditionslinien Aneignung und Institutionskritik, jedoch nicht als Kunst-über-Kunst-Witz. Die jüngere Kunstkritik hat ja ohnehin längst das – nicht zuletzt von Crimp unterstellte – kritische Potential der „appropriation art“ relativiert. Entsprechend ist Dedobbeleers Bad Timing formal so schön wie diskursiv wirksam und macht in der Galerie-BOX, verankert als illusionslos kalkulierter Kommentar zur rechten Zeit, ihre eigene Rechnung auf.
Noch bis zum 20. August 2005 in der Georg Kargl BOX, Schleifmühlgasse 5, 1040 Wien.