Kirsten Pieroth bei Klosterfelde, Berlin

Unterlaufene Sinnfälligkeit

Astrid Mania
15. Januar 2008
Kirsten Pieroth, Galerie Klosterfelde, Berlin. Vom 24. November bis 1. Februar 2008

„Nicht das, was Sie erwarten“ – der Werbeslogan für das Jüdische Museum in Berlin könnte auch für die Werke Kirsten Pieroths gelten, die in ihrer aktuellen Ausstellung bei Klosterfelde gewohnt lakonisch und humorvoll Konventionen entlarvt, indem sie unspektakulären Objekten neue, absurde Funktionen zuweist. Dabei ist sie in besonderer Weise auf den Kontext des Ausstellungsraums angewiesen – nicht so sehr, um ihren Aktionen, Interventionen und Objekten das Label „Kunst“ aufzudrücken, sondern um die von ihr untersuchten Aktionen und Objekte aus der Syntax des Alltäglichen herauszulösen. Der Bezugsrahmen Kunst macht nicht nur unmissverständlich klar, dass ein vertrautes Objekt oder eine Konvention eine Bedeutungsverschiebung erfahren, sondern dass die Betrachter eine andere Ebene des Wahrnehmens und Bewertens betreten.

Fast schon wörtlich führt Pieroth dies in ihrer aktuellen, unbetitelten Ausstellung bei Klosterfelde vor, wenn sie einen Hochsitz aus dem brandenburgischen Forst in den Ausstellungsraum der Galerie versetzen lässt (Untitled, alle Arbeiten 2007). Eine Folge kleinformatiger Fotografien im Standardmaß 9 x 13 Zentimeter des privaten Bilderalbums dokumentiert, wie die hölzerne Konstruktion nach und nach an ihrem Ursprungsort abgebaut wird. Aufgrund der Deckenhöhe in der Galerie musste der Hochsitz jedoch um etliche Zentimeter gekürzt werden – die abgesägten Holzstücke gehören mit zum Werk. An anderen Aufstellungsorten sind weitere Sägearbeiten möglich, sogar erwünscht.

Nun muten viele Künstler ihren Ausstellungsbesuchern zu, auf waghalsige Konstruktionen zu klettern, mit Hydraulikliften in die Höhe zu schweben, von erhöhten Plattformen aus einen anderen, neuen, angeblich Erkenntnis bringenden Blick auf Kunstwerk und Kunstraum zu werfen – doch das Erklimmen der hölzernen Sprossen führt auch hier zu keinem spektakulären Seherlebnis. Der Clou der Arbeit erschließt sich vom Boden aus. Dort ist der Kontext in der Tat Bedeutung prägend, denn die Verlagerung des waidmännischen Ansitzes in die kommerzielle Galerie erlaubt allerlei heiteres Assoziieren um die Begriffe des Auflauerns, Ins-Visier-Nehmens und Erlegens und das Werk wird viel von seinem Biss verlieren, wenn es in einem anderen Umfeld zur Aufstellung kommt.

Sehr viel weniger an seinen Kontext gebunden ist da Untitled (safe), ein zum funktionierenden Brennofen umgebauter Tresor, in dem Dokumente aufbewahrt oder auch vernichtet werden können. Dem Ofen/Safe gegenüber hängt ein Plasmabildschirm, auf dem ein kurzer Loop beweist, dass dieses doppeldeutige Objekt tatsächlich nutzbar ist: Rauch quillt aus einem Rohr, das an der Außenwand der Galerie angebracht ist.

Das im zentralen Raum präsentierte Werk Untitled (loan) ist die wiederverwertete und erweiterte Fassung einer früheren Arbeit. Farbfotografien verfolgen, wie das im Pariser Louvre zur Mona Lisa gehörige Schild abmontiert und in der Tate Modern sorgsam und auf Museumskonventionen entsprechender Höhe wieder angebracht wird – jedoch ohne das dazugehörige Gemälde. Pieroth hatte das Schild als ihren Beitrag zur Gruppenausstellung Learn to Read (Tate Modern, 2007) ausleihen lassen und damit eine Verwaltungsmaschinerie in Gang gesetzt, die letztlich nichts weiter produziert als ihre eigenen formalisierten Handlungen. In Berlin sind neben der fotografischen Dokumentation in einer Vitrine auch der Leihvertrag zwischen beiden Häusern mit einem kurzen Begleitschreiben des Louvre zu sehen – immerhin wird dem Schild ein Wert von 25 Euro beigemessen – sowie eine Fotografie des Museumslabels und des Besucheransturms vor Leonardo da Vincis so populärem Werk.

Während manches Exponat eines hinweisenden Schildes bedarf, um seine Museumswürdigkeit oder überhaupt seinen Status als Kunstobjekt zu beweisen, reicht im Falle der Hysterie um die Mona Lisa die Strahlkraft des Gemäldes aus, selbst ein Schild zum bewundernswerten Objekt zu machen – ein Schild, das seiner deiktischen Funktion beraubt, nutzlos zu werden scheint. Doch es offenbart hinter seinen dürren Zahlen und Worten eine Fülle an Informationen. Immerhin verweist die Inventarnummer von Leonardos Gemälde darauf, dass es mit zu den ersten Werken gehört, die Eingang in den Louvre fanden. Der französische König Franz I., Gastgeber des greisen Leonardo, hatte das Gemälde erworben, das im Zuge der bürgerlichen Revolution seinen Platz im dem Volk zugänglich gemachten Louvre fand.

Manche Arbeiten von Kirsten Pieroth laufen dann doch leider Gefahr, als Gag zu verpuffen, gerade weil die Künstlerin immer wieder so gut darin ist, intelligent allerlei Widersinniges anzuzetteln und damit autoritatives Verhalten zu untergraben. Wunderbar etwa ihre trocken-geistreiche Präsentation I regret that a previous engagement prevents me from accepting your kind invitation todinner at your home, on Thursday evening, September seventeenth (2003). Ein Brief von Thomas A. Edison, dessen Wortlaut, eine höfliche Notlüge, im Titel der Ausstellung zitiert wird, dient hier als Anstoß zu einer Untersuchung des Begriffs der Erfindung – ein Verfahren von bezwingender Logik, denn was stellt eine Lüge dar, wenn nicht eine Erfindung? Angesichts des rein sozialen Kontextes des Briefes wird diese Debatte jedoch ganz und gar zum Aberwitz. Auch Untitled (loan) ist so ein gelungenes Werk, das belegt, wie Pieroth mit minimalinvasiven Operationen festgefügte Hierarchiestrukturen ganz lässig auf den Kopf stellt. Ihre Werke besetzen das Moment der Verunsicherung zwischen Erwartung und Erwartungserschütterung. Sie stößt eine Verwaltungsmaschinerie an, die letztlich nur sich selbst produziert. So läuft am Ende auch das Publikum ins Leere, denn die erwartete Sinnfälligkeit erzeugen die von der Künstlerin annektierten Zeichen und Formalien gerade nicht.


Weitere Artikel von Astrid Mania


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken