Kilian Rüthemann und Manuel Scheiwiller im Kunstverein Harburger Bahnhof

Im Wartesaal der Melancholie

Nicole Büsing, Heiko Klaas
3. Mai 2011


Kilian Rüthemann und Manuel Scheiwiller: „Valentine“ - Kunstverein Harburger Bahnhof, Hamburg. Vom 8. April bis 5. Juni 2011

Wer schon einmal in Genf war oder zumindest an der Hamburger Binnenalster, kennt das Phänomen: Kräftige Wasserpumpen pressen mit enormem Druck einen simplen Strahl in den Himmel. Ob „Jet d‘eau“ oder „Alsterfontäne“: Spektakuläre Springbrunnen dieser Art markieren Orte, an denen es eigentlich gar nichts weiter zu markieren gibt. Tourismusmanager, Stadtrundfahrtveranstalter und Postkartenproduzenten frohlocken, lässt sich doch so aus jedem Tümpel eine Sehenswürdigkeit machen.

Der Schweizer Künstler Kilian Rüthemann (Jg. 1979) hat jetzt eine solche Fontäne im großen Ausstellungsraum des Kunstvereins Harburger Bahnhof in Hamburg installiert. Im einstigen Wartesaal für Bahnreisende der 1. Klasse hat Rüthemann eine 100 Quadratmeter große, leicht gekurvte Plattform errichtet, in deren Zentrum sich eine acht Meter hohe Wasserfontäne befindet. Das feuchte Element wird bis knapp unter die Raumdecke empor geschleudert. Rüthemanns skulpturale Intervention hat etwas Bühnenhaftes. Die Unterkonstruktion besteht aus lässig verschweißten Eisenträgern. Darauf befinden sich Bauholzplatten, die wiederum mit handelsüblichen Bitumenbahnen, wie sie auf Flachdächern zum Einsatz kommen, ausgelegt sind. Das Ganze erinnert ein wenig an eine Halfpipe, dürfte aber eingefleischten Skatern aufgrund des relativ flachen Neigungswinkels keinen wirklichen Kick vermitteln. Abgesehen davon darf die nahezu raumfüllende Skulptur auch gar nicht betreten werden. Rüthemann, der alles selbst konstruiert und gebaut hat, verwendet ausschließlich povere Baumarktmaterialien. Als improvisiertes Wasserreservoir dient ihm ein schwarzer Kunststoffbottich, der normalerweise zum Betonanrühren verwendet wird. Alles ist offengelegt und für den Betrachter nachvollziehbar. So entsteht eine Ästhetik des Profanen, die zwar aus der Ferne an die industrielle Glätte der Minimal Art erinnert, jedoch bei näherem Hinsehen ihre handwerkliche Gemachtheit und ihre kleinen Fehler, ja ihre Prekarität offenbart. Das Einfache tritt bei Rüthemann in den Dialog mit dem Monumentalen. Mit ebenso simplen wie radikalen Rauminterventionen dieser Art ist Kilian Rüthemann in den vergangenen Jahren wiederholt hervorgetreten. Er arbeitet stets ortsspezifisch. So senkte er im Kunsthaus Glarus Teile der Glasdecke herab und bockte diese auf sprungschanzenartige Eisengestelle auf. Durch diesen einfachen Akt der minimalen Verrückung entstand ein vollkommen neues Raumerlebnis.

Für Harburg hat Anna Goetz, die Kuratorin der Schau, Kilian Rüthemann darüber hinaus ermuntert, noch einen weiteren Künstler seiner Wahl einzuladen. Rüthemann hat sich für seinen Landsmann, den 1984 geborenen Manuel Scheiwiller, entschieden, der zurzeit noch bei Christian Jankowski und Rainer Ganahl an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart studiert. Manuel Scheiwiller hat für die Ausstellung einen rund dreiminütigen Film gedreht, der jetzt auf der dem Eingang gegenüber liegenden Stirnwand des Ausstellungsraumes zu sehen ist. Die Arbeiten von Rüthemann und Scheiwiller treten so in einen medienübergreifenden Dialog.

Als Titel für ihre erste gemeinsame Ausstellung haben die beiden den wohlklingenden und darüber hinaus natürlich extrem assoziationsreichen Namen „Valentine“ ausgewählt. Das damit verbundene Versprechen romantischer Liebe löst zumindest Scheiwiller teilweise in seiner Filmarbeit ein. Eine Gruppe mehr oder weniger zugedröhnter junger Neo-Hippies befindet sich in einem kleinen, mit künstlichem Nebel, weißen Vorhängen und diversen grellen Lichtquellen angefüllten Raum: Diffusität statt Klarheit. Einige Akteure interagieren mit Fahrradlenkern, Gepäckkörben oder anderen Objets trouvés aus der bereits im Vorspann annoncierten „manuel scheiwiller collection“, die wie eine Mischung aus modischen Accessoires und Sex-Toys inszeniert werden. Andere sitzen oder liegen mit geschlossenen Augen auf verchromten 70er-Jahre-Möbeln herum. Im Grunde ist jeder auf nahezu autistische Art und Weise mit sich selbst und seinen gegenwärtigen Halluzinationen beschäftigt. Dass dazwischen ein vollkommen nacktes Paar durch den Raum tanzt und Sex in den verschiedensten Positionen hat, scheint von den anderen überhaupt nicht wahrgenommen zu werden. Über der ganzen Szene liegt zudem ein verträumter Gitarrensound. Manuel Scheiwiller kokettiert mit der Ästhetik sogenannter Imagefilme, die von Mode- oder Kosmetiklabels produziert und ins Internet gestellt werden. Dabei geht es weniger um konkrete Produkte sondern vielmehr darum, den „Mood“ einer Marke möglichst gefühlvoll zu vermitteln. Calvin Kleins Eternity-Spots liefern dafür die besten Beispiele. Scheiwiller führt deren erotisch aufgeladene Ästhetik ebenso spielerisch wie provokant ad absurdum. Der Künstler, der vor seinem Kunststudium Tanz studiert hat, ist ein Grenzgänger zwischen Tanz, Performance, Bildender Kunst, Film, Mode und Theorie. Im April 2010 gründete er die nomadisierende Ausstellungsplattform „Raum zur Kunst“. Ein Jahr zuvor sorgte er mit der vielstündigen Performance The Night Of The Wild Cannibals in der Kunsthalle Basel für Furore. Auch hier arbeitete Scheiwiller mit nackten Akteuren.

Wie er die beiden auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Arbeiten miteinander in Verbindung bringen soll, das bleibt letztlich dem Betrachter überlassen. Rüthemann und Scheiwiller gemeinsam ist ihr Faible für künstlerische Raumvermessungen, egal ob skulptural oder performativ, aber auch die extreme Offenheit ihrer Werke. Der Bildhauer Rüthemann stößt mit seiner Fontäne natürlich eine Vielzahl interpretatorischer Türen auf. Das Spektrum reicht dabei vom mythologisch besetzten Jungbrunnen über Barock- oder Rokoko-Brunnen bis zum heutigen Stadtmarketing. Narzissmus jeglicher Art spielt beim Brunnenbau bekanntlich eine große Rolle. Aber auch Marcel Duchamps Urinal, das er bezeichnenderweise nicht als solches sondern als „Fountain“ bezeichnet hat, scheint von Ferne auf, ebenso wie der wasserspeiende Bruce Nauman auf der berühmten, 1967 entstandenen Fotoarbeit Self-Portrait as a Fountain. Worum es aber beiden ganz offenbar auch geht, ist die Schönheit des Augenblicks, gleichzeitig aber auch deren permanente Bedrohung. Rüthemanns sich geradezu phallisch nach oben gereckter Wasserstrahl nutzt die ihm zur Verfügung stehende Bühne selbstbewusst aus. Ihm haftet aber durchaus auch etwas Melancholisches an: Sein imposantes Emporschnellen endet schon kurze Zeit später in einer unförmigen Wasserpfütze. Und auch die tagtraumhafte Unbeschwertheit von Scheiwillers gutaussehenden Akteuren scheint nur geborgt. Käme jetzt jemand vorbei und öffnete die Tür zu ihrem abgeschirmten Refugium - die entspannte Surrealität wäre augenblicklich dahin.


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