Khoj in der ifa-Galerie, Berlin

Overkill an Theorie

Katharina Severin
11. Januar 2012

„connect: in Indien und weit darüber hinaus. Khoj – International Artists’ Association, Delhi“ – ifa-Galerie, Berlin. Vom 14. Oktober 2011 bis 22. Januar 2012

Wenn das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) zu einer neuen Schau seiner Ausstellungsreihe „connect“ einlädt, kann man sich eines sicher sein: Es wird ein Galeriebesuch der etwas anderen Art. Fundamentaler, könnte man fast sagen. Denn die ifa-Galerie, eine Institution der deutschen Außenkulturpolitik, getragen vom Auswärtigen Amt, dem Land Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart, engagiert sich für den internationalen Kulturaustausch. Dafür kooperiert die Nachfolgeinstitution des 1917 in Stuttgart gegründeten „Deutschen Ausland-Instituts“ unter anderem eng mit den weltweiten Ablegern des Goethe-Instituts, dem DAAD und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Die 2009/10 initiierte Folge der „connect“-Ausstellungen, in der Künstlerszenen vorgestellt werden, die abseits des internationalen Kunstmarktes agieren, steht in diesem geopolitischen Kontext. Das programmatische „Verbinden“ wird hier als Imperativ verstanden. Nach der Kunstszene Vietnams und der Präsentation des brasilianischen Kunstvereins A Gentil Carioca, steht in der dritten „connect“-Ausgabe in Berlin der indische Projektraum Khoj – International Artists’ Association im Zentrum.

Khoj begann 1997 mit einem einzelnen Workshop vor den Toren Neu Delhis, tourte aber bald mit der Idee, ein indisches Künstlernetzwerk aufzubauen, durch das ganze Land: Stationen waren unter anderem Mysore, Mumbai, Kolkata und Kalmadi. Was ursprünglich als lokale Unterstützung der zeitgenössischen Kunstszene gedacht war, die keinerlei staatliche Förderung erfährt, hat sich in Südasien längst als Kulturinstitution etabliert. Einen Status, dem Pooja Sood, Leiterin der Khoj-Studios in Khirkee Village, ambivalent gegenübersteht. Aber mit mehr als 500 Workshopteilnehmern und Stipendiaten aus der internationalen Kunstwelt, der Unterstützung des Triangle Network, Kooperationen mit zum Beispiel dem australischen West Space, zählt Khoj mittlerweile zu den Global Playern unter den Kunstinitiativen. In der ifa-Galerie präsentiert sich Khoj mit Performance-Screenings, Installationen und Plakatarbeiten als künstlerische NGO.

Aktuell mit dabei ist der Künstler Nikhil Chopra (Jg. 1974), der seine Performance Broken Black V in der Berliner Galerie uraufführte. Nun ist sie dort als Video nachzuerleben. Chopra, der zu den bekanntesten zeitgenössischen Künstlern Indiens zählt, arbeitet an den Schnittstellen zwischen Theater, Malerei, Skulptur und Performance: Seine raumergreifende, größtenteils improvisierte Arbeit setzt einen Identitätsentwurf in Szene, der in der Auseinandersetzung mit der Umgebung entsteht. Die Spuren dieses Positionierungsversuches – ein umgekippter Stuhl, ein zerrissenes Kostüm, Zeichenkohle auf dem Fensterbrett, die performativ entstandene Zeichnung einer Berliner Straßenszene – lassen sich als Häutung eines Subjekts in ständigem Wandel lesen, dessen eigene Geschichte je nach äußeren Parametern eine neue Bedeutungsschicht erhält.

Die unmöglichen Monster Rohini Devashers (Jg. 1978) hingegen sind ganz anderer Natur. Die Künstlerin schafft Mutationen botanischer Strukturen - ganz so, als träfe Science-Fiction auf Goethes Urpflanze. Unter dem Elektronenmikroskop hat Devasher Pflanzenbilder durch Schichten von Videos, Zeichnungen oder Fotos abstrahiert, ergänzt und überlagert und präsentieren nun eine ganz und gar fiktive Gattung. In diesem neuartigen Systema naturae verschwimmen die Grenzen zwischen Botanik, Archäologie und Astronomie – angesichts von Gen-Mais und Co. gar keine so futuristische Vorstellung.

Einer der Schwerpunkte des Projektraumes Khoj ist die Förderung performativer Kunst. Und so zeigt ein Monitor Auszüge aus dem ersten internationalen Performancefestival in Neu Delhi, „Khoj Live 08“, das Khoj zu seinem zehnten Geburtstag im März 2008 organisiert hatte. Dass zu den beteiligten Künstlern dieses sechs Tage andauernden Events die pakistanische Künstlerin Mehr Javed (Jg. 1983) mit ihrer verstörenden Atmungsorgie Air Hunger zählte, erfährt man aber erst auf Anfrage – bei Khoj selbst, denn die ifa-Galerie konnte keine Auskunft geben. Ein gravierendes Problem dieser Ausstellung, die sich der kollektiven Institution widmet, individuelle Künstlernamen aber vergisst oder als bloße Referenzen ausweist.

Wie im Fall von Shilpa Gupta (Jg. 1976) und Huma Mulji (Jg. 1970). Von beiden sind keinerlei Kunstwerke zu sehen. Dennoch fungierten die Künstler als lockende Prominenz für das Plakatprojekt Aar Paar-Project (On the other side), das im Grenzkonflikt zwischen Pakistan und Indien vermitteln will und bei einem Zusammentreffen der beiden 1998 in einem Khoj-Workshop ins Leben gerufen wurde. Die später entstandenen, künstlerischen Plakate aber, die man in der ifa-Ausstellung zu sehen bekommt, stehen namenlos im Raum. So wird das Projekt als solches auf die Problematik der Grenze beschränkt, das als Gesamtnarrativ über der Khoj-Schau schwebt.

Dieselbe Staatsgrenze problematisiert auch die Künstlerin Bani Abidi (Jg. 1971), die in der ifa-Galerie mit The News (2006) vertreten ist. In ihrer Videoinstallation schlüpft Bani in die Rolle zweier Nachrichtensprecherinnen. Zwar bleiben die Inhalte der jeweils nationalen News gleich, doch spricht die Künstlerin auf der einen Seite sanskritisiertes Hindi, auf der anderen persianisiertes Urdu. So problematisiert Bani die absurde Sprachpolitik der Medien, die auf politisch korrekte Differenzierung, anstatt auf Annäherung setzen. Schade nur, dass das slapstickhafte Moment der fingierten Nachrichtenschau durch die Verortung der Fernseher im Galerieraum verloren geht. An die Wand gedrängt, zwischen der Kartografie Khojs von Matthias Görlich, ein geografisches Design fast aller Künstlernamen, nach Kontinenten sortiert, die an Khoj-Projekten teilgenommen haben, und Zuleikha Chaudharis raumübergreifender Installation aus schwarzflächigen Rhomben und weißen Holzrahmen, bleibt kaum Raum zur Entfaltung. Und auch das Werk Chaudharis verliert in der Zusammenschau seinen Reiz. Was für sich genommen ein spielerisches Element enthält – als geometrische Stolperfallen kann der Besucher durch sie hindurch mäandern – potenziert im Kontext der Khoj-Ausstellung bloß den dualistischen Charakter der Schau.

Von Umweltaktivismus, über Netzwerkbildung bis Mittelbeschaffung: Die Khoj-Präsentation gibt Nachhilfe im Thema kollektiver Kunstproduktion. Bei allen interessanten Fragestellungen, von Bildungs- und Kulturpolitik bis hin zu kreativer Hinterfragung von Wissensproduktion per se, schwebt die Theorie wie ein massives Damoklesschwert über der Darstellung. Die Inszenierung verspielt das kreative Potenzial, das jedem Kunstobjekt innewohnt. Denn Khoj positioniert sich einzig als eine Art künstlerischen Think Tanks, den realpolitischen Interventionen der österreichischen Gruppe WochenKlausur nicht ganz unähnlich. Am besten lässt sich diese Selbstdarstellung mit Irit Rogoffs Überlegungen zum „educational turn in curating“ verstehen. Als Denkansatz ein lobenswertes Unterfangen. In der visuellen Erfahrung aber schwer verdaulich.


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