7. Februar 2012
Die Revolution frisst ihre Kinder, soviel ist bekannt. Ägyptische Künstler machen derzeit die Erfahrung, dass auch sie gefressen werden können – wenn nicht politisch, so doch ästhetisch. Denn viele der Werke, in denen sie auf die Umwälzungen in ihrem Land reagieren, wirken wie eingeschüchtert von der Wucht der politischen Ereignisse – und zwar so sehr, dass sie eher wie Dokumentationen denn Kunstwerke funktionieren. Viele Künstler, auch er selbst, seien in eine Falle getappt, räumt Khaled Hafez ein, derzeit wohl einer der bekanntesten Maler des Landes. Er selbst sei darum schnell wieder auf Abstand zur Revolution gegangen – zumindest ästhetisch. Stattdessen habe er sich auf seinen bisherigen Stil besonnen. Und der ist in sich selbst Revolution genug. Ab 7. März ist er in der Frankfurter Schau „Ägyptische Kunst heute“ – parallel zur Tutanachamun-Ausstellung im HÖRZU WISSEN FORUM – zu sehen.
Wer ihn besucht, streift einen Lebensmittelladen, eine Bäckerei, ein Geschäft für Alltagskleidung. Davor, hart an den zerschlissenen Bürgersteig geparkt, eine lange Reihe heruntergefahrener Pkw. An ihnen vorbei schlängeln sich Passanten, mal links, mal rechts, hüpfen hie und da auf die Straße, um dem regen Verkehr ebenso lässig wie spät auszuweichen. Dicht an dicht ballen sich Menschen und Autos in der kleinen Straße in Nasr City, einem wenig spektakulären Wohnviertel in Kairo, nicht weit vom Flughafen der Stadt. Den Geschäften gegenüber stehen unübersehbar in die Jahre gekommene Wohnhäuser. Vier, fünf Stockwerke hoch, von undefinierbarer, im Zweifel braungrauer Farbe, schmucklos und vernachlässigt, doch für Kairoer Verhältnisse ganz passabel. Ein paar Treppen geht es hoch, die Tür öffnet sich und Khaled Hafez bittet herein.
In einer Wohnung des Hauses hat er sein Studio eingerichtet. Und weil gerade Freitag ist, hat Hafez Gesellschaft. Sechs, sieben junge Künstler sitzen oder stehen in den beiden Räumen des Appartements. Sie proben Techniken, beugen sich über den Computer, diskutieren. Das tun sie jeden Freitag, seit gut einem Jahr. Denn seit einem Jahr rollt die Revolution durch Ägypten – und zwar keineswegs nur friedlich. Insbesondere in den ersten Wochen starben viele Menschen. Sie wurden von Fahrzeugen überrollt, erschossen, starben an Verletzungen, die knüppelnde Staatsdiener ihnen zufügten. Hafez beobachtete die Zusammenstöße zunächst aus der Distanz, vom Fernseher aus. Er war skeptisch, fragte sich, ob die Proteste überhaupt Sinn hätten. Doch dann erfuhr er, dass sein Freund und Kollege, der Fotokünstler Ahmed Basiony, von einem Scharfschützen erschossen wurde. Es war der 28. Januar 2011.
„Dieser Tag hat mein Weltbild vollkommen verändert“, berichtet Hafez. „Ich begriff, dass alles, was ich bislang über die politische Moderne in Ägypten gelernt hatte, eine einzige Lüge war. Von da an ging ich zum Tahrir-Platz. Ich nahm Kontakt zu jüngeren Künstlern auf und öffnete ihnen fortan jeden Freitag mein Studio.“ Dort sitzen sie nun und diskutieren. Vor allem eine Frage beschäftigt sie: Wie lässt sich die ägyptische Revolution auf künstlerisch angemessene Weise umsetzen? Wie verhält man sich einer Entwicklung gegenüber, die jeden Tag neue Situationen schafft, deren Dynamik man gespürt haben muss, wenn man sie abbilden will? Vor allem aber: Wie geht man künstlerisch auf Distanz zu ihr? Denn Distanz braucht man, meint Hafez. „Als ich begann, mich in meiner Arbeit mit der Revolution auseinanderzusetzen, tappte ich zunächst in eine Falle“, berichtet er. „Ich empfand meine Arbeit sehr bald als reaktionär. Reaktionär, weil ich nur reagierte. Darüber verlor ich den künstlerischen Ausdruck. Und so bin ich zu jenen Techniken und Darstellungsweisen zurückgekehrt, mit denen ich schon vor der Revolution gearbeitet hatte.“
Hafez' frühere, gewissermaßen vorrevolutionäre Arbeiten spielen in hintergründiger Symbolik auf die großen Themen der ägyptischen Moderne an. In Faster than the city greift er die Figur des Anubis auf, des altägyptischen Gottes, der die Verstorbenen ins Jenseits geleitet. Trotz oder gerade wegen seiner markanten Figur – Anubis erscheint als Schakal mit einer langen, nach vorne gestreckten Schnauze – ist er im zeitgenössischen Ägypten nur noch ein Emblem, das flüchtig an die pharaonische Kultur erinnert. Hafez hat nun diesen Gott in eine spätkapitalistische Konsumwelt versetzt: Anubis steht in unmittelbarer Umgebung einer roten Luxuskarosserie, mit deren Rasanz er kaum konkurrieren dürfte. Aber vor allem befindet er sich in Gesellschaft schöner Frauen, genauer, hocherotischer Fotomodelle, bekleidet mit Reizwäsche oder leichten Flatterstoffen, die Blick auf viel Haut freigeben. Anubis wird zum modernen Zentauren: Der Unterkörper ist der eines Fotomodells in High Heels, während der Oberkörper wie ein mit schnellem Strich gezeichneter Schakal aussieht: ein für ganz neue Zwecke aufbereitetes Symbol, ein postmoderner Leichtigkeit angepasstes Image zur Zierde etwa der Shoppingmalls, in der einzig Anubis die verwöhnten Kundinnen daran erinnert, dass sie in Ägypten leben, und nicht etwa in Frankreich, Japan oder den USA.
In seiner Reihe „Philadelphia Chromosome“ holt Hafez dann die antike Götterwelt in die der Fitnessstudios, insbesondere in deren Bodybuilding-Abteilungen. Ein muskelbepackter Kraftmensch hockt auf einem Pharaonenthron, auf dem Kopf die Insignien der Macht. Und die Frauen, in den altägyptischen Vorlagen oftmals im Rang von Göttinnen stehend, erscheinen hier als gertenschlanke Fitnessladies: Göttinnen eines neuen Zeitalters, einer Epoche, die weniger an die Ewigkeit denkt, sich dafür umso mehr aber der Gegenwart hingibt – in deren Anbetung sie aber nicht weniger elegant erscheinen als ihre Vorfahren aus dem zweiten, dritten vorchristlichen Jahrtausend. Und nicht nur das: Haben die Damen des gegenwärtigen Zeitalters sich nicht viel erfolgreicher emanzipiert als ihre Mütter zu pharaonischen Zeiten? Immerhin haben sie den Anschluss an den ganzen Globus gefunden, sind Teil einer Bildersprache, die längst um die Erde kreist. Andererseits ist keineswegs ausgeschlossen, dass sie sich so, wie sie da laufen, Dehnübungen hingeben, Bauch und Brust eine strenge Kur angedeihen lassen, Gefangene eines anderen, eines sportlichen Ritus sind, der ebenso wenig Abweichung duldet wie seinerzeit die Ordnung des alten Ägypten.
Doch einerlei, die Bilder sind von bestechender Eleganz, zeugen von der Schönheit männlicher und weiblicher Körper. So führen die Symbole aus antiker, also vorislamischer Zeit zurück in eine Epoche, deren Existenz daran mahnt, dass Ägypten auch andere Kulturen kannte als jene, die die jüngste der drei Offenbarungsreligionen dem Land brachte. Der Blick in die Vergangenheit wird zu einem auf die Gegenwart, denn er erinnert daran, dass das Land sich keineswegs bloß einer Kultur, einer Religion verschreiben muss, wie es manche ihrer Vertreter eifersüchtig behaupten. Kulturen sind vergänglich, kann man Hafez´ Arbeiten entnehmen. Alternativen zu ihnen sind darum durchaus denkbar. „Ägypten liegt am Schnittpunkt dreier Kontinente und Kulturkreise. Wir sollten uns daher auf jeden von ihnen besinnen“, erklärt Hafez.
Und so heißt eine Reihe aus dem Jahr 2010, die bereits auf seine jüngsten Arbeiten verweist, „Sketches for Sonata in 3 Military Movements“. Wieder sind es Szenen absoluter Macht: Altägyptische Statuen - allen voran ein Löwe - die schwer bewaffnete Scherenschnittsoldaten gegen unsichtbare Gegner verteidigen. Hubschrauber und Kampflugzeuge umkreisen die Herrschaftssymbole, die Soldaten haben das Gewehr im Anschlag. Der Kampf um die Macht hat begonnen – ein Jahr, bevor er von der Leinwand auf die Straße, in die politische Wirklichkeit stieg.
Es sind dies die Revolutionsdarstellungen, die Hafez im Sinn hat, wenn er sich von den jüngsten Ereignissen nicht auf die Rolle eines malenden Chronisten reduzieren lassen will. Auch das Bild eines anonymen Scharfschützen, das Gewehr im Anschlag, malte Hafez vor Ausbruch der Revolution. Mit „On Codes, Symbols and Stockholm Syndrome“ war seine jüngste Ausstellung in der Galerie Safar Khan überschrieben. Das Stockholm-Syndrom: Die Formel für eine eigenartige Beziehung zwischen Geiselnehmern und ihren Geiseln, die in Momenten höchster Not eine pervertierte Zuneigung zueinander empfinden – als ein Weg, mit der ausweglosen Situation zurechtzukommen. Dieses Syndrom sieht Hafez auf eigenartige Weise in der aktuellen politischen Situation Ägyptens wiedergekehrt – wenn nämlich junge Menschen, die gegen das alte Regime protestieren, dessen Vertreter nun wiederwählen, weil für sich auch die Islamisten keine Alternative sind. Wen aber sollten sie sonst wählen? Hafez gibt keine Antwort, kann auch kaum eine geben. Stattdessen zitiert er eine der großen alten – und betörenden Damen – die 1975 verstorbene Sängerin Umm Kalthoum. Die Frau mit dem seidenen Taschentuch in der Hand verkörpert ebenfalls ein vergangenes, durchaus anderes Ägypten als das, was man heute kennt. Mit ihr evoziert Hafez ein Land der Anmut, Schönheit – und Würde – der Frauen. Und Frauen sind es, die für Hafez etwas ganz Wesentliches symbolisieren. Nämlich die andere Seite der Macht.
„Ägyptische Kunst heute“ (Künstler der Safar Khan Gallery, Kairo) – HÖRZU WISSEN FORUM, Frankfurt. Vom 07. März bis April 2012