Kathryn Andrews bei Christian Nagel, Berlin

Ramschladen Traumfabrik

Hans-Jürgen Hafner
28. November 2009
Kathryn Andrews: „Frankie Goes to Bollywood“ – Galerie Christian Nagel, Berlin. Vom 7. November bis 20. Dezember 2009

Manche Lebenslügen halten sich so unausrottbar, dass wir sie fast schon als mythisch ansehen dürfen. Etwa die, dass sich mit guter Kunst auch entsprechend gutes Geld verdienen ließe. Oder dass mit dem Umzug nach Hollywood automatisch der Grundstein für eine erfolgreiche Karriere als Schauspieler gelegt wäre. Dabei wissen wir längst, wie komplex und daher unwägbar es in der Welt der Künste oder der Unterhaltung (was manchmal auch ein und dasselbe ist) zugeht. So komplex und unwägbar, dass wir besser gleich in die Welt hinausziehen sollten, um – freilich mit dem richtigen System (und damit dann schon wieder Hollywood-würdig) – beispielsweise die Spielbank in Monte Carlo hochgehen zu lassen.

Kathryn Andrews‘ aktuelle Schau schildert uns eine Geschichte, wie sie sonst nur ein Hollywood-Drehbuchschreiber erfinden könnte. Und sie evoziert sie mithilfe von ästhetischen Mitteln, in denen selber bereits die sehr spezifische Atmosphäre einer Kunst gespeichert ist, die wir gelernt haben, als durch und durch amerikanisch, als, buchstäblich, von West-Coast-Flair durchtränkt zu schätzen. Ein lapidar-installatives Tableau, weniger eine definitive Rauminstallation hat Andrews (Jg. 1973) dafür hingestellt. Ebenso assoziativ wie flexibel ist es aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt: vom ungegenständlich-poppigen Tafelbild über Flohmarktfundstücke oder Leihrequisiten bis hin zu aufwendig verchromten, zugleich skulpturalen wie funktional eingesetzten Objekt-Findungen. Dieses Tableau wirkt wie ein zufälliges, fast willkürlich entstandenes Knäuel, aus dem allerhand formale, motivische oder ikonografische Fäden – sagen wir – heraushängen, um Einstiegsmöglichkeiten in den Plot dieser Schau zu bieten.

Da stechen vor allem angeranzte Poster in hochglänzenden und offenbar eigens dafür hergestellten Halterungen hervor, die, zumeist billig auf neonfarbenes Papier gedruckt, beinah tagesaktuell für allerhand mehr oder weniger spektakuläre Ereignisse werben. Für ein Konzert von „Queen Kwong“ im Spaceland etwa. Für den Lagerverkauf aus einem Filmstudio. Oder für ein ominöses Match „Honduras vs. USA“ mit der Telefonnummer einer Ticket-Hotline. Diese Poster stehen teils für sich, wie 2010 (alle Arbeiten 2009), oder ergänzen sich mit beigehängten Gemälden (King Kong (Remake)) oder einem Trouvaillenkasten, gefüllt mit noch eingeschweißten „Superman“-Comics und einem Rock-Starschnitt, zu einer Art Memorabilia-Ensemble (Hollywood Conclusion).

Das sieht einerseits ziemlich gut, zumal aber aus europäischer Perspektive zugleich ziemlich sehnsüchtig-sentimental aus. Andererseits leiden diese Mini-Ensembles, ja, das gesamte Ausstellungsarrangement unter der allzu großen Unverbindlichkeit der dafür quasi immer nur vorläufig miteinander kombinierten Elemente. Was hier auf diese Weise steht, könnte, so die Vermutung, immer auch anders stehen – selbst wenn die Schau von einer Art losen Rahmenhandlung strukturiert wird und sich in ihrer Gänze raffiniert als Wohnungsauflösungsverkauf ausweist, als ein sogenannter Yard Sale (so reklamiert es der Titel des gleichnamigen Werbebanners über einem Siebdruck, natürlich stilecht in den Farben der amerikanischen Flagge).

Denn wie uns erst die Pressemitteilung mit einer kurzen Bemerkung der in Los Angeles lebenden Künstlerin belehrt, basiert ihre Schau auf einem konkreten Plot. „Frankie Goes to Bollywood“ stellt einen Yard Sale vor, wie ihn der alternde (und tatsächlich immer noch aktive) Hollywood-Star und das frühere Teenie-Idol Frankie Avalon veranstalten könnte, bevor er sich auf- und davonmacht, gen Bollywood, die legendäre indische Hochburg der Film- und Unterhaltungsindustrie, um dort nochmals so richtig durchzustarten. Gar kein schlechter Plot, gerade, wenn wir uns vorstellen, dass der immerhin schon seit den 1950er-Jahren kontinuierlich als Sänger und Schauspieler Populäre (etwa mit in den USA beliebten, von eingeölten Surfern und hochtoupierten Bikini-Girls bevölkerten „Beach“-Filmen) mit dem Vertrieb ausgerechnet von Schmerzmitteln eine zweite und vermutlich außerordentlich krisenresistente Einkommensquelle erschlossen hat.

Das tief Sentimentale, aber auch jenes schon klischeehafte Lokalkolorit, das Kathryn Andrews‘ temporäre Inszenierung in Form und Inhalt aufweist – es erhält durch den ebenso fiktiven wie schlüssigen Plot endgültig einen Zug ins Tragikomische. Für diese Inszenierung spricht, dass sie zugleich nicht mehr sein will als ein projekthaft assoziatives „mise-en-scène“ anhand künstlerischer und filmischer Mittel, dass sich diese Schau so bewusst zwischen selbstverständlicher Americana-Trivialität und völlig überzogenem Pathos einpendelt. Irgendwo erzählt sie dabei sogar eine Parabel über das Ende des amerikanischen Traums. Denn nicht ohne Grund lässt sie den – im wahren Leben immer noch einigermaßen erfolgreich tourenden – Frankie Avalon nach Indien auswandern. Bollywood, sagt das, hat längst die funkelnde Erfolgsverheißung der mythischen Traumfabriken Hollywoods abgelöst.


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