14. Oktober 2011
Katharina Sieverding: „Blue Note II“ – Galerie Wilma Tolksdorf, Frankfurt am Main. Vom 3. September bis 29. Oktober
1957 veröffentlichte John Coltrane beim New Yorker Jazz Label „Blue Note Records“ seine Vinylplatte „Blue Train“. Ebenso legendär wie die Platte ist heute das Cover. Die Idee zu einer mit Blauton überarbeiteten Schwarz-Weiß-Aufnahme Coltranes ging auf den Grafiker Reid Miles zurück. Das metallglänzende Blau, das Kopf und Hände des Musikers überzieht, setzt sich erhaben vom schwarzen Farbblock des Hintergrundes ab. Der Zoom, der engere Bildausschnitt, katapultiert den Betrachter direkt in eine Konzertatmosphäre.
Ob sich die junge Fotokünstlerin Katharina Sieverding während ihrer New Yorker Studienjahre 1976 und 1977 vom besagten Plattencover inspirieren ließ, ist nicht bekannt. Sicher ist jedoch, dass sie in Übereinstimmung mit dem Label eine reduzierte Ästhetik favorisierte, geschult an den Verfahren der Bauhausfotografen und Konstruktivisten. Ähnlich wie Bauhauslehrer Lázló Moholy-Nagy begeisterte sich auch Sieverding für das Solarisationsverfahren. Allerdings brachte sie Farbe ins Spiel: Blau oder Grün schimmert ihr Gesicht auf den Porträts der 1970er-Jahre vor schwarzem Bildgrund. Anstelle von Objekten und serieller Massenware, stellt sie das menschliche Antlitz ins Zentrum ihrer Arbeit.
Spannenderweise hat Sieverding ihre erste Einzelschau in der Frankfurter Galerie von Wilma Tolksdorf, die frühere Schlüsselwerke mit neueren Fotografien kombiniert, nun „Blue Note II“ getauft. Es gehe ihr hierbei um die Verbindung von „absolute vision“ (des Coverdesigns) und „absolute sound“ (der Studioaufnahme), so die Künstlerin. Die technische Perfektion, die Wirkung eines wie frisch aus dem Entwickler kommenden fotografischen Materials, besticht auf Anhieb. Magnetartig angezogen fühlt man sich ausgerechnet von der ältesten bei Tolksdorf vorgestellten Fotografie - das drei Meter hohe und in vier Bahnen geteilte Werk stellt für das Jahr 1977 ein ungewöhnliches Format dar. Neben der Größe der Arbeit ist es auch das Motiv, das Aufmerksamkeit erregt: die lässige Pose Sieverdings, die mit einem hautengen Top bekleidet ein Glas Milch in der Hand hält und über deren Gesicht ein weißer Schriftzug verläuft „The great white way goes black“. Es muss eine finstere Nacht gewesen sein, als Sieverding das Ursprungsmotiv dieses Selbstporträts aufnahm. Denn an diesem 13. Juli 1977 fiel in New York der Strom aus, was in der Nacht zu Plünderungen in den Armenvierteln führte. Den „Crash“ des Stromsystems setzt die Fotografin mit dem damals in den USA befürchteten Machtverlust seitens der weißen Oberschicht gleich. Die seit Wochen an der New Yorker Wall Street anhaltenden Proteste gegen das Finanzkapital und noch weiter gedacht, das verheerende Atomunglück in Japan zu Beginn des Jahres, aktualisieren bedauerlicherweise das rund vierzig Jahre alte Statement der Künstlerin.
Katharina Sieverding, 1944 als Tochter eines Röntgenarztes in Prag geboren, zählt zu den interessantesten Fotokünstlern unserer Zeit. Grundlage ihres künstlerischen Schaffens stellte das Studium in der Bühnenbildklasse von Teo Otto an der Kunstakademie Düsseldorf dar, von der sie 1967 zu Joseph Beuys wechselte. Mutig traute sie sich, das Programm der seinerzeit aufkeimenden Body Art mit den Mitteln der Fotografie auszureizen. Kurator Harald Szeemann belohnte sie bereits 1972 mit einer Einladung zur fünften documenta in Kassel. Es folgten zahlreiche Ausstellungen, gleich mehrmals nahm Sieverding an der Biennale von Venedig teil. Sieverdings Blick auf politische Ereignisse ist stets schonungslos und aktuell gewesen. Was hat die Künstlerin dazu veranlasst in Frankfurt hauptsächlich ältere Arbeiten zu zeigen? „Ich wollte in diesem Fall einen gewissen historischen Raum öffnen mit Arbeiten unter anderen aus den 1970er- und 80er-Jahren, um ihre Aktualität neu zu präsentieren.“ Eine Montage aus Black-Out, Sonnenfinsternis, politischen Richtkräften, NASA-Phantasmen und Energieökonomien sei „Blue Note II“, erklärt die Fotokünstlerin.
Die ausgewählten sechs Fotografien machen nicht nur Sieverdings variationsreiches Experimentieren mit analogen Verfahrenstechniken deutlich. Auch seit Langem in ihrem Œuevre verankerte Fragen, etwa nach der Bedeutung von Nation, Gender oder dem Originalitätsprinzip des Mediums Fotografie, veranschaulicht die Ausstellung. Dabei eröffnet sich die rehistorisierende Dimension in Sieverdings Fotografien erst auf den zweiten Blick: Erst wer die Farbexplosion auf der Fotografie Ressource Terabyte 1 (2009) durchdringt, wird auf der dreiteilig angelegten Bildkomposition neben Beuys‘ Filzanzug auch das Eingangstor zum Konzentrationslager Sachsenhausen erkennen. Und so geht die Vision der Künstlerin auf.