25. Juni 2009
Karen Smith: „Nine Lives: The Birth of Avant-Garde Art in New China“, 2. überarbeitete Fassung, Timezone 8 Limited, Beijing 2008. 473 Seiten, ISBN-10: 3039390368. US-Dollar 35,-Die Publikationen zur zeitgenössischen chinesischen Kunst werden immer zahlreicher, bunter und marktschreierischer. Davon hebt sich der große Band von Karen Smith besonders angenehm ab: Keine Hochglanzfotos, kein auffallender Einband schmücken die opulente, 470 Seiten starke Publikation. Stattdessen ein eher nüchternes Cover, innen ein solides Design auf sympathisch mattem Papier. Unter dem Titel „Neun Leben“ werden in drei Sektionen jeweils drei Künstler vorgestellt: Im ersten Teil unter der Überschrift „Lass Dich darauf ein! Vorherrschende Ideologie, Neue Philosophie“ sind es Wang Guangyi, Geng Jianyi und Fang Lijun, unter dem Stichwort „Eigne Dir an! Alternative Lebensstile und Tabus“ folgenGu Dexin, Li Shan und Zhang Xiaogang, und schließlich findet sich unter dem Schlachtruf „Erobere! Neues Gebiet und Technologie“ das Trio Xu Bing, Zhang Peili und Wang Jianwei.
Anhand von nur neun Lebensverläufen chinesischer Protagonisten der Avantgarde die Aufbruchsjahre der chinesischen Gegenwartskunst und ihre Entwicklung zu erläutern, ist ein besonderes und gewagtes Unterfangen. Relativ schnell wird jedoch klar, dass es sich hier um ein sehr lesenswertes, intensiv erarbeitetes Werk einer engagierten Kennerin der chinesischen Kunstszene handelt. Denn die Autorin, Kunsthistorikerin Karen Smith, lebt seit ihrem Umzug von Hongkong nach Peking Ende 1992 in der VR China. Sie spricht fließend Chinesisch, ist mit der chinesischen Kunstszene vertraut und über Jahre verbunden und hält trotzdem eine professionelle Distanz. Die vorliegende zweite Edition des Buches, nur zwei Jahre nach Erscheinen der Erstauflage, ist laut Smith notwendig geworden, weil die chinesische Kunst – nach den ersten Erfolgen um die Jahrtausendwende – in den Jahren zwischen 2006 und 2008 auf dem internationalen Kunstmarkt wiederum boomte und Wertsteigerungen in schwindelerregenden Höhen erfahren hatte. Zudem wurde in dieser kurzen Phase die kulturelle Infrastruktur innerhalb Chinas durch die Zunahme an Sammlern, besonders aber durch den Bau zahlreicher Museen auch für Gegenwartskunst erheblich ausgebaut. In der zweiten Edition schlagen sich diese Ereignisse aber nur bedingt nieder, nämlich in den aktualisierten Lebensläufen und Auktionspreisen der Künstler. Unverändert bleibt der ursprüngliche und eigentliche Schwerpunkt des Buches auf den 1980er- und frühen 1990er-Jahren.
In ihrer historischen Einführung geht die Autorin gesondert auf die geschichtlichen Vorbedingungen ein, die das Entstehen einer zeitgenössischen experimentellen Kunst in dieser Zeit erst ermöglicht haben: Nach der Isolation in der Mao-Ära und den Repressionen während der Kulturrevolution traf Deng Xiaopings Proklamation einer Modernisierung und Reform der Wirtschaft (wobei er allerdings keine Öffnung der Kultur im Sinn hatte) mit dem Bedürfnis einiger Künstler nach künstlerischer wie individueller Veränderung und Neuausrichtung zusammen. Die meisten hatten gerade ihre Abschlüsse an den neu eröffneten Akademien gemacht, und für sie hieß Neuausrichtung der Blick nach Außen – besonders nach Westen – auf der Suche nach anderen künstlerischen Möglichkeiten. Neuausrichtung bedeutete aber auch das kritische Hinterfragen der Ansprüche des Machtapparates besonders im kulturellen und gesellschaftlichen Bereich. Vor einem solchen Hintergrund werden dann auch die kühlen Gemälde Geng Jianyis erst in ihrer ganzen subversiven Kraft einsichtig. Denn die frühen Werke, am Ende seiner Akademiezeit entstanden, zeigen isolierte Menschen mit ernsten Mienen, die so gar nicht der staatlich verordneten kollektiven Glückseligkeit entsprachen und für die er offiziell heftig kritisiert wurde. Seine Antwort darauf – die vierteilige Bilderserie „Der zweite Zustand“ mit ihrem nun völlig übertriebenen Lachen. Karen Smith macht hier gerade dem westlichen Leser deutlich, wie weit Geng mit seinen Gemälden von herrschenden sozialen – und damit politischen – Verhaltensnormen abweicht.
Alle im Buch vorgestellten Künstler haben die Kulturrevolution erlebt; jedoch gehören sie ganz unterschiedlichen Generationen an. Karen Smith beschreibt ausführlich und in einem flüssigen Stil den Werdegang eines jeden Künstlers – individuell wie auch vor dem soziopolitischen Hintergrund der jeweiligen unterschiedlichen Zeitperioden. Smiths Herangehen ist sehr persönlich, emphatisch und trotzdem von einem professionellen Blick für das Ganze geprägt. Die Kapitel beruhen auf langjährigen Erfahrungen, Recherchen und Interviews mit den Protagonisten. Dadurch erhält der Leser ein reichhaltiges und lebendiges Bild des damaligen China und seiner fortschreitenden Modernisierung, gespickt mit einer Fülle an Informationen und lesenswerten Details. Allerdings wird auf kunsttheoretische Erörterungen weitgehend verzichtet, sicher eines der Mankos dieses ansonsten hervorragenden Buches. Gerade bei einem Künstler wie Wang Jianwei etwa, der sehr konzeptuell arbeitet und sich auch mit der westlichen Kunsttheorie auseinandersetzt, wäre eine entsprechende Einordnung in einen größeren ästhetischen Kontext hilfreich und nötig.
Natürlich bringt auch die Beschränkung und Konzentration auf einige wenige Künstler und einen bestimmten Zeitraum Probleme mit sich. Wichtige Vertreter jener Zeit, die eine Phase der Gruppen und nicht der „Stars“ war, kommen zu kurz, ebenso wie all jene Künstler, die ins Ausland gingen. Auch konnten Künstlerinnen damals noch nicht die Rolle spielen, die sie sich in den darauffolgenden Jahren erkämpfen sollten. Für Karen Smith war ausschlaggebend, dass die von ihr vorgestellten Künstler seit den 1980er-Jahren für die chinesische Gegenwartskunst wegweisend waren und bis heute aktiv geblieben sind. Und tatsächlich bieten sie mit ihren sehr unterschiedlichen Erfolgsgeschichten wohl Identifikationsmuster für nachfolgende Generationen – nicht umsonst haben sich die Bewerberzahlen für ein Kunststudium allein an der Akademie in Hangzhou von ca. 2.000 in den 1980er-Jahren auf ca. 70.000 in den letzten Jahren erhöht.
Ergänzt werden die Texte durch umfangreiches Bildmaterial, das sich fast ausschließlich auf die neun Künstler bezieht und ihren jeweiligen Entwicklungen folgt. Weiterführende Querverweise bzw. Gegenüberstellungen hätten hier nicht geschadet. Die Konzentration auf wenige Akteure hat auch noch weitere Nachteile: So ist die dem Hauptteil des Bandes vorausgehende Zeittabelle mit den Rubriken „Künstler/Kunstwelt“ und „Geschichte“ nahezu ausschließlich auf das Umfeld dieser neun ausgerichtet und so sehr reduziert, dass man darauf eigentlich ganz verzichten möchte. Auch das Glossar am Ende des Buches fällt mit unter 20 Begriffserklärungen mager aus.
Karen Smiths Buch ist natürlich auch nicht das erste und einzige, das sich mit der Zeit der 1980er-Jahre auseinandersetzt. Hierzu leisten manche wesentlich ältere Kataloge in der Breite auch einen guten Beitrag. Jedoch ist es mit seiner Fokussierung und Ausführlichkeit den meisten anderen, jüngst zum Thema erschienenen Büchern, wie etwa der Publikation „New China New Art“ von Richard Vine, weit überlegen – und all jenen, die sich eher als Coffee-Table-Book anbieten. Die Publikation eignet sich also hervorragend, um in die Entwicklung chinesischer Gegenwartskunst einzusteigen. Leider liegt sie bisher nur auf Englisch vor. Es wäre dringend geboten, sie in andere Sprachen (und besonders ins Chinesische!) zu übersetzen, damit eine breite interessierte Leserschaft an seinen Erkenntnissen teilhaben kann.