24. Februar 2009
Justus Köhncke: „I will survive“ – Galerie Cinzia Friedlaender, Berlin. Vom 7. Februar bis 7. März 2009Was haben Keith Richards, Brian Ferry, Brian Eno, Iggy Pop oder David Bowie gemein? Sie sind nicht nur ausgesprochen erfolgreiche Musiker, sondern waren in ihrem früheren Leben auch einmal Kunststudenten. In der Popmusik der letzten 40 Jahre wimmelt es nur so von Art-School-Drop-Outs, aber eben auch bildenden Künstlern, die in einem anderen, dem musikalischen Metier reüssiert haben. Umgekehrt funktioniert der Transfer erstaunlicherweise weitaus seltener. Bei malenden Musikern denkt jeder gleich an alte, verdiente Herren wie Bob Dylan, die zum Ausgleich vom hektischen Tour- und Aufnahmealltag gerne mal hobbymäßig zum Pinsel greifen. Oder aber an PR-süchtige Gestalten wie Marylin Manson, dessen Kunst letztes Jahr mit viel Tamtam, aber ohne nennenswerte Credibility auf der Art Basel Miami Beach gelauncht wurde. Seit die Clubkultur die Grenzen des Musikbetriebs aufgeweicht hat, sind die Übergänge zwischen Kunst und Musik fließender geworden. Doch noch immer sind es längst nicht so viele, die in der Gegenrichtung unterwegs sind. Zu ihnen zählt der DJ und Musiker Justus Köhncke, der sich in der Galerie Cinzia Friedlaender in Berlin gerade einmalig als Künstler versucht.
Köhncke ist in seiner Branche beileibe kein Unbekannter. Er ist für einige der intelligentesten und gleichzeitig sensibelsten Musikproduktionen verantwortlich, die eine notorische Kölner Szene in den letzten 15 Jahren rund um das Plattenlabel Kompakt hervorgebracht hat. Und man konnte bei Köhncke immer schon eine gewisse Affinität zur bildenden Kunst und zu bildenden Künstlern ausmachen. Während er etwa mit seiner Band Whirlpool Productions und der Party-Hymne From: Disco to: Disco 1997 einen Nummer-Eins-Hit in Italien landete, lieferte er zeitgleich mit seinem Künstlerfreund Kai Althoff unter dem Namen Subtle Tease einen irrsinnigen Mix aus Krautrock und Techno ab. Und 2001, auf dem Höhepunkt knarzig trockenen Minimal Technos aus deutschen Landen, brachte er durchaus ernsthaft und vor allem mutig eine Coverversion der Schlagerband Münchner Freiheit heraus (Du bist nicht allein) – und ließ sich das Sleeve des dazugehörigen Albums von Michael Krebber mit Gittermustern und Pünktchen versehen.
Sein erster eigener Gehversuch auf dem Terrain der bildenden Kunst punktet schon vor dem Betreten der Galerieräume mit einer Einladungskarte, die in ihrer Mischung aus Direktheit und hintergründig-trotzigem Humor vorwegnimmt, wie es drinnen weitergeht: Auf einem Foto, das den Abriss eines Sparkassengebäudes zeigt, prangt in schickem Prägedruck der Titel der Ausstellung, „I will survive“. Der ist natürlich bei Gloria Gaynor und ihrem Discohit gleichen Namens entliehen und macht jeden Kommentar überflüssig. Die Ausstellung selbst konzipiert Köhncke als Blick aus dem Hobbykeller der Kunst auf ein Leben als professioneller Musiker und DJ, das sich zwischen Aufnahmestudio, Touren und schwulem Nightlife abspielt. Das Gros der Arbeiten ist nach dem gleichen formalen Prinzip entstanden. Im Internet gefundene Fotografien werden auf Papier projiziert und anschließend mit Bleistift und Plakafarben abgemalt. So finden sich hier Studio-Interieurs oder der Blick auf einen Apple-Screen, die Baupläne von Sony-Kopfhörern oder das Bild einer alten Bandmaschine der Marke Studer. Im zweiten Raum dann Bilder von Pop-Größen bei der Arbeit in den Studios: Paul McCartney und David Bowie, die Carpenters wie auch Sister Sledge oder Abba, dargestellt vor, hinter oder neben einem großformatigen Mischpult. Allesamt bieten diese Bilder einen verfremdeten Blick in den Maschinenraum der Musikproduktion. Es ist der Versuch einer Visualisierung der unsichtbaren Arbeit hinter immateriellen Tönen und inszenierten Popstar-Identitäten – und gleichzeitig eine Art paradigmatischer Ahnenreihe der ganz normalen Studioarbeit, in die sich auch Köhncke Tag für Tag von Neuem einreiht.
Wo diese Monsterstudios jedoch das Bild längst vergangener Tage evozieren, in denen noch geklotzt werden konnte und sich Arbeitsaufwand in der Größe der dabei verwendeten technischen Apparatur messen ließ, hat diese Ausstellung noch einen anderen, zeitgenössischeren Blick auf das Thema „Arbeit“ parat. Nämlich in der Zeichnung Finanzkrise (2009), die das „Black-Scholes-Modell“ zeigt – eine komplexe Formel zur Berechnung von Finanzoptionen auf dem Aktienmarkt. Dessen Schöpfer wurden 1997 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet, für Laien jedoch ist es ein nicht zu entzifferndes Chaos aus Variablen, Wurzelzeichen und Bruchstrichen. Arbeit ist hier genauso unsichtbar wie das erwirtschaftete Geld virtuell, sie ist nur unzureichend repräsentierbar – über die beinharte Abstraktion einer wahnwitzigen wirtschafts-mathematischen Formel.
Direkt daneben befindet sich das titelgebende Kernstück der Ausstellung, eine alte Stahl- und Glas-Vitrine, 1982 gebaut von Köhnckes Vater, dem Künstler Boris Köhncke, bestückt mit einem weiteren seiner Werke, einem Bronzeabguss eines ruppigen Seiles. Köhncke Junior ergänzt die Vitrine um ein AIDS-Medikament und drei digitale Bilderrahmen, auf denen in langsamem Rhythmus verschwommene Szenen aus einer nächtlichen Bar, Aufnahmen eines Geldspielautomaten und der von der Einladungskarte bekannte Abbruch eines Sparkassengebäudes zu sehen sind. I will survive (2009) ist mehrfach konnotiert als unentwirrbares Knäuel aus persönlicher Geschichte, dem Zwischenmenschlichen und wirtschaftspolitischen Themen – es geht hier um das „Über-leben“ der Eltern, das Weiterleben mit AIDS und den ökonomischen Existenzkampf in Zeiten der Finanzkrise.
Vielleicht erlaubt die bildende Kunst Köhncke ja eine distanziertere Kommentierung oder einen höheren Reflexionsgrad über Produktionsbedingungen, Marktmechanismen und das eigene Tun, als es in der Musikbranche möglich wäre. Seine Bespiegelung des eigenen Lebens als Musiker jedenfalls lässt sich in ihrer Aussage mühelos in den Kunstbetrieb übertragen, fügt sich die Ausstellung doch in einen Kunstdiskurs ein, der sich an Popkultur und davon geprägten Biografien abarbeitet. Köhncke beherrscht die Codes zeitgenössischer Kunst – wenn es ihm wohl auch nicht darum geht, den Grundstein für eine weitere Karriere im Kunstbetrieb zu legen. Die Pop-Strategien in Musik und bildender Kunst ähneln sich, und so verträgt es die Ausstellung durchaus, wenn Köhncke mit Absicht aus dem Vollen eines reichlich abgegriffenen Zitatenschatzes der Popkultur schöpft, und dies mit erfrischender Hemmungslosigkeit. Und sollte man hier vielleicht auch eine kleine verborgene Message aus dem Munde eines Musikers an die bildende Kunst herauslesen? Denn für die Musikbranche, die seit Jahren aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung und des Verschwindens ihrer konkret verkaufbaren Trägermedien mit Verlusten zu kämpfen hat, ist die ökonomische Krise, die den Kunstbetrieb gerade erst mit voller Wucht trifft, schon seit einer guten Weile die Regel. Und es geht trotzdem weiter, Tag für Tag, irgendwie.