14. August 2010
Dieser Text erscheint als Beitrag zum Jungkuratorenworkshop der 6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst. Internationale Experten diskutieren dort mit herausragenden Nachwuchskuratoren über den Kunstbetrieb und die Künstler von morgen. artnet unterstützt das Projekt als Medienpartner.
Beyond Guilt ist nicht einfach ein Film, er ist ein Ausflug in die Unterwelt. Das Publikum verfolgt schamfrei geführte Wortwechsel auf den Männerklos von Nachtclubs und Bars in Tel Aviv. An den Wochenenden beleben zahlreiche junge Soldaten, die dienstfrei von ihrer Wehrpflicht haben, das Nachtleben der Stadt. Diese jungen Männer kommen in Scharen in die Nachtclubs und sind zu Eroberungen fest entschlossen. Sie wollen nicht nur ein bisschen Freizeit und nächtliches Vergnügen haben, indem sie ihrer Tanzlust und ihren Mädchenjagdinstinkten nachgeben. Vielmehr scheinen sie nacheinander zu suchen – um so etwas Trost für ihre Frustrationen zu finden. Die Berlin Biennale zeigt diese trancehafte Suche nach dem Anderen mitten in Kreuzberg, direkt an der Oranienstraße, und damit im Zentrum des alternativen Lifestyle Berlins, dort wo Migrationskultur, hedonistische Lebensentwürfe, die Wurzeln queerer Selbstorganisation ununterscheidbar ineinanderwirken. Trotzdem zeigen Maayan Amir und Ruti Sela in ihrem Video eine ganz andere Welt. Ihre Protagonisten wirken nicht, als verlangten sie nach der Befriedigung einer auf sich selbst bezogenen Lust, sondern als seien sie auf der Suche nach einer Sprache, in der sie sich mit ihren Schicksalsgenossen verständigen könnten.
Dabei geht das Frauenduo Sela und Amir systematisch vor. Sie untersuchen Kontaktbars, Dating-Websites im Internet und Callgirl-Dienste in Israel und enthüllen dabei die tiefgreifenden Auswirkungen, die die Erfahrung des Militärdienstes auf die intimsten Verhaltensweisen junger Israeli hat. Indem sie aktiv an der Szene teilnehmen und Versuche unternehmen, junge Männer in Toiletten von Anmachkneipen zu verführen, anonyme Treffen mit SM-Partnern planen und einer Prostituierten Geld dafür geben, dass sie sie zusammen mit ihr in einem Hotelzimmer filmen, bringen die beiden Unruhe in ausgeglichene Machtverhältnisse zwischen Fotografinnen und Fotografierten, männlich und weiblich, dem Vielen und dem Einzelnen, Objekt und Subjekt, und sie arbeiten das Ausmaß heraus, in dem die Staatsmacht auch Dinge wie Körper, Leidenschaften, Jugend, Entertainment, Intimität und Sex artikuliert. Die Schamzonen sind militarisiert. Mehr als alles andere zeigt diese von 2003 bis 2005 entstandene Trilogie die Auswirkungen von Besatzung, Terror und Militarismus als Faktoren, anhand derer sich israelische Identität entwirft, und das noch in den allerprivatesten Augenblicken.
Was das Publikum der Biennale sieht, ist also ein Versuch über das Herumirren von Bar zu Bar, schnellen SM-Sex und Prostitution. Es ist eine gewagte und subjektive Untersuchung über sexuelle Praktiken im Nachtleben von Tel Aviv, bei der oft komplexe militärische Rückerinnerungen evoziert werden. So erforschen die Filmemacherinnen die Probleme israelischer Identität und die Mechanismen der Selbsterfindung durch Machtbeziehungen. Es geht nicht nur, um die Verwicklung von Sex und struktureller staatlicher Gewalt, der Film legt auch den überwältigenden Einfluss des Militarismus auf die israelische Gesellschaft offen. Uniformen, Verkleidungen und Rollenspiele fungieren dabei als Requisiten in einem Theaterstück, das deutliche Anklänge an die Wirklichkeit hat. Die extremen Gesten, auf die diese Künstler in ihren Filmen zurückgreifen, erlauben ihnen dank des spontanen Einverständnisses ihrer Gegenüber eine beeindruckende Momentaufnahme der intimen und allumfassenden Beziehung, die Israelis zum Staat Israel unterhalten. Sela und Amir begeben sich mit ihrer Videokamera also, wenn man so will, in die „Höhle des Löwen”. Sie verschaffen sich Zutritt zu den üblicherweise anonymen Männerklos in Bars, sie provozieren die jungen Soldaten, indem sie die Kamera auf sie richten und ihnen sexuelle Avancen machen. Dieses Video führt das Verschwimmen der Grenzen vor Augen – Sexuelle und politisch-militärische Identitäten scheinen sich bis zur Ununterscheidbarkeit zu vermischen.
Mit der Konzentration auf das Alltägliche, die Jugend und den Lifestyle trägt ihr Video eine starke Aussage über den Zustand der Zivilgesellschaft in Israel vor. Der Ausdruck „ha'oref“, der in Israel im politischen Diskurs die Zivilisten bezeichnet, steht im Hebräischen seit den Angriffen auf den Libanon (2006) und auf Gaza (2008-2009) stärker im Vordergrund, doch tatsächlich wurde er schon während des ersten Golfkriegs stärker gebraucht, als israelische Städte zu Zielpunkten für irakische Scud-Raketen wurden. Das Wort „ha'oref“ wird in erster Linie von den jüdischen Staatsangehörigen benutzt. Es bezeichnet eine Körperregion, ein Organ (oref = Genick), das wiederum Teil der großen Metapher des Nationalkörpers ist. Arabische Bürger Israels verwenden dagegen einen parallelen arabischen Ausdruck, der sich jedoch in seiner Bedeutung grundlegend unterscheidet: „madaniun“, unbewaffnete Bürger. Als zwangsweise Flüchtlinge im eigenen Land leiden die arabischen Bürger in Israel unter den Auswirkungen der unüberbrückbaren Kluft, die zwischen ihnen und dem Staat besteht. Nun erweckt der Begriff „madaniun“, der Ausdruck einer harten Lebenswirklichkeit ist, seltsamerweise Neid. Er bezieht sich auf unbewaffnete Bürger, wohingegen der hebräische Ausdruck „ha'oref“ eine vorübergehende Phase in der Zirkulation bewaffneter Bürger bezeichnet. Das jüdisch-israelische „ha'oref” vermag gegenüber der Armee keine eigene Front zu bieten, bildet vielmehr einen Teil von dieser. Der Ausdruck „ha'oref” wurde im Zusammenhang mit einem physischen Ort geprägt, (Vorderseite vs. Rückseite, Kriegsfront vs. Heimatfront), „madaniun” dagegen bringt eine zivile Identität ins Spiel.
Der Staat Israel definiert sich selbst als ein demokratisch jüdischer Staat. Seine Souveränität gründet sich auf dem Judentum als Ethnizität und Nationalität. Die Unterordnung unter ethnische, religiöse, nationale und sicherheitspolitische Diskurse macht es den Bürgern unmöglich, sich der Position des „ha’oref“ zu entwinden. „ha'oref“ ist die Öffentlichkeit israelischer Juden, und es gelingt ihm nicht, sich selbst als ziviler Bereich jenseits der Logiken der Ethnizität, der Nationalität, des Militärs zu entwerfen. Neben ihrer gesetzlichen, kulturellen und sozialen Überlegenheit geben Israels jüdische Bürger viele Rechte und Freiheiten und auch eine demokratische Öffentlichkeit preis. Der Begriff „ha’oref“ steht so für den Preis der Privilegierung der jüdischen Gesellschaft innerhalb Israels, einer Gesellschaft, die zur Geisel ihrer eigenen internen Logik wurde. „ha'oref“ ist die Falle, in der die jüdischen Bürger Israels ihr Leben fristen.
Im Jahr 2008 habe ich die gesamte Trilogie und noch einen weiteren Film von Ruti Sela (Nothing Happened, 2007) im Storefront for Art and Architecture in New York als Teil einer von mir kuratierten Ausstellung präsentiert, die den Titel Come to Israel: It’s Hot and Wet and We Have the Humus trug. Mir fiel auf, dass ihre Arbeiten sowohl in Berlin als auch in New York jenseits unmittelbar „anthropologischer“ Register des Betrachters zu operieren vermögen. Sie sind spannend und mitreißend, auf der Ebene der Erfahrung – denn sie sind so plump direkt und „lassen alles raus“, und so vermeint man die körperlichen Ausdünstungen der Beteiligten geradezu zu spüren.
Maayans und Rutis Filme zu zeigen, war ein Lernerlebnis – sie ermöglichten eine Interpretation der israelischen Zivilgesellschaft als permanentes Oszillieren zwischen Mobilisierung als Staatsbürgerschaft und Staatsbürgerschaft als Mobilisierung. Sie zeigen auf, wie das Regime der Segregation die Privilegierten ebenso wie die Unterdrückten teuer bezahlen lässt. Als sie die Palästinenser zu Nicht-Staatsbürgern erklärte, hat sich die israelische Zivilgesellschaft dazu verurteilt, kein Zivilleben mehr zu besitzen. Eine der Arten, auf die sie dieser hohe Preis nach außen hin zeigt, ist eine Pathologie exzentrischer Normativität: Nur in Israel (und vielleicht noch in Nordkorea) findet man auf der Titelseite der beliebtesten Tageszeitung eine Rangliste der Oberschulen, die auf der Anzahl jener Absolventen basiert, die sich freiwillig zu Eliteeinheiten der Armee gemeldet haben. Ein weiteres Beispiel für die exzentrische Normativität der israelischen Zivilgesellschaft ist die kühle Beiläufigkeit, mit der der Video-on-demand-Fernsehsender des israelischen Militärs von den Zuschauern aufgenommen wurden. Während der ersten Tage des Angriffs auf Gaza hatte der Leiter des Pressestabs der Armee einen Fernsehsender eingerichtet, der Wiederholungen von Luftbildaufnahmen der neuesten Raketenangriffe zeigte. Sie waren mit „kunstigeren” Videos kombiniert, die aus Aufnahmen von palästinensischen Gefangenen mit verbundenen Augen bestanden, die in Landschaften mit herumwimmelnden Soldaten und Panzern in Zeitlupe verschwanden. Eben diese exzentrische Normativität ermöglicht es den Militärs, ein riesiges Gebiet mitten in Tel Aviv-Jaffa zu besetzen (zu dem die begehrtesten Immobilien auf über 40 Hektar im Herzen des Geschäftsviertels gehören) und das oberste Befehlszentrum über der Stadt schweben zu lassen, wodurch die anderthalb Millionen Einwohner in der Umgebung zu menschlichen Schutzschildern einer Militäranlage werden. Die Eroberung, auf die sich die jungen Männer im Video vorbereiten, hat bereits von ihnen selbst Besitz ergriffen. Sie sind durch die israelische Armee besetzt. Die Kunst vermag dies an allen Tabus vorbei zu zeigen.
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