27. Januar 2012
Julius von Bismarck: „Punishment I“ – Galerie alexander levy, Berlin. Vom 28. Januar bis 24. März 2012
Julius von Bismarck ist Technik-Freak und Student von
Olafur Eliasson. Entsprechend vereint er Naturwissenschaft und Pathos – und ist schon jetzt eine kleine Celebrity im Kunstbetrieb. Wenn er nicht gerade im CERN Kernforschungslabor mit den Großhirnen der Welt an einem Tisch sitzt und bei seiner Internet-Fangemeinde für Gesprächsstoff sorgt, gewinnt er Auszeichnungen, darunter kürzlich den ersten Collide@CERN des
Prix Ars Electronica in Linz – höchste Zeit also für eine Soloschau. Mit ihm bekommt sein Berliner Galerist, der unter dem Namen LEVY antrat und nun unter
alexander levy firmiert, nach Umbenennung und Renovierung einen neuen Künstler ins Programm, mit dem er sich der Augen der Kunstszene sicher sein kann.
Was bei ihm ab heute zu sehen ist, könnte von futuristischen Experimenten wie CERN kaum weiter entfernt sein: Per Fotografie und Video nimmt von Bismarck Bezug auf die vorchristliche Geschichte des Großkönigs Xerxes I. Wie jener einst das Meer mit Peitschenschlägen strafen ließ, weil Naturkräfte und Unwetter seine Bauvorhaben vernichteten, steht der 28-Jährige für „Punishment I“ mit der Peitsche in der Hand an Ufern, auf Felsvorsprüngen und Wiesen. Hieb um Hieb bestraft er Stein, See und Strauch – statt mit Ehrfurcht oder Staunen begegnet er den sagenhaften Kulissen und wundersamen Landschaften, die vor Erhabenheit scheinbar zu singen anheben, mit martialischen Schlägen. Drei Monate reiste er dafür durch die Schweiz, die USA und Lateinamerika, wütete bis zur körperlichen Selbstausbeute, versuchte, die unbezwingbare Natur zu erschüttern. Jedoch nicht, weil wie bei Xerxes seine Wünsche keine Erfüllung fanden, sondern im Auftrag seines Ideals: dem Zorn.
In Rio de Janeiro steht er darum am Sockel des Cristo Redentor, des gewaltigen Glaubensmonumentes auf dem Corcovado, und bestraft vergeblich, vor tiefenlosem weißem Himmel, die Statue. Immer wieder nähern sich Touristen dem Denkmal, beobachten und filmen seine manische Aktion. Scheinbar geistig entrückt, wirken seine Schläge ruhig und beharrlich. Sie können dem Koloss freilich nichts anhaben: Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, provozierende wie lächerliche Geste zugleich. Eine Attacke auf die Symbole unserer Gesellschaft? Die trotzigen Posen gleichen der Anklage eines
Anselm Kiefer, der sich 1969 allerorten mit dem Hitlergruß ablichten ließ, oder ähnelt, wenn man so will, gar der platten Revolte eines
Ai Weiwei, der seinen Mittelfinger vor dem Eifelturm oder dem Weißem Haus in die Luft streckte. In der leidenschaftlichen Absurdität des Versuchs jedoch liegt von Bismarcks Plädoyer für den Zorn, die „Triebfeder der Geschichte“, wie es Sloterdijk nannte: Ein Aufbegehren gegen dressierte Moral und leere Wertvorstellungen, die uns zwischen politisch-korrekt und wohlerzogen in Balance halten – seien es die Dogmen der Kunstszene oder der Tagespolitik.
Von Bismarck agiert auf mehreren Kampfplätzen. Fast wie in der beißenden Rhetorik eines Satiremagazins kommt eine ältere Arbeit des Technikenthusiasten daher: 2007 erfand er eine geniale Maschine, die mehr Waffe ist als Instrument zur friedlichen Manipulation. Mit dem
Image-Fulgurator, einem umgebauten analogen Fotoapparat, gelingt ihm der Angriff auf das Bild. So geschehen, als Barack Obama 2008 seine Wahlkampfrede in Berlin hielt: Eine Fotografie zeigt den Kandidaten am Rednerpult, darunter leuchtet ein Kruzifix. Das Rednerpult wird zur Kanzel, Obamas Worte zur Predigt – von Bismarcks heimlich eingeschleuster Projektion sei Dank. Überhaupt haben es Staatsmänner ihm angetan: Auf das Porträt Mao Zedongs projizierte er eine
Magritte’sche Friedenstaube und Klaus Wowereit das Markenzeichen eines Telefonanbieters aufs Sakko. So verändert er das Bild, bevor es abgelichtet wird, schleust sekundenschnell Texte und Logos vor die Linse der anderen Kameras. Er hackt sich in das Blitzlichtgewitter bei Pressekonferenzen oder Massendemos – und erfindet so ein neues, reales Icon. Die Retusche passiert so schnell, dass das menschliche Auge sie nicht wahrnehmen kann. Sowas schmeckt nach Anarchie, ist aber vor allem eine Mischung aus kommentiertem Medienbild und Ikonoklasmus. Klar, dass ein Eliasson-Student weiß, was er bei so einem Coup zu tun hat: Für die Erfindung des
Image-Fulgurators beantragte von Bismarck sogleich Patent.
Die Arbeiten kosten zwischen 1.700 und 4.900 Euro.