23. April 2010

In eine gänzlich andere Welt tauchen uns die Installationen mit Malereien, Zeichnungen und Videoanimationen von Julia Oschatz. Ihr einziger Protagonist, das „Wesen“, verliert sich in Malereien und Zeichnungen meist als winzige Figur in Landschaften, die von Evokationen der romantischen Tradition bis zu Anspielungen auf zeitgenössische Malerei reichen, oder aber in postminimalistischen Architekturparaphrasen leerer Räume. In den Videos führt das „Wesen“ absurde und abgründig komische, häufig ziellose oder selbstschädigende Aktionen auf, die im Loop auf den Anfangspunkt zurückkommen. „Wesen“, in mausgrauer Jacke und Hose, trug bisher einen mausartigen Kopf, der an Art Spiegelmans Comics „Maus“ erinnerte, mimisch jedoch gänzlich stumm, indem Emotionen tragende Gesichtszüge fehlten. Das Clowneske seiner Handlungen lag allein in seinen nutzlosen Aktionen, und ein weiblicher Clown war es nur insofern, als unter der Kostümierung die Künstlerin steckte. In ihrer neuen Installation FORT NOX, die sie in „Fate of Irony“ zeigt, ist „Wesen“ weiter anonymisiert, trägt einen kugeligen Kopf ohne Gesichtszüge, der mit dem animalischen Mauskopf zugleich die Reste einer spontanen Sympathie löscht, die wir – Residuen unserer Kindheit – Tierwesen entgegenbringen.
Dies „Wesen“ will Julia Oschatz nicht als Alter Ego verstanden wissen, und tatsächlich besitzt das „Wesen“ in der neuen Installation sein eigenes Alter Ego, was zwei Überblendungen auf eine Ebene bringen. Es strampelt sich in hektischen Bewegungen gegen seine Gefängniswelt ab, probiert zugleich eine Flucht in kosmische Weiten, agierend in einem Nachtraum mit linearer Gehäusezeichnung, mit dem Vollmond als leuchtendem Ball tanzend. Ausgestattet mit weißem Zauberhut, gleitet es in einer urkomischen, meliès-artigen Szene in den Kosmos, überfliegt eine Planetenlandschaft mit Gefängniswachturm in bedrohlichem Negativlicht, in der Haltung einer steifen Rakete, bevor es als Projektil mit Explosionsgeräuschen auf dem Boden seines kosmischen Gehäuses einschlägt, sich aufrappelt. Aus dem Zauberhut, wie die Fackel einer Siegesstatue erhoben, bricht jenes Feuer, das im großen Screen einer idyllischen Nachtlandschaft Elsheimers animiert ist. In einer entscheidenden Sequenz wird das Video, das auf eine an der Wand lehnende kleine Leinwand projiziert ist, von der gesamten Wand mit der projizierten Elsheimer Landschaft übernommen: auf die präparierte Folie davor ‚schreibt’ „Wesen“, nun groß, „Dance of the Nights“, und verändert mit einer letzten Geste das „of“ zu „off“.
Julia Oschatz trifft mit den stummen Ausbruchsaktionen ihrer Figur „Wesen“ einen kulturellen Autismus, der zur Kehrseite des falschen Glanzes einer massenmedial und konsumistisch übertünchten Unfreiheit in unseren Gesellschaften wird. Das seelisch abgründige Terrain, auf das sie sich so hinauswagt, ließe sich mit Ironie allenfalls fernhalten. Es ist eher eine Durchschlagung der Grenze der Ironie, in einem ‚Facing the Fate’. Die romantischen Traditionen, die sie dabei evoziert, werden gänzlich unromantisch, jedenfalls im Vergleich zu verbiedernden aktuellen Romantizismen, ausgespielt. Die geschichtlichen Bezüge, so neuerdings auch auf Francisco de Goya, werden zur Erinnerung daran, dass die Geschichte, auch unsere eigene deutsche, längst nicht ad acta gelegt ist, wenn sie musealisiert und trivialisiert wird.
„Fate of Irony" kann vielleicht auch zeigen, dass der Rückzug auf Ironie nicht das letzte Wort, zumal der Künstler, sein muss.
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