Judith Braun in der Galerie Conrads, Düsseldorf

Symmetrische Esoterik

Georg Imdahl
19. Februar 2009
„Judith Braun: Bicameral Symmetries“, Galerie Conrads, Düsseldorf. Vom 17. Januar bis 28. Februar 2009

Das Ornament wird längst nicht mehr als jenes „Verbrechen“ angesehen, als das Adolf Loos es in seiner berühmten Streitschrift von 1908 gebrandmarkt hatte. Vielmehr ist es weitgehend rehabilitiert, wovon man sich im Jahr 2001 noch in der umfangreichen, von Markus Brüderlin eingerichteten Ausstellung „Ornament und Abstraktion“ in der Fondation Beyeler überzeugen konnte. In diesem thematischen Umkreis sind auch die Zeichnungen der New Yorker Künstlerin Judith Braun zu verorten. Braun allerdings gibt dem Ornamentalen eine ungeahnte Wendung ins Esoterische, will sie mit ihrer aktuellen Zeichenpraxis doch an eine Vorstellung vom Künstler anschließen, die diesen als Medium, als Mittler zwischen den Welten ansieht. Die dennoch überraschend subtilen Ergebnisse sind nun in der Düsseldorfer Galerie Conrads zu sehen, die Braun ihre erste Einzelausstellung in Deutschland ausrichtet. Einer Künstlerin, die in Europa kaum bekannt ist und deren Werdegang die Galerie „konsequent, aber alles andere als gradlinig“ nennt.

In der Tat: Als Judith Weinman kam die 1947 in Albany im Bundesstaat New York geborene Künstlerin zu den berüchtigten „Guerilla Girls“, jener Künstlerinnengruppe, die – wie sie auf ihrer Homepage verlautbart – 1985 in New York angetreten war, das „F-Word“ mit Leben zu erfüllen. In diesem Fall war damit der Feminismus gemeint. Um die maskuline Konnotation ihres Namens zu tilgen, taufte sich Judith Weinman seinerzeit in Judith Weinperson um. So drastisch wie die Rhetorik der „Guerilla“-Aktivistinnen war früher auch ihre eigene Bildsprache, so zum Beispiel ihr Beitrag für die Gruppenausstellung „Getting to Know You: Sexual Insurrection and Resistance“ im Künstlerhaus Bethanien 1992: Dort präsentierte sie ein wandhohes Bild ihrer Vagina mit dem bezeichnenden Titel The Sacred Order of the Burning Bush. Zu dem expressiven Blow-up mit seinen schwarzen Formen auf fluoreszierendem Orange bemerkt die Urheberin inzwischen, es sei „provokant“ gewesen, „but just over the top enough to also be absurd“.

Vor einigen Jahren hat die Künstlerin den Namen Judith Braun angenommen, und auch mit der jüngsten Umbenennung soll nicht der Topos der multiplen Identität angezeigt werden, sondern die Abgeschlossenheit der vorausgegangenen Werkphasen und der Neubeginn. Braun reduziert sich seit 2003 auf eine Praxis des Zeichnens, die sich als methodische Form der Introspektion beschreiben lässt; sie selbst spricht von einem „Symmetrical Procedures drawing project“. Alles Plakative hat sich die Zeichnerin gründlich ausgetrieben – zu ihrem Vorteil. Um die Spielräume des Individuellen beim Zeichnen zu begrenzen, setzt sich Braun vier „Regeln“: Ein jedes Blatt ist abstrakt, symmetrisch, quadratisch und mit Graphit gezeichnet. In dieser sich konzeptuell verstehenden Zeichnung verbinden sich automatistische Momente mit rationalem Kalkül.

Brauns reduzierte Zeichnungen sind dennoch durch visuelle Ambivalenz und vielschichtige räumliche Suggestionen charakterisiert; oft vereinen sie auf überraschende Weise widersprüchliche Lesarten. So blicken wir unter der Werknummer CH-19-10 (2007) auf ein Oval, das aus seinem Rahmen eine elegante Schlaufe hervorgehen lässt. Die Konturen sind freihändig, nicht etwa mit Hilfe von Schablonen gezogen. Die geschwungene Form stellt sich zuerst als selbstgenügsame Arabeske dar, nach kurzem Hinsehen zeigen sich jedoch die hellen Binnenräume unter anthropomorphen Vorzeichen – wie eine Büste in frontaler Ansicht. Dieses Changieren zwischen abstrakter und figürlicher Lesart verleiht mehreren Zeichnungen ihre Vielschichtigkeit, und mit den abbildhaften Andeutungen und Assoziationen ziehen surrealistische Anflüge in die Fantasiegebilde ein.

Formal überzeugend sind die Zeichnungen vor allem deshalb, weil sie ihren Nuancenreichtum mit einfachen und klar definierten Mitteln erzielen. Die Linie ist in den unterschiedlichen, bislang entstandenen Werkblöcken mehrfach definiert. Anstelle der durchgehenden Kontur formt auf manchen Blättern eine durch Auslassungen skandierte Strichelung die Figurationen, wobei hier und da das Gitter – in seiner rechtwinkligen Unerschütterlichkeit so etwas wie die Blaupause der Moderne – in organische Schwingungen gebracht wird (GCN-9-1, 2007) und modernistische Vorstellungen unterschwellig kritisiert werden. Eine andere Werkgruppe bilden Zeichnungen, die schwarz ausschraffiert sind und deren Ornamente sich den Auslassungen verdanken. Im Vordergrund steht hier ein diskret pulsierendes Licht, das mit den Klischees des Romantischen spielt und wiederum Assoziationen der sichtbaren Welt evoziert wie Mondfinsternis oder quasi-„gotische“ Ruinen.

Die Symmetrie ihrer Zeichnungen beschreibt Judith Braun als Widerstreit zwischen Freiheit und Ordnung, Spontaneität und Ritus; sie bringt sie in Verbindung mit dem 1976 erschienenen, kontrovers diskutierten Buch „Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche“ von Julian Jaynes. Darin wird für die frühe Evolution menschlichen Bewusstseins eine überindividuelle Psyche behauptet, nach deren Zusammenbruch sich erst Selbstbewusstsein und Individualität entwickelt hätten. In jener nicht-bewussten Zeit des „Zwei-Kammer-Geistes“, so Jaynes, hätten die Menschen auf einen ausführenden und einen befehlenden Geist gehört. Entscheidungen seien durch Halluzinationen herbeigeführt worden, durch göttliche Befehle. Braun versucht nun mit ihrem konzeptuellen Ansatz und ihrer strengen Symmetrie, jene Zweiteilung des Geistes nachzuvollziehen. Wäre dieser Ansatz von Ironie geprägt und ginge Braun auf kritische Distanz zu klischeehaften Vorstellungen von Kreativität, würde das Werk tatsächlich eine neue Dimension gewinnen. Es könnte sich dann als Kommentar zu Künstlern verstehen lassen, die einen besonderen Zugang zu höheren Sphären für sich reklamieren. So aber muss man die esoterische Motivation einer Künstlerin, die heute vor dem Hintergrund der modernen und zeitgenössischen Kunst arbeitet, als doch etwas unreflektiert bezeichnen. Lässt man hingegen den übersinnlichen Hokuspokus, der ihre Praxis begleitet, beiseite, sind die Zeichnungen in ihrer stringenten formalen Konzeptualität durchaus überzeugend, auch als Beispiele einer heutigen Abstraktion, die sich im Ornamentalen äußert.


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