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Józef Robakowski im Polnischen Institut Berlin

Ein Platzregen aus Lichttropfen

Eric Aichinger
9. April 2009
Józef Robakowski: „ACHTUNG: Licht!“ – Polnisches Institut Berlin. Vom 06. März bis zum 15. Mai 2009

Ein heller Tag nach langem Winter. Endlich Frühling. Frühling gar mit alles überstrahlendem Sonnenschein. Eigentlich kein Tag für drinnen. Noch dazu sind die großen Fenster des Polnischen Instituts gegenüber der Berliner Museumsinsel allesamt blickdicht verdunkelt. Freiwillig in eine Höhle gehen, wenn davor lichte Wahrheit herrscht? Nein! Allerdings warnt die Ausstellung von Józef Robakowski schon im Titel vor dem, was draußen endlich wieder im Überfluss zu erleben ist: „ACHTUNG: Licht!“ Am Ende aber bleibt man bis nach Sonnenuntergang und wird nicht nur entschädigt für den Verlust von natürlichem Licht, sondern geht mit geschärften Sinnen wieder zu auf die inzwischen elektrisch illuminierte Stadt. Wie neu aufgeladen von den ebenso spielerisch-ironischen wie eindringlichen Lichtexerzitien des 1939 in Poznán geborenen polnischen Konzeptkünstlers.

„Ohne Licht kein Kino“, lautet eine der grundlegenden Einsichten, die der polnische Theoretiker Karol Irzykowski 1924 in seinem filmästhetischen Essay „Die zehnte Muse“ über das noch junge Medium festhielt. Diese Maxime diente Robakowski als Ausgangspunkt für seine videofilmischen Untersuchungen über die Substantialität des Films, die – oft nur Minuten kurz – bereits Ende der 1960er Jahre begonnen wurden. Für Test 1 von 1971 etwa, ohne Kamera gemacht, hat der Künstler in unterschiedlichen Abständen verschieden große Löcher aus einem Filmband ausgeschnitten. Wird der derart präparierte Film auf die Galeriewand projiziert, entsteht ein Rhythmus von zerberstenden Lichttropfen, die wie ein Platzregen an Kraft und Dichte zunehmen. Die Intensität wird durch in das Band eingekratzte Tonpunkte gesteigert, so dass sich der leuchtende Regen in das Finale eines Feuerwerks verwandelt.

Passage von 1993/94 dagegen zeigt den filmischen Vorführprozess in seiner schlichten Materialität. Hierfür hat Robakowski durchgängig gezackte Linien auf die matten, rötlich-braunen Negativ-Einheiten gekratzt. Die Filmspule läuft mit wachsender Geschwindigkeit durch den Projektor, wobei die Seitenperforation auf der Bildspur sichtbar und das ratternde Geräusch des Abspulens auf der Tonspur hörbar bleibt. Wir folgen der zuckelnden Zickzacklinie wie zwischen Bahngleisen: Was zu Beginn ein Bummelzug ist, nimmt allmählich Fahrt auf und steigert sich dynamisch zu einer hektischen Flucht oder Verfolgungsjagd. Der an die lineare Struktur des Erzählkinos gewöhnte Betrachter wird hier damit verblüfft, dass dieser Film ohne eigentliche Motivik – allein durch die überraschenden Richtungswechsel der Linie und im Verbund mit dem Ton – einen visuellen Rhythmus erzeugt, der eine Semantik heraufbeschwört, obwohl er keine hat. Was wir aber mit, oder genauer durch die abstrakte Form des Zickzacks hindurch verfolgen, ist das essentielle Element des Films: das Licht.

Die strukturelle Auslotung von Bild und Ton beziehungsweise Musik ist auch grundlegend für den von Robakowski und Wieslaw Michalak gemeinsam realisierten Film, der auch der Berliner Ausstellung den Titel gab. Das Werk aus dem Jahr 2004 geht zurück auf die detaillierten Anweisungen eines befreundeten Kollegen, des 1993 verstorbenen Paul Sharits, der dieses Projekt nicht mehr ausführen sollte. Zu den Takten von Frédéric Chopins letzter Mazurka in F-Moll scheinen abstrakte Flächen in sanften Farbtönen auf, die sich über die gesamte Projektionswand ziehen. Es ist ein filmisches Epitaph an den Freund und weicht auch insofern von den anderen in Berlin gezeigten Filmen ab, als hier eine lyrische, gar elegisch-romantische Note zum Tragen kommt, die für Robakowskis eigenen, anti-illusionistischen Ansatz ganz uncharakteristisch ist. Gleichwohl stellt dieser Film die energetische Kraft des Lichts und ihre symbolische Wirkung auf den Betrachter in den Mittelpunkt. Im Akkord mit den nostalgischen Klängen der Mazurka werden die aufflackernden Farbflächen zu vitalen Strukturen, in denen sich die Lebensenergie des Verstorbenen durch die Membran der Projektion vergegenwärtigt. Was aber ist vergänglicher als Licht? In weniger vorsichtige Hände gelegt hätte aus einer solchen Konstellation eine Schmonzette sondergleichen werden können. Rührseligkeit aber oder jedwede transzendentale Hypostasierung des Lichts sind Robakowskis Sache eben nicht.

Außer den Filmen, die im Mittelpunkt der Ausstellung stehen, werden auch Werke in anderen Medien gezeigt, so ein unterhalb der Decke angebrachtes Leuchtband, auf dem die Worte „Sztuka to potega“ – „Kunst ist Macht“ vorbeiziehen. Ist das nun wörtlich zu nehmen? Oder wird bei Robakowski nicht vielmehr auch Sprache, genauer ihr semantischer Gehalt in Lichtpunkte zerlegt? Denn hier hat die Macht, die von der Kunst ausgeht, zuvorderst mit dem Material als solchem zu tun und nicht mit dessen repräsentationalen Eigenschaften. Robakowskis filmische Bilder entwerfen keine Illusionsräume, sondern Reibflächen, an denen der konzeptuelle Funke unmittelbar überspringt. Dass ihm dies gelingt, ohne dabei dem meist selbstironiefreien Katechismus des Konzeptualismus anheimzufallen, indem hier Verstand und Sinne gleichermaßen auf ihre Kosten kommen, verleiht der Ausstellung zusätzlichen Glanz.


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