17. Januar 2012
Jos de Gruyter & Harald Thys: „Im Reich der Sonnenfinsternis“ – Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin. Vom 16. Dezember 2011 bis 4. Februar 2012
Wenigstens kann man noch die Galerietür öffnen. Doch gleich nach dem Eintreten versperren Stellwände mit unzähligen dahingeschmierten Malereien den Weg. Auch die Galeriewände werden von Bildern überwuchert, dazwischen stehen, lieblos platziert, irgendwelche Skulpturen herum. Auf die verwirrte Nachfrage, was denn hier eigentlich zu sehen sei, da man kein Handout zur Ausstellung erhält, heißt es, das hier sei die Retrospektive des Malers Johannes. Dabei hat man in der Galerie Isabella Bortolozzi doch eigentlich eine Ausstellung des belgischen Künstlerduos Jos de Gruyter & Harald Thys erwartet. Langsam wächst die Erkenntnis, dass sich hier die Künstler einen Spaß erlauben, der anscheinend dem surrealistischen Erbe René Magrittes geschuldet ist. Schließlich arbeiten de Gruyter & Thys häufig mit Mitteln des Absurden, wobei alltägliches Tun in pervertierte Situationen ausartet oder banale Objekte zu sexualisierten Fetischen werden.
Der Titel der Ausstellung „Im Reich der Sonnenfinsternis“ scheint hier ganz auf die Qualität der sage und schreibe 120 ausgestellten Malereien und Skulpturen anzuspielen – die zwar durch tüchtige Produktivität aber wenig Können gekennzeichnet sind. Vieles ist abstrakt, erinnert vage ans Informel, aber dann driften die Assoziationen auch schon ab in Richtung Kindermalschule oder Kreativkurs in Abstraktion. Eines steht jedenfalls fest: De Gruyter & Thys spielen gerne mit überholt bourgeoisen Vorstellungen von Kunstrezeption. Zur Vernissage in der Galerie wünschten sich die Künstler denn auch ausdrücklich ein klassisches Quartett, zu dem Vol-au-vent-Pastetchen gereicht wurden.
Indes scheint die Malerfigur Johannes trotz ihres eher bescheidenen Lebenswerks nicht von Selbstzweifeln geplagt – immerhin wird in einem Bild die Analogie „Mahlerei – Gott – Ich“ gezogen. Gedanken an Genie-Hybris und romantische Gott-All-Einheitsgedanken kommen auf. Aber wer ist denn nun eigentlich dieser Johannes? Aufschluss gibt die Videoarbeit Das Loch von 2010 im hinteren Raum der Galerie. Sie wurde bereits vor zwei Jahren auf der Baseler Art Unlimited und im Neuen Aachener Kunstverein gezeigt, wo der Maler als Puppe, als die er auch im Video auftritt, im gläsernen Schneewittchensarg aufgebahrt war. In Bortolozzis hinterem Galerieraum fehlt nun zwar der gegenständliche „Leichnam“ des Malers, dafür ist er in seiner Kunstausstellung quasi metaphysisch auferstanden. Im Video selbst sind die drei Darsteller durch Dummies ersetzt.
Strapaziös für Auge und Ohr, ist dort alles sehr krude gehalten: Die dilettantisch gefertigten Styropor-Puppen könnten kaum weiter entfernt sein von den menschlichen Ebenbildern eines Ron Mueck, Robert Gober oder Charles Ray. Mit ätzend langsamen, computergenerierten Stimmen erzählen der naturverbundene Johannes, dessen Freundin Hildegard und Fritz, der lebenslustige Technikfreak, diverse Anekdoten. Letzterer berichtet von einer neuen Digitalkamera, Sauftouren am Comer See und Hochgeschwindigkeitsfahrten im Jaguar. In diesen Geschichten liegt eine dumpfe Brutalität und Stumpfheit, und während Hildegard einfach nur von Fritz fasziniert ist, äußert einzig der Maler Johannes emotionale Regungen: Dessen Figur ist völlig überzeichnet und ganz auf den romantischen Dreiklang von Gott, Natur und Kunst angelegt. Sein Glaube sowie seine Liebe zu Farben und seiner Gefährtin Hildegard münden allerdings in Verzweiflung und sogar Todessehnsucht. So räsoniert Johannes affirmativ-kitschig: „Ich war ein Maler. Im Dienste höherer Dinge, im Dienste Gottes. Ich legte meine Seele, meine ganze Seele, in meine Malerei. Aber jetzt ist alles leer. Ich habe keine Gefühle in meinem Körper. Meine Seele ist schon bei Gott.“
Diese anstrengende, groteske Komik ist häufiges Stilmittel bei de Gruyter & Thys – so auch im Video Die Fregatte, das auf der 5. Berlin Biennale 2008 ausgestellt war: Diverse Personen starren darin lüstern ein Schiffsmodell an. Die Künstler nehmen also Klischees auseinander, vom Malergenie mit Muse bis zum Erfolgstyp mit Hang zu Multimedia, schnellen Autos und Orgien. Auch die Puppe als heilige Kuh der zeitgenössischen Kunst wird entmystifiziert. Durch ihre gnadenlos banale Machart unterwandert sie hier die hehre Gedankenwelt eines Sigmund Freud, der sie 1919 in seinem Aufsatz „Das Unheimliche“ anhand von E.T.A. Hoffmanns Geschichte „Der Sandmann“ untersuchte: Mit Friedrich Schelling erklärte er das Unheimliche zur Wiederkehr des Verdrängten in vertrauter Gestalt. Bei den Belgiern ist man allerdings nicht nur beim Anblick der Puppen visuell überstrapaziert. Dank der Tiefsinnigkeit, mit denen sie die Merkmale einer klischeeverhafteten Gesellschaft auf den Punkt bringen, wirkt das Schockmoment dieser Ausstellung noch lange nach.