28. Februar 2008
Der Kunstbetrieb ist teuer, aber manchmal kriegt man etwas geschenkt. Um die Beantwortung eines Fragebogens gebeten, hat der inzwischen über alle Maßen teuer gewordene Künstler Jonathan Meese seinem Publikum gegenüber Großmut bewiesen und den artnet Magazin-Lesern ein Manifest geschenkt. Gratis, einfach so. Die „Ameise der Kunst“, als die der Künstler sich seit einiger Zeit demütig beschreibt, ist ihrem emsigen Handwerk nachgegangen und hat ein Traktat verfasst, das gleichermaßen zu Pazifismus, zur Weltrevolution, zur Wiedereinsetzung der Diktatur im Namen der Kunst und zum kollektiv-religiösen Denken auffordert. Gott ist dabei das, woran zu glauben am schwersten fällt. Gott ist die Kunst. Was aber ist Kunst?
Im Falle Jonathan Meeses wäre das einfach auf den Begriff zu bringen. Die Kunst ist ein Spiel mit dem Markt. Sie ist ein spekulatives Anlagesystem, das einigen wenigen Produkten mit der Wiedererkennbarkeit großer Markenzeichen die unbeschränkte und ungeprüfte Vollmacht zur Formproduktion einräumt. Kunst ist, was eine Galerie ökonomisch durchsetzen kann. Kunst ist ein kühl kalkulierbarer Vermarktungsprozess, der auch vom wohldosierten Maß Unbeirrbarkeit zum durchschlagend richtigen Zeitpunkt handelt. Kunst ist ein Unterhaltungsprozess und braucht (wie jede große Marke) einen Mythos, um zum Kultartikel zu werden. Eine Geschichte. Ein bisschen Wahnsinn, Legende und Selbstentäußerung. So entstehen Stars. So entstand Jonathan Meese, der sich in seinem neuen, heute in unserem Magazin faksimilierten Predigttext als das „Hagen von Tronje“-Baby tituliert.
Hagen hatte nicht nur Brunhild gerächt und Siegfried ermordet, sondern auch den Nibelungen-Schatz im Rhein versenkt. Hagen ist eine düstere Figur, die am Ende dem Schicksal zum Opfer fällt. Er ist, wie es scheint, das genaue Gegenteil des Schaustellers Meese, der den Menschen mit dem Pathos des Propheten und wandernden Barfüßers gegenübertritt, mit nimmermüder Schaffenskraft Produkte ohne doppelten Boden und Anspruch auf Tiefsinn schafft und auf eine durchaus ehrbare Weise Kunst als expressive Bühnenrolle ausagiert.
Hagen von Tronje, die Erzelemente, die Totaldiktatur oder der holzvertäfelte Erzdrüsenraum – Meese füttert das ständig wachsende Kunstpublikum mit Litaneien, die in keinem inhaltlichen Bezug zu seiner Rolle als Künstler oder dem Gehalt seiner Gemälde und Skulpturen stehen. Es geht weder um germanische Mythen, noch die deutsche Vergangenheit. Es geht nicht um Demut oder einen Anschlag auf den modernen Individualismus und seine quasi-religiöse Selbstverwirklichungsideologie. Alles, was Meese sagt, ist ein Geflecht willkürlicher Motive, deren einzig gemeinsamer Nenner ihr rhetorischer Gleichklang ist.
Das heute im artnet Magazin erscheinende Pamphlet ebenso wie das gleichzeitig publizierte Fragebogen-Interview sind reine Improvisationen einer künstlerischen Bühnen-Rolle. Kunst ist süßestes Seepferdchen, Kunst ist Caligula, Kunst ist „1000 Lollies“, wie Meese schreibt. Als Meese in den Kunstbetrieb eintrat, war gerade wieder die Rolle des bußfertigen Heiligen frei. Wer wollte den Künstler ausgerechnet dafür tadeln, dass er sie als unterhaltsames Volksstück gibt? Die Selbstauskünfte, mit denen der vom Galeriebetrieb so liebevoll gepflegte Kuschelrocker Meese vor das Publikum tritt, sind ein Beispiel dafür, dass Kunst manchmal einfach das Rollenspiel ihrer Selbstaufrechterhaltung ist. Wir glauben, das lohnt die Lektüre.