28. März 2012
John Stezaker – Gisela Capitain, Köln. Vom 2. März bis 7. April 2012
Die Wahl der Mittel scheint simpel, erfordert aber langwierige Recherchen auf Flohmärkten, Dachböden und in Antiquariaten. John Stezaker überführt seit fast einem halben Jahrhundert vorgefundenes Bildmaterial in ein filmisch angehauchtes Zwischenreich aus Überblendungen, harten Schnitten und surrealen Verfremdungseffekten. Guy Debords Kritik an einer mit Werbung, Pop und Spektakel hypnotisierten Konsumgesellschaft spukt ebenso durch sein Werk wie der grausame Collageroman Une semaine de bonté. Max Ernst bediente sich in dem Meisterwerk viktorianischer Stiche, um eine sexuell aufgeladene Atmosphäre herzustellen. Das Interesse des zum intelligenten Vandalismus neigenden Briten ist ähnlich gelagert. Es gilt der historischen Distanz, die ein Artefakt ausstrahlt. Aus ihr schöpft er das Inventar für seine visuell inkongruenten Bildüberlappungen, allen voran in den Hollywood-Stills aus den späten Vierzigern, die er mit Postkarten von kolorierten Landschaften konfrontiert. Der Aufwand des Überklebens ist minimal, umso erstaunlicher erweist sich die Wirkung dieser latent bedrohlichen Retro-Szenerien.
Wer in die zartgrauen Monochromien eintaucht, steht in einem bizarren Wunderpark, der direkte Pfade in die Köpfe seiner Bewohner bereithält. Das Interieur von Night V mit den kunstvoll ausgeleuchteten Stirnfalten und Dekolletés mutet noch wie eine Szene aus einem Film noir an, wäre da nicht die Tür in eine parallele Bergwelt, die sich über den Kartenspielern öffnet. In Night VI rücken die Körper der Papierschnitthelden in den Vordergrund. Zwischen einem händchenhaltenden Paar drängt sich ein maritimer Sonnenuntergang, der die Gesichter verdeckt. Die Frau sitzt selbstbewusst auf einem Tisch. Sie fixiert die Küste mit den Augen eines Leuchtturmwärters, während der Mann zu ihren Füßen mit einem schwachen Lichtkegel am Horizont auskommen muss. In anderen Nachtstücken sind es Eisenbahnbrücken, die für den Gefühlstransport über einem mondbeschienenen Fluss sorgen. Das Rollenspiel um Macht und Dominanz wechselt. Der Mann baut eine Drohkulisse auf, die Frau versinkt in Schreckstarre. Der Abgrund zwischen den Geschlechtern könnte nicht größer sein in diesen Dramen voller erzählerischer Raffinesse. Die Filme, aus denen die Ausschnitte stammen, spielen keine Rolle und sind auch nicht leicht zu identifizieren. Keine Klassiker wie Casablanca, vielmehr dient die ganze von amerikanischen und britischen B-Movies geprägte Ära als Hintergrundrauschen amouröser Duelle.
Nicht nur die Menschen, auch die Natur trotzt ihrem ausbeuterischen Gegenüber. In seiner zweiten Ausstellung bei Gisela Capitain spürt der 1949 geborene Bildjäger auffällig häufig dem nassen Element nach. An Wellen, romantischen Sturmfluten und Wasserfällen herrscht in den jüngsten Arbeiten des spät entdeckten Konzeptkünstlers, der bis in die Nullerjahre ohne einen eigenen Markt nur als Lehrer für Kunsttheorie über die Runden kommen konnte, kein Mangel. Sie dienen als Auslöser des abrupten Stimmungswechsels, einer Überrumpelung des Auges, das sich voyeuristisch an den Schockeffekten ergötzt. In der Serie „Mask“ unterzieht Stezaker anonyme Studioporträts grotesken Deformationen. Das Motiv eines antiken Aquädukts genügt, um das Gesicht einer Schauspielerin in einen fratzenhaften Totenschädel zu verwandeln, aus dem die Leere einer altmodischen Idylle winkt. Auf dem männlichen Pendant durchzieht ein Bergbach den Nasenbereich und lässt ihn wie eine monströse Kriegsverletzung wirken. Genormte Schönheitsvorstellungen treffen unter dem Skalpell des Künstlers auf Albträume, die zwischen Komik und Horror oszillieren.
Die Serie der „Sirenen“ kommt ohne sublimierte Gewaltfantasien aus, gerät aber nicht weniger beunruhigend. Sie geht auf eine private Sammlung von Musiker-Porträts aus den 1940er- und 50er-Jahren zurück. Verführerische Sängerinnen ziehen den Betrachter in tödlich tobende Sturmfluten hinein. Hinter der glamourösen Oberfläche dieser Femmes fatales lauert stets eine Gefahr, die tief aus dem Fundus von Mythen und Stereotypen schöpft. Gleichzeitig passen sie, einmal aus den Archivruinen auferstanden und durch die Eingriffe ihrer Identität beraubt, in keinen Kontext mehr, gleiten als Hybride zwischen Heute und Gestern durch unser tägliches Bildermeer, vereint im stillen Triumph über ihre mysteriöse Schönheit. Die findet sich auch im letzten Raum, in den Miniaturen aus dem Künstlerbuch The 3rd Person Series, in denen winzige shrinking men durch städtische Asphaltwüsten irren. Kurz vor dem Verschwinden lassen diese Nobodies an Charlie Chaplin denken – zumindest an seine unbarmherzige Nähe von Humor und Melancholie.
Die Arbeiten kosten circa 8.000 Britische Pfund zuzüglich Mehrwertsteuer.