John Latham im Lisson New Space, London

God is Great

Astrid Mania
25. Februar 2005

John Lathams aktuelle Ausstellung God is Great and Belief Systems as Such im New Space der Londoner Lisson Gallery fällt in eine Zeit, in der Künstler, Kuratoren, ja selbst Galeristen ihre Augen vermehrt gen Himmel richten. Dabei sind Gruppenausstellungen wie 100 Artists See God oder auch Die Zehn Gebote von Ansätzen motiviert, die einander bedingen und durchdringen. Eine solche Motivation ist zum einen die Reaktion auf aktuelle, tagespolitische Ereignisse wie die Konfrontation mit fundamentalistischen religiösen Systemen im Islam und auch, besonders im US-amerikanischen, Christentum; zum anderen ein kunsttheoretischer Diskurs selbst, der politische Inhalte und Fragestellungen als einzig legitime Beurteilungskriterien an Kunst anlegt.

 

So entwickelten und kuratierten die beiden Künstler John Baldessari und Meg Cranston ihre Ausstellung 100 Artists See God – die, aus den Staaten kommend, Ende vergangenen Jahres im Londoner Institute of Contemporary Arts Station machte – wenige Monate nach den Anschlägen vom 11. September. Baldessari und Cranston baten hundert mit ihnen befreundete Künstler, Arbeiten zum Thema einzureichen. Allerdings vereitelte die an einer Ikonostasis orientierte Hängung eine konzentrierte Betrachtung der einzelnen Werke, so dass weniger die jeweiligen Künstlerkommentare als die Ausstellung in ihrer Ganzheit im Vordergrund stand – eine Ausstellung, deren Fragestellung als Phänomen an sich greifbarer wurde als die einzelnen Antworten. Dennoch liegt in der Beliebigkeit der Auswahl der Künstler und der Unübersichtlichkeit der Präsentation auch die Stärke von 100 Artists See God, weil so eine von den Kuratoren auferlegte Kategorisierung oder gar Wertung der Exponate konsequent vermieden wurde.

John Latham nun, ein Veteran der britischen Konzeptkunst, schafft seit Jahrzehnten unbeirrt ein von saisonalen Diskursen gänzlich unberührtes Werk, in dem die Beschäftigung mit Religion nicht durch einen moralisch-politischen Habitus sanktioniert ist. Latham versucht in seiner Kunst nichts weniger, als eine Beschreibung der Welt zu entwickeln, die eine Alternative zu den von ihm verworfenen naturwissenschaftlichen Theorien sowie onthologisch-religiösen Erklärungsmodellen darstellt. Bei beiden – und er sieht die naturwissenschaftlichen Kategorisierungen als konsequente Folge aus den großen Schöpfungsmythen – diagnostiziert er eine unangemessene Fragmentierung der Welt und eine falsche Vorstellung von Zeit. In Lathams Universum wird Zeit als temporales Kontinuum entworfen, in dem Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit verschmelzen. Latham hält an einem metaphysischen Weltbild fest; allerdings setzt er ein Gottesverständnis, in dem Gott als eine abstrakte Dimension jenseits von Raum und Zeit zu denken ist, die in sich alle Möglichkeiten trägt.

Vor diesem Hintergrund entstehen denn auch die Werke der 1990 begonnenen und bis heute fortdauernden Serie God is Great, die derzeit in der Lisson Gallery gezeigt wird: Skulpturen und Assemblagen, in denen Exemplare der heiligen Schriften der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam vereint werden. Latham bringt die Bücher an aufrecht stehenden Glasscheiben an, so dass der Eindruck entsteht, sie wüchsen wie kristalline Strukturen zu beiden Seiten aus der Scheibe heraus. Latham geht es nicht darum, etwaige Gemeinsamkeiten oder Antagonismen in den religiösen Dogmen selbst herauszustellen. Für ihn repräsentieren die Schriften jenes von ihm kritisierte lineare Verständnis von Zeit, indem sie einerseits für ein messianisches oder apokalyptisches, auf eine Zukunft hin gerichtetes Denken stehen, andererseits aber auch retrospektive Dokumente der Menschheitsgeschichte bedeuten. Das Material Glas dagegen symbolisiert in Lathams Kosmos das nicht-zeitliche, nicht-räumliche Kontinuum seines welterklärenden Gegenentwurfs.

Latham ist kein Künstler, der singuläre Vorgänge in der Welt untersucht, sondern analysiert, wie wir die Welt als Ganzes betrachten – durch die Augen von Wissenschaft, Philosophie und Religion. Lathams Kunst ist ein Universalprojekt, das versucht, unserem kulturell bedingten Weltverständnis konstruktiv eine Alternative gegenüberzustellen.

Noch bis zum 5. März 2005 im Lisson New Space, London.

www.lissonnewspace.co.uk

100 Artists See God war vom 19. November 2004 bis zum 9. Januar 2005 im Institute of Contemporary Arts in London zu sehen.

www.ica.org.uk
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