14. Juli 2011
John Chamberlain: „Curvatureromance“ - Pinakothek der Moderne, Sammlung Moderne Kunst, München. Vom 8. Juli bis 23. Oktober 2011
„Fetisch Auto“ - Museum Tinguely, Basel. Vom 8. Juni bis 9. Oktober 2011
„Art & Stars & Cars“ – Mercedes-Benz Museum Stuttgart. Vom 10. Mai bis 25. September 2011
Er arbeitet und formt an ihnen bis „es passt“, erklärt der amerikanische Künstler John Chamberlain selbst zu seinen Bildhauerarbeiten aus Autofragmenten und metallenen Karosserien, mit denen er sich geradewegs zum Bezwinger des omnipräsenten und allmächtigen, da auch wirtschaftsfaktorschweren Fortbewegungsmittel emporgeschwungen hat. Zwölf großformatige, in der Höhe bis zu fünf Meter messende Plastiken, allesamt in den letzten vier Jahren entstanden, zeigt die Münchener Pinakothek der Moderne im Rahmen der Ausstellungsreihe „American Summer“ unter dem vom Künstler selbst angelegten Titel „CURVATUREROMANCE“. Steht man Chamberlains Skulpturen gegenüber, so schwingt freilich eine kleine romantische Nuance mit, prägend ist aber eher die prometheische Kraft, mit der Chamberlain hier, wie schon zuvor in seinem bildhauerischen Werk, vorgegangen ist. Großes künstlerisches Selbstbewusstsein spricht aus ihnen.
Chamberlains Leitmotiv ist das Auto, das seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Menschheit unaufhörlich zu fesseln scheint. Seitdem spielt das Automobil auch in der Kunst eine Protagonistenrolle, der gerade in weiteren Ausstellungen Auf den Leibe gerückt wird, so im Mercedes-Benz Museum in Stuttgart mit „Art & Stars & Cars“ oder im Basler Museum Tinguely. Der Titel dort lautet „Fetisch Auto“, der schwungvolle Untertitel „Ich fahre, also bin ich“. Hier wird das Automobil mit schweizerischer Gründlichkeit einer formal-ästhetischen, soziologisch-philosophischen und anthropologischen Analyse unterzogen. Von John Chamberlain ist im Museum Tinguely die raumfüllende Installation straits of night von 1992 zu sehen, eine fein inszenierte Akkumulation von gepressten, gestreckten, verbogenen und oftmals farbig gefassten Karosserien. Der „automobile Ausgangspunkt“ von John Chamberlain liegt in den 1950er Jahren, als er aus Objets trouvés, aus Karosserieteilen, die er auf dem Hof seines Künstlerkollegen Larry Rivers fand, eine Plastik formte. Das Karosserieblech behielt Chamberlain als essenzielles Material stets bei, dennoch belegt die Ausstellung in der Pinakothek der Moderne eine neue Hinneigung zur farblichen Reduktion, einhergehend mit einer Konzentration auf die formale Kraft. In München heißt das konkret: Entfärbung der Skulptur in die Skalen der Nichtfarben zwischen Schwarz und Weiß, allenfalls kommt ein primärfarbiges Rot neben dem prägenden Chrom hinzu. Zu Gunsten der Form, die nun noch kräftiger gestaltet ist als zuvor, verzichtet Chamberlain auf die Farbe und steigert in seinem Alterswerk damit noch einmal die Energie seiner Arbeiten – ein seltenes Phänomen in der Entwicklung eines Künstlers.
Das Automobil, wie wird es kunsthistorisch oder besser geisteswissenschaftlich interdisziplinär beäugt? Die Baseler Ausstellung „Fetisch Auto“ zeigt sich im Verein mit der gleichnamigen Buchpublikation als äußerst humorvolle Provokation für die Auto-Gerechte-Welt und ihre Anhängerschaft. Im Katalog publiziert das Museum neben vielen weiteren Aufsätzen das kurzweilige und amüsant geschriebene Pamphlet des Freiburger Literaturwissenschaftlers Ludger Lütkehaus mit dem bezeichnenden Titel „Der Wahn des Automobilisten – Feldforschung in der größten offenen Psychiatrie“. Bei Lütkehaus heißt es: „ … es empfiehlt sich deswegen, einige grelle dingpsychologische Lichter auf den Umgang des Menschen mit dem Verkehrsding aller Dinge zu werfen. Das Auto ist dafür in der Tat bestens geeignet. Neben dem Gebrauchswert, dem sozialen Repräsentations- und Prestigewert, steht der halb- oder unbewusste Symbolwert, den die Menschen ihm geben, aber mehr noch das, was das Auto mit und aus den Menschen unbewusst macht.“
Das Dominanz- und Abhängigkeitsverhältnis Mensch- Auto, dass des Menschen Mobilität und sein Selbstwertgefühl bestimmt, weiß John Chamberlain geschickt umzuwerten. Mit der Macht des gestaltenden Künstlers formt er das Auto, die Karosserie, die Karosseriefragmente zu einem Kunstwerk, einer Skulptur. Er seziert, zerlegt, deformiert und baut neu auf. Der ursprüngliche und gesellschaftlich verankerte Wert des Autos ist nicht mehr vorhanden: Der Gebrauchswert geht gen Null, Repräsentations- und Prestigewert der automobilen Welt sind nicht mehr ablesbar, dieses Auto kann nichts mehr mit dem Menschen machen, sondern ist in die ideelle Welt der Kunst verrückt. Die potenzielle Mobilität des Automobils ist in eine auratische-skulpturale Stabilität umgedeutet. Für einen Kunstsammler hätten diese Car-Skulpturen dann wiederum dennoch einen hohen Prestigewert, denn schließlich und endlich gehört John Chamberlain zu den Pionieren der Pop Art und wird am Markt entsprechend hoch gehandelt. Das weiß auch jeder, der sich mehr für Kunst als für Autos interessiert.