John Cage in der Akademie der Künste

Still und stumm

Thomas Groetz
26. September 2011

John Cage wäre im nächsten Jahr 100 Jahre alt geworden. Unter dem Titel A Year From Monday – benannt nach einer Cage-Publikation von 1967 – richtet die Berliner Akademie der Künste dem 1992 verstorbenen Komponisten derzeit eine umfangreiche Hommage ein. Seit Montag, dem 5.9.2011, wird genau ein Jahr lang, bis zum Geburtstag, mit verschiedenen Veranstaltungen an ihn erinnert.

Zu dieser Erinnerungsarbeit gehören nicht nur Konzerte, sondern auch eine dreigeteilte Ausstellung. Der Besucher wundert sich allerdings, wenn er zum Auftakt einen großen Raum betritt, der nicht Cage, sondern seinem Zeitgenossen Iannis Xenakis gewidmet ist. Anhand einer Fülle von farbigen Skizzen, Partituren, Fotos und Filmen kann man nachvollziehen, wie sich Xenakis´ Kompositionen aus seiner Erfahrung mit zeitgenössischer Architektur ableiten – 1958 zum Beispiel arbeitete er als Assistent von Le Corbusier für den Philips-Pavillion der Weltausstellung in Brüssel. Zudem ist Xenakis´ Musik der Wissenschaft entsprungen: Er übersetzte grafische Kurven in Klang und machte sich mathematische Verfahren wie die Wahrscheinlichkeitsrechnung zunutze, um einen Gegenpol zu der auf vorhersehbare Tonentwicklungen basierenden seriellen Musik zu schaffen. Xenakis interessierte sich also für künstlerische Methoden, die analog zu den komplexen Prozessen in der Natur verlaufen. So kreierte er 1977 zur Eröffnung des Pariser Centre Georges Pompidou einen hyperbolischen Pavillon, in dessen Inneren er ein komplexes Licht- und Laser-Spektakel inszenierte. In andere multimediale Manifestationen bezog er bewusst die Hinterlassenschaften der Antike mit ein, wie in seinem Werk Polytope de Mycènes. Dabei erklang 1978 in den Ruinen von Mykene eine der ersten Computer-Kompositionen, während eine mit Glocken geschmückte, freigelassene Ziegenherde als Projektionsfläche für eine Lichtinszenierung auftrat.

Auch John Cage arbeitete teilweise mit multimedialen Ausdrucksmitteln – das ist aber auch schon die einzige Parallele zu Xenakis, dessen mathematisch-konstruktiver Fleiß bei gleichzeitigen mythologischen Anwandlungen Cage wohl eher verständnislos gegenüberstand. Einen kleinen Eindruck von dessen musikalischen Operationen gewinnt man durch das, was auf zwei etwas deplatziert wirkenden Monitoren innerhalb des Xenakis-Raums zu sehen ist. Auf einem wird Cage 1960 in einer amerikanischen Fernsehsendung mit folgenden Worten angekündigt: „The most controversal figure in the music of today“. Daraufhin führt der schüchtern-verschmitzte Cage seine Komposition Water Walk auf. Geschwind und präzise hantierend läuft er zwischen einer Fülle von Objekten hin und her: Eine Blumenvase stellt er in eine Badewanne und bewässert sie mit einer Gießkanne, bringt dann einen mechanischen Spielzeug-Fisch auf den Saiten eines Flügels zum zappeln, trinkt aus einem Bierglas und lässt zwischendrin aus einem Kochtopf Dampf ab.

Cage hatte eine spielerische und destruktive Freude daran, seine Kunst oder besser: den bürgerlichen Kunstbegriff in die sogenannte Wirklichkeit hinein zu öffnen. Bekanntestes Beispiel dafür ist wohl sein Klavierstück 4‘33‘‘ aus dem Jahr 1952: In dem Werk, das nur mit einer Zeitangabe betitelt ist, geschieht nichts. An die Stelle der musikalischen Aktion tritt das, was man unwillkürlich während einer Aufführung hört – unruhiges Publikum und Geräusche der Umgebung.

Als einen Interpreten dieses Stückes hatte die Künstlerin Tacita Dean den Choreographen und Tänzer Merce Cunningham ausgewählt, der mit Cage jahrzehntelang zusammenarbeite und 2009 verstarb. Sechs unterschiedliche Projektionen zeigen in einem großen dunklen Raum einen alten Mann, der fast bewegungslos auf einem Stuhl in seinem Tanzstudio verharrt. Die Intensität, die eine Live-Aufführung des Stückes haben kann – wobei Interpret und Publikum auf sich eine neue Weise darüber verständigen, was eigentlich nun das Kunstwerk ist – geht in Tacita Deans medial transformierter Form allerdings weitgehend verloren.

Medien sind ebenso präsent im dritten Teil der Ausstellung. Künstler, Literaten, Filmemacher und eine Choreographin erweisen hier dem Meister ihre Referenz. Die Tänzerin Reinhild Hoffmann hat ihren Film mit einem eigenen Auftritt aus dem Jahr 1982, der sich simultan zu einer Lesung Cages ereignete, auf sechs Monitore verteilt. Hoffmann windet sich auf einem Sofa, während Cage regungslos mit eintönig, sonor-gehauchter Stimme Fragmente aus Texten von Henry David Thoreau vorträgt.

Des Weiteren sind die wenig aussagekräftigen Dokumentarfilme von Klaus Wildenhahn aus den Jahren 1966 und 1967 ausgestellt sowie eine Writing Cage-Installation, bei der der amerikanische Komponist und Medienkünstler Arnold Dreyblatt an der Wand sieben Lentikular-Tafeln arrangiert hat. Darauf sind Textfragmente von Cage zu lesen, die sich je nach Blickwinkel kaleidoskopisch verändern. Ein zwingender biografischer oder werkimmanenter Zusammenhang mit Cage besteht jedoch nicht. Ähnlich nichtssagend sind die Cage gewidmeten Schriftbilder des Flötisten und Lautpoeten Eberhard Blum, auf denen er fein säuberlich die Buchstaben des Alphabets mit Grafitstiften übereinander gezeichnet hat. Noch stärker nach Kunst-Leistungskurs sehen die grafischen Arbeiten von Hanns Schimansky aus. Er hat Linien mit Kreide auf schwarzem Papier gezogen und zeigt eine Serie von Tuschezeichnungen, die in ihren Schraffuren wie schlechte Kopien von Paul Klee wirken.

Die Krönung des Ganzen ist jedoch ein Container im Raum, den der Schriftsteller Reinhard Jirgl hier platziert hat. „Dies ist nicht Cage“ steht über dessen Eingang, der von zwei identischen Cage-Fotos flankiert wird. Über eine Holzschwelle tritt man ins Innere und findet sich unvermittelt auf knirschenden Kieselsteinen wieder. Auf den Wänden ist noch einmal der Cages Fernseh-Auftritt zu sehen, allerdings ohne Ton, sowie Texttafeln mit der Bezeichnung „Bilder für etwas“: drei große Platten, beklebt mit Spiegelfolie. Platter kann eine Hommage an den von buddhistischen Ideen geprägten und japanische Steingärten verehrenden John Cage nicht ausfallen.

Angesichts der Fülle der ausgestellten Arbeiten, die allesamt von Akademie-Mitgliedern stammen, vermisst man schmerzlich einen historischen Teil zur bildenden Kunst, die im Zusammenhang mit Cage und der Entwicklung seines Werkes von Bedeutung ist. Schließlich reagierte Cage auf künstlerische Verfahren, wie etwa den Übergang des Action Paintings zur Pop Art. Ihn inspirierten nicht nur die Malereien Mark Tobeys, sondern auch die Serie unbemalter Leinwänden seines Freundes Robert Rauschenberg, die ihn zu 4‘33‘‘ anregten. Unberücksichtigt bleiben auch die Künstler der Fluxus-Bewegung, die Cages Musikkurse in den 1950er-Jahren in New York besuchten und dadurch beflügelt wurden, ihre oft humorvollen Auftritte in einem bestimmten Zeitrahmen aufzuführen – und sich der Realität zu öffnen.

Von einer Öffnung spürt man in der Ausstellung hingegen wenig. Die altbackene Präsentation in der Akademie der Künste scheint eher zur Befriedigung einiger in Würde ergrauter Akademie-Mitglieder konzipiert worden zu sein. Zugang zu einem faszinierenden und immer noch impulsgebenden Komponisten des 20. Jahrhunderts vermittelt sie dem Publikum jedenfalls nicht.

„Ein Raum für John Cage“ mit Eberhard Blum, Arnold Dreyblatt, Reinhild Hoffmann, Reinhard Jirgl, Hanns Schimansky, Klaus Wildenhahn – Akademie der Künste, Berlin. Vom 7. September bis 27. November 2011

Tacita Dean: „Merce Cunningham performs STILLNESS… (six performances, six films), 2008” – Akademie der Künste, Berlin. Vom 7. September bis 3. Oktober 2011

Iannis Xenakis: „Kontrolle und Zufall“ – Akademie der Künste, Berlin. Vom 7. September bis 27. November 2011


Alles im Fluss von Thomas Groetz
Die Berliner Akademie der Künste zeigt John Cage im Kontext der Bildenden Kunst. Das gelingt nicht ganz, doch ein Besuch lohnt sich trotzdem.


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