Johannes Wohnseifer bei Linn Lühn, Düsseldorf

Alles nur in meinem Kopf

Magdalena Kröner
4. April 2012

Johannes Wohnseifer: More in Common Than a Given Name – Linn Lühn, Düsseldorf. Vom 16. März bis 28. April 2012

Wie es aussieht, wenn ein Künstler über Jahre unbehelligt seiner Sammelleidenschaft frönt, und plötzlich der Welt zeigt, was er zu Hause gehortet hat, kann man gegenwärtig in der Galerie von Linn Lühn erleben: Johannes Wohnseifer arrangiert für seine erste Ausstellung in Düsseldorf ein fiktives Zwiegespräch seiner persönlichen Privatheiligen, dem amerikanischen Rennfahrer Peter Revson und dem Düsseldorfer Künstler Peter Brüning.

„More in Common Than a Given Name“ heißt die ungewöhnliche Schau, deren Titel bereits auf die Gemeinsamkeiten dieser so unterschiedlichen Männer verweist. Denn die Brothers from Another Mother haben – zumindest im Kosmos Wohnseifer – mehr gemeinsam, als sich zunächst vermuten ließe.

Der Galerieraum wird eingefasst von einem chronologisch geordneten Fries aus Fotografien: 30 historische Pressefotos des amerikanischen Rennfahrers Peter Revson, einem Spross der Revson-Familie, die ihr Vermögen mit der Kosmetikmarke Revlon machte, setzen sich zusammen zu einem Panoptikum moderner Heldenverehrung. Die Inszenierung ist perfekt: die Fotos zeigen Revson konzentriert bei der Vorbereitung, Revson im Gespräch mit den Mechanikern, Revson beim Training, Revson Champagner verspritzend im Moment des Triumphes, gottgleich in seinem weißen Rennfahreranzug oder schnieke bei einer Preisverleihung im Smoking. Auch, wer den Mann bis dahin nicht kannte, weiß am Ende des Rundgangs, warum Revsons Autobiografie den Titel Speed with Style trug.

Eine Figur wie Revson schließt an zahlreiche Themen im Werk von Johannes Wohnseifer an: So suchte der Künstler etwa in der Ausstellung „Into the Light“ im Aachener Ludwig Forum im Jahr 2003 idiosynkratische Anschlüsse an den Pop. Er dachte in seiner Kunst über Autorennen und den Fetisch Geschwindigkeit nach oder betrachtete die Idolatrie der Mode und die zwanghafte Suche nach ästhetischer Perfektion. Pop und Kunst, das führte Johannes Wohnseifer vor, funktionieren längst nach den gleichen Prinzipien, wie sie schon Walter Benjamin in seinem Passagenwerk skizzierte: „Wir sehen, dass auch die Mode sich über den Tod moquiert, wie auch die Beschleunigung des Verkehrs ... darauf hinausgeht, alles Abbrechen, jähe Enden zu eliminieren.“

Auch der Künstler Peter Brüning zeigt sich in seinem Spätwerk fasziniert von automobiler Kultur. Nach Informel und Zero wandte er sich ab den 60er-Jahren den Verheißungen und der Kryptik des modernen städtischen Verkehrs zu. „Ich ging dazu über [...] nicht nur die Zeichen der Kartographie als bloßes Vokabular zu benutzen", schreibt Brüning auf ein großes Blatt, das in einer Vitrine in der Galerie gezeigt wird, „sondern ich begann, plastisch zu verfremden, dreidimensional zu werden. Die kartographischen Zeichen wurden von ihrer ursprünglichen Funktion befreit. So entstanden meine ersten Straßendenkmäler als Symbol unserer modernen Zeit“.

Peter Brüning entwarf nicht nur „Autobahn“-Skulpturen, sondern auch eigene Kartografien, etwa für Brünings Superland. Er nutzte Verkehrsschilder und moderne Wegmarken als Vorlagen seiner grafikbetonten Plakate, in denen er die Funktionalität der Zeichen in abstrakte Elemente verwandelte. Genauso sind die historischen Pressefotografien Peter Revsons mit zahlreichen farbigen Markierungen versehen, die An- und Ausschnitte vorgeben: Grafische Fragmente und Typografien sind auch im Werk Johannes Wohnseifers zentrale Elemente.

Und wie es sich gehört, eint die beiden Popstars avant la lettre ein früher Tod: Peter Revson starb im Jahr 1974 mit nur 35 Jahren bei einem Autorennen. Das letzte Foto des Bilderreigens zeigt die Witwe trauernd im Pelz, perfekt zurechtgemacht. Von Peter Brünings Tod kündeten ebenfalls die Gazetten: Er starb im Jahr 1970 mit 42 Jahren an einem Herzinfarkt bei den Vorbereitungen zu seiner letzten großen Schau in der Düsseldorfer Kunsthalle.

Das fiktive Zwiegespräch von Peter Revson und Peter Brüning gerät dem Künstler-Sammler Johannes Wohnseifer zur hellsichtigen Reflexion über Geschwindigkeit, Fetisch und Pop, die nicht zuletzt das eigene Werk aktualisiert.


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