28. Februar 2012
Joel Sternfeld: „Campagna Romana“ – Buchmann Galerie, Berlin. Vom 27. Januar bis 10. März 2012
Als sich
Johann Wolfgang von Goethe vor 225 Jahren in der römischen Campagna malen ließ, wirkte das, als hätte man den Dichter auf eine Theaterbühne gegossen: Der Maestro in Cäsarenpose, umkränzt von efeuberanktem Antikenrelief und gekipptem korinthischen Kapitell, weiter hinten liebliche Hügel, Aquäduktrelikt und Burgruine – pure Idylle in einem Land, wo damals noch ungespritzte Zitronen blühten und man nicht in den sauren Apfel aus Mafia, Müllbergen und Medienschwachsinn beißen musste. Wenn
Joel Sternfeld vor gut zwanzig Jahren im Süden der maroden Kapitale einen Mauerrest fotografiert, der sich gefährlich über ein Grüppchen älterer Damen auf Klappstühlen wölbt, im Hintergrund antennenbekrönte Siebzigerjahre-Wohnbauten, dann sieht das so absurd apokalyptisch aus, wie der Alltag in typisch römischer Stadtrandkulisse eben ist: Bonjour Tristesse statt Dolce Vita. Man könnte das Ganze auch für eine Drehpause in Cinecittà halten, nur hat Italiens Hollywood, das hier gleich um die Ecke liegt, seine besten Zeiten längst hinter sich. Trotzdem scheint es, als flüsterte das Gemäuer weniger von Kaiser Augustus als von Fellini, de Sica oder Pasolini, mit denen Rom sein letztes Glanzlicht setzte.
Sternfeld nahm allerdings erst 1990, als Stipendiat an der American Academy, seine Kamera und ging dorthin, wo sich kein Cicerone mehr auskennt: Auf die Ausläufer der Via Appia Antica. Die Haupthandelsstraße der Antike, gesäumt von verfallenen Grabmälern und der ruinösen Aqua Claudia, wo Petrus seinem Herrn einst die Frage stellte „Domine, quo vadis?“, ist heute nach wenigen touristischen Metern nur noch Straßenstrich und Knutschzone, ein Unort zwischen Niemandsland und latinischem Moloch. Nicht weit davon verläuft parallel die Via Appia Nuova. Sie steht vor allem für das, was Rom eben auch ist: Eine donnernde Asphalthölle inmitten bröselnder Fertigbauten, Billigläden und verdorrter Grünstreifen. Zwischen beiden Straßen: vergessene Ruinen. Bauliche und menschliche.
„Die beiden haben mich gefragt, ob ich ihnen Geld fürs Frühstück geben könnte“, lacht Joel Sternfeld, der seine Serie „Campagna Romana“ erst jetzt zum ersten Mal in der Buchmann Galerie zeigt. Gemeint ist das schräg verlotterte Pärchen, das der Pionier der New Color Photography vor einem spärlich begrünten Brachland ablichtete, zwischen irgendwelchen Wohnsilos der Peripherie. Bis dahin hatte Sternfeld vor allem die Eigenartigkeiten seiner Heimat im Visier – von seiner Retrospektive im Essener Folkwang Museum letzten Sommer kennt man noch den Feuerwehrmann, der vor dem brennenden Haus einen Kürbis kauft, oder den scheinbar absurd riesigen Zuschauer vor einer Landebahn.
„An Rom interessierten mich diese Monumente, um die sich kein Mensch mehr kümmert. Sie stehen da herum und kaum einer weiß, was sie einmal waren, geschweige denn, wie sie heißen! Wer kennt schon noch die Aqua Claudia?“ Den Mann mit schwarzen Locken und Lachgesicht könnte man sich selbst in einer Toga vorstellen, hätte er nicht diesen Woody-Allen-Akzent, mit dem er sich begeistert über das historische Achselzucken der Römer auslässt.
Und so fotografierte Sternfeld zwei Kleinwagen mit Heckscheibenschutz, denen der Rest eines gigantischen Pyramidengrabes zur Schrottpresse zu werden droht. Surrealitäten wie diese ziehen sich durch Sternfelds Gesamtwerk, wirken aber in der braunrötlich getönten Bilderreihe besonders subtil. Schließlich lassen sich die romantisierenden Campagna-Landschaften Claude Lorrains oder Nicolas Poussins daraus nicht ganz wegdenken.
An anderer Stelle bannt Sternfelds Blick die tristen Straßenstände der Via Appia Nuova oder die Dankestafeln an einem Marienaltar vor uralter Mauer, auf der Plakate für Zirkuswerbung kleben; ein dezenter Hinweis, dass die „Brot und Spiele“ noch nicht ausgedient haben. Und einmal geht Sternfeld so nah auf die Mauerreste zu, dass aus seinen Fotos informelle Bildwelten à la Antoni Tàpies und Emil Schumacher werden.
Sternfeld, der Amerikaner in Rom – man merkt ihm förmlich an, wie euphorisch er die alte Welt zur morbiden Kulisse des modernen Mediums macht: Was daraus entsteht, ist die ästhetische Verschränkung aus abendländischer Historie, klassischer Malerei und den Abgründen der Zivilisation, wie sie auch Jeff Wall zum künstlerischen Prinzip erkoren hat. Nur, dass Sternfeld seine Bilder nicht inszenieren muss. Das Theater spielt sich ganz von alleine ab, direkt vor unserer Nase. Sternfeld deckt darin nur noch die kunstwürdigen Momente auf – und zeigt, dass in der Campagna Romana immer noch ein Circus Maximus steckt.
Die Arbeiten kosten zwischen 18.000 und 40.000 Euro.