18. Februar 2009
Der Titel der Ausstellung „Tatort der Probleme“ steht in dünnen, zarten Schriftzeichen auf dem leeren, weißen Plakat, darunter: „Jin Fengs Fall“. Beides sollte sich als prophetisch erweisen. Denn die Einzelausstellung, die das Schanghaier
Zendai Museum of Modern Art (Zendai MoMA) dem Künstler
Jin Feng Ende letzten Jahres widmete, wurde wahrlich zum „Tatort der Probleme“. Die geplante Verlängerung der am 29. November eröffneten einmonatigen Ausstellung wurde abgesagt, einzelne Arbeiten mussten noch vor Weihnachten wieder abgebaut werden. Es ist nicht das erste Mal, dass Jin Fengs Arbeiten derart Anstoß erregen, denn sie berühren politisch brisante Bereiche.
Im Jahr 2003 kehrte der 1962 geborene Künstler nach einer Lehrtätigkeit an der Changzhouer Universität in seine Heimatstadt Schanghai zurück und übernahm dort bis 2005 die Position des Akademischen Direktors des Duolun Museums of Modern Art. Er gehört zu den prägenden Gestalten der Schanghaier Kunstszene und löst gerade mit der eigenen künstlerischen Arbeit immer wieder heftige Diskussionen aus. So musste seine 2005 im Zendai MoMA gezeigte Skulptur Standing Statues of Qin Hui and His Wife (2005) aufgrund zahlreicher Proteste noch vor Ausstellungsende entfernt werden. Die Fiberglas-Skulptur zeigt zwei Personen aus der Song Dynastie (960 - 1279 n. Chr.) – Qin Hui und seine Frau. Qin Hui gilt in der chinesischen Geschichte als Verräter, da er den populären General und Volkshelden Yue Fei hinrichten ließ. Jin Fengs Werk ist die Kopie eines berühmten Vorbildes, das sich im Yue Fei Tempel in Hangzhou befindet. Doch während das Paar dort kniend um Vergebung fleht, zeigt Jin Feng es in aufrecht stehender Haltung. Er durchbrach damit das in China gängige Schema der Darstellungsweise verachteter Personen. Die dadurch entfachten Diskussionen machten Jin Feng weit über die Kunstwelt hinaus schlagartig bekannt. Auch die Skulptur Confucius is Crying! (2006) will den klischeehaft festgeschriebenen Blick auf die Vergangenheit in Frage stellen. Bei der aus weichem Plastilin gefertigten, lebensgroßen Skulptur des weinenden Konfuzius konnte der Gesichtsausdruck erst im Atelier des Künstlers und später interaktiv im Netz vom Publikum weiter verändert werden.
2006, im Kontext der „38 Solo Ausstellungen“ in Schanghai, zeigte Jin Feng die Arbeit Wordless Petition. Er lud dafür 100 Petitionsfordernde aus der Provinz Henan nach Schanghai ein und ließ sie dort als lebende Skulpturen in einer langen Reihe gruppiert, mit Gold besprüht, posieren. In den Händen hielten sie vergoldete Transparente ohne Worte. Die Dokumentation der Performance ist eine mehrere Meter lange, die gesamte Menschenreihe zeigende Fotografie. In Insulting Art machte Jin Feng 2007 schließlich die durch seine Werke ausgelöste Polemik selbst zum Thema. Er installierte sein gesamtes Atelier sowie allerlei Dokumentationsmaterial seiner Arbeiten in der BizArt Galerie in Schanghai und lud eine Insulting Service Company ein, wie es sie in China durchaus gibt, um seine Arbeit und die zeitgenössische Kunst zu beschimpfen, bis die Ausstellung im völligen Chaos endete. Zugleich übernahm ein Anwalt die Rolle des Verteidigers, während der Künstler selbst dem inszenierten Spektakel fernblieb.
Die Ausstellung im Zendai Museum ist nun die erste dem Künstler gewidmete Retrospektive. Die meisten der dort gezeigten Arbeiten waren bislang nur über Abbildungen im Internet zugänglich. Doch war die Ausstellung von einer eigentümlichen Stille umgeben: Während der Eröffnung wurden keine Reden gehalten, es gab weder einen einleitenden Text noch Erklärungen, die den Besucher durch die Räume geführt hätten, die einzelnen Arbeiten waren nicht beschildert. So blieb die Präsentation für die meisten, und gerade die ausländischen, Besucher rätselhaft. Viele der Arbeiten erschliessen sich erst mit Hintergrundwissen um die politischen und geschichtlichen Bezüge, zudem sind die gezeigten Dokumente allesamt auf Chinesisch verfasst. So war auch das Provozierende einiger Arbeiten erst auf den zweiten Blick erkenntlich. Doch den chinesischen Besuchern mag klar sein, welche der beiden Arbeiten zum Konflikt mit den Behörden und zur verfrühten Schließung der Ausstellung geführt haben.
Eines dieser Werke ist der überdimensionale, viereinhalb Tonnen schwere und drei Meter hohe Tonkopf, Head Statue of the Extraordinary Demon (2008). Dabei handelt es sich um den Blognamen von Yangjia, dessen Fall im vergangenen Jahr ganz China erschütterte: Der 28-Jährige hatte im Juli 2008 in einem Schanghaier Polizeipräsidium sechs Polizisten erstochen. Der Prozess erwies sich als Farce und Beispiel der abgekarteten chinesischen Jurisdiktion. Der Jugendliche hatte seine Tat aus Verzweiflung und Ohnmacht gegenüber der mafiösen Rechtsstruktur begangen, weil ihm und seiner Familie großes Unrecht widerfahren war. Später wurde er von vielen zum Helden stilisiert. Jin Fengs riesiger Tonkopf wurde im vergangenen September – noch vor der Vollstreckung des Todesurteils gegen Yangjia – in einer Galerie im Pekinger Künstlerviertel 798 errichtet. Da der Ton ungebrannt war, riss und sprang der Kopf im Verlaufe des Trocknungsprozesses auf und der Unterbau aus Draht und Kunststoff trat hervor. Im Zendai Museum war die Skulptur mit ihrem inzwischen völlig entstellten Gesicht in der offenen Transportkiste zu sehen. Bei der zweiten kontroversen Arbeit handelt es sich um Ashes of MJJ are buried in Binyang Rd, Shanghai. 2007 hatte Jin Feng die Asche von Ma Jiajue, der wegen Mordes an einem Mitstudenten zum Tode verurteilt worden war, im öffentlichen Raum Schanghais beerdigt. Die fotografische Dokumentation wurde vorzeitig aus der Zendaier Ausstellung entfernt.
Doch nicht alle Arbeiten Jin Fengs sind derart bedeutungsschwer. Bei ihm finden sich durchaus auch humorvolle Ansätze, wie etwa in der Arbeit Public Properties 8x4m (2008), für die er eine Umzugsfirma engagierte, um Straßenschilder, vor Banken aufgestellte Skulpturen, Grünpflanzen und andere Objekte aus dem öffentlichen Raum vorübergehend in eine Galerie zu transportieren und dort für vier Stunden auszustellen. Bei der Aktion In the Name of Filming (2008) ließ er Haushaltsgegenstände von mehreren Familien eines Wohnblockes zeitgleich explodieren und stellte die ausgebrannten Überreste eines jeden Gegenstands an seinen Ursprungsort zurück. Im Zendai MoMA wurden die Relikte in Glasvitrinen und die fotografische Dokumentation in Form von Leuchtdias gezeigt.
Jin Feng selbst sagt über sein Werk, dass er damit keine bestimmte Position beziehen möchte, sondern Fragen aufwerfen will. So kann der Ausstellungstitel „Tatort der Probleme“ denn auch mit „Tatort der Fragen“ übersetzt werden, denn im Chinesischen ist es dasselbe Wort. Es gehört Mut dazu, sich an die Themen zu wagen, die Jin Feng bearbeitet. Oft sind es Randexistenzen, von der Gesellschaft verachtete Personen, denen er sich zuwendet. Jin Feng sucht das Kontroverse, im aktuellen Geschehen wie auch in der Geschichte. Dabei bleibt seine Rolle als Künstler – wenn er z.B. die Fußsohlen eines Pilgers aufkauft und signiert (The Soles of Ma Zhongxin Belong to Me), oder wenn er einen Strassenbauer, dessen Beine amputiert sind, auf einem hohen Sockel posieren lässt (An Aborted Project: My Name is Sun Jixiang) – zwiespältig. Denn die Frage drängt sich auf, ob Jin Feng hier den Missachteten eine Plattform gewährt, oder ob er sich nicht das Sensationsheischende als PR in eigener Sache zunutze macht. Die Ausstellung im Zendai MoMA jedenfalls hat beide Funktionen erfüllt.