Jeppe Hein bei Johann König, Berlin

Technokratie ist machbar

Heike Fuhlbrügge
14. September 2011

Jeppe Hein: „I am right here right now“ – Galerie Johann König, Berlin. Vom 3. September bis 1. Oktober 2011

„We will have to become spiritual activists right here, right now“, schrieb der Dalai Lama in seiner Botschaft zu den Ereignissen von 9/11. Pünktlich zum Memorial dokumentiert der dänische Künstler Jeppe Hein in 912 gerahmten Aquarellarbeiten unter dem Titel „I am right here right now“ seine Kenntnisse der buddhistischen Praxis des „hier und jetzt“ in der Galerie Johann König. In diesem Schrift- und Motivkompendium gibt Hein seine innere Befindlichkeit wieder, die er im letzten Jahr durchlebte – da hatte er sich aus der Kunstwelt zurückgezogen und durch mantraartiges Zeichnen sein Leben entschleunigt.

Der dänische Künstler, der eigentlich eher durch gewitzte interaktive Skulpturen und Minimal-Installationen bekannt ist, fügt die Wasserfarbenarbeiten in einem All-over auf drei Wänden zu einem Ereignisraum zusammen. Chronologisch vom Entstehungsdatum her startet die vorgegebene Leserichtung von links nach rechts. Der Farbklang wechselt dabei regenbogenartig: von Rot über Orange, gefolgt von Blau und Gelb, Grün und zum Ende hin im gemischten Spektrum bis hin zu Lila. Die Motive in diesem Zeichnungskompendium sind denkbar simpel – sie zeigen Gesichter, Elefanten, Regenbogen, Socken, Vulkane, Berge, Streifen, Kreise. Diese scheinbar ins Unendliche repetierten farbigen Kinderzeichnungen werden durch bloße Akkumulation allerdings nicht aussagekräftiger. Sind das nun innere Kartografien einer Krise, einer Transformation? Wie geht es nun weiter, ändert sich der künstlerische Formwille und das Aussagepotenzial nach diesem Jahr? Sind etwa noch mehr Zeichnungen entstanden und diese Installation nur eine Best-off-Auswahl? Man erinnert sich an die Zeichnungen von Joseph Beuys aus den Fünfzigerjahren, als der Künstler eine schwere Krise durchlitt und im Medium der Zeichnung essenziell wieder zu sich und seiner Kunst fand.

Das Symbol der Lemniskate erscheint dabei als Schlüssel zum Hein‘schen Kosmos. Ähnlich wie der kürzlich verstorbene Konzeptkunstpionier Roman Opałka, der mit 1965 / 1 - ∞ an jedem Tag seines Lebens eine Zahl malte, startet auch Hein mit dem Unendlichkeitszeichen seine Reise in die Zeit. Die Lemniskate, die sich vom lateinischen Ausdruck lemniscus, „Schleife‘“ ableitet, ist eine Kurve in Form einer liegenden Acht und steht als Symbol für Unendlichkeit. In der Mathematik, im Spirituellen und bei den Freimaurern ist sie ein wichtiges Zeichen – und steht unter anderem für Tod und Auferstehung. Will Hein, indem er dieses Zeichen an den Anfang setzt, das Ziel als Wunsch vorwegnehmen, oder müsste diese Zeichnung nicht den Abschluss des Zyklus‘ bilden?

Währenddessen sollen die Blätter mit Text, die zwischen den gemalten Motiven eingefügt sind, Aufschluss über seinen seelischen Zustand geben: „Sorry... / I am.../ A littel / Brian dead / At the moment“ oder „To much / Me....“ lassen eine gewisse Müdigkeit erkennen, Satzteile wie „To / Much / Missing“ sowie „I miss / you“ sind bei allem Humor, der sich grundlegend durch Heins Werk zieht, auch Zeugen von Sehnsucht und Liebeskummer. Am Ende der Installation scheint dann doch eine Art Heilung stattgefunden zu haben, da nun zu lesen ist „I am so much on... / The / Right / Way...“ und „New life“. Der „edle achtfache Pfad“, eine buddhistische Anleitung zur Erlangung von Erlösung, ist offenbar vollzogen und Jeppe Hein „energetisiert“ zurückgekehrt, da nun der Farbkanon im vollen Spektrum Anwendung findet. Wer mit dem Künstler auf die Reise gehen möchte, kann zwar nicht den Zeichnungsblock erwerben, der nämlich erstaunlicherweise – oder besser: dem Credo seines spirituellen Backgrounds entsprechend unverkäuflich ist. Doch er darf ihn in Form eines Künstlerbuches mitnehmen, das in einer Stückzahl von 100 publiziert wurde. Das Material der Krise findet auf diese Weise dann doch einen Weg in den Kunstmarkt.

Eine weitere Gelegenheit zur buddhistischen Einkehr bietet übrigens das überdimensionale Mobile mit sieben Spiegeln in der Mitte der Galerie, in dem man sich selbst mit Heins Zeichnungen im Hintergrund anschauen kann. Auf diese Weise amalgamieren sich papierne Introspektionen mit der mobilen Reflektion des Betrachters. Vielleicht ist es ja dieses Mobile, das die Überwindung der künstlerischen Krise bestätigt. Denn Hein, der 2010 am Residency Program des Atelier Calder in Saché in Frankreich teilnahm, schien im Nachklang inspiriert, ein energetisch offenes und kinetisches Objekt zu entwickeln, das Calder lebensfroh beschrieb als „ein Stück Poesie, das vor Lebensfreude tanzt und überrascht.“ Nicht unwahrscheinlich, dass Hein das nach seinem Ausflug ins Innere bald auch wieder gelingt und er seine Fans weiterhin als fröhlicher Technokrat beglückt – mit interaktiven Springbrunnen, Parkbänken und Metallkugeln, die dann auch wieder zum Verkauf stehen.


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