Jenny Holzers neuestes Werk in Bremen

Ich drehe das Kind hin und her

Anne Schreiber
2. August 2005
Seit Mai dieses Jahres durchzieht das Treppenhaus des Paula Modersohn-Becker Museums in Bremen ein blau leuchtendes digitales Schriftband, das die amerikanische Konzeptkünstlerin Jenny Holzer eigens für das von Bernhard Hoetger 1927 entworfene Gebäude konzipiert hat. Durch die zwölf Meter lange Installation fließt in blauen LED-Lettern ein Text, den Holzer kurz nach der Geburt ihrer Tochter Lili vor 17 Jahren geschrieben hatte und in dem sie von den widerstreitenden Gefühlen der Mutterschaft erzählt. Für die Arbeit Mother and Child erhielt Holzer 1990 auf der Biennale in Venedig den Goldenen Löwen und knüpft in der Arbeit für das Museum in leicht gewandelter Form daran an. Das neue Werk trägt den Titel For Paula Modersohn-Becker, denn das Thema Mutter und Kind war zeitlebens zentral für die künstlerische Arbeit der Malerin.

Modersohn-Becker war kurz nach der Geburt ihres Kindes verstorben; ihre Arbeit fand in dem frühen Tod sein unbestritten mysteriöses, in jedem Fall schicksalhaftes Vorzeichen. Im Topos der Mutterschaft sah sie ein Mysterium von Werden und Vergehen, aber auch eine sinnliche Allegorie auf die Schöpferkraft der Frau. Anders als in den bekannten kunstgeschichtlichen Darstellungen von Mutter und Kind, die sich auf einen sakralen Kontext beschränken, zeigte sich jedoch in ihrer Arbeit eine Einfachheit in der „rein kreatürlichen“ Darstellungsweise, die bis dahin noch kein Vorbild hatte, wie es im Katalog anlässlich der Holzer-Ausstellung heißt. Aus dem uralten Sujet sei eine natürliche Darstellungsweise geschaffen worden, die sich vom Marienhaften abgrenze und einen Archetypus von schlichter Selbstverständlichkeit darstelle.

Nach den Worten Jenny Holzers ist es genau jener von religiöser Symbolik befreite Gestus, der sie an den Gemälden von Modersohn-Becker bereits seit längerem fasziniert. Im Interview, das ebenfalls im Katalog erscheint, erklärt sie, nur wenige Künstler haben das Thema Mutterschaft ohne Sentimentalität behandelt oder ohne Mutter und Kind im Dienst der Religion darzustellen. Nach ihrem Besuch in dem organischen Bau von Hoetger – dem weltweit ersten Künstlermuseum für eine Frau – war Holzer jedenfalls fasziniert von den Arbeiten Modersohn-Beckers, auch aufgrund ihrer Überzeugung, dass „die Sache der Frau“ künstlerisch noch zu wenig thematisiert werde.

Holzer, 1950 in Ohio geboren, war 1977 nach New York gezogen und begann dort mit Text als Kunst zu arbeiten. Für ihre bekannteste Arbeit Truisms hat sie seit 1979 eine Serie von Statements und Aphorismen zusammengestellt und diese immer wieder auf verschiedene Arten veröffentlicht: Aufgelistet auf Straßenplakaten, in Telefonzellen und 1982 auf einer LED-Leuchttafel am Times Square, die sie unauffällig unter den Schilderwald der Werbeflächen mischte. Spätere Arbeiten nutzten den virtuellen, öffentlichen Raum des Internet. Allgemeines, eindeutig politisch motiviertes Ziel der Künstlerin ist es, sich die Eindringlichkeit der modernen Werbemedien für ihre Ideen zunutze zu machen.

Die Installation im Bremer Museum in der Böttcherstraße ähnelt nur auf den ersten Blick den anderen Arbeiten Holzers. Der Text auf dem Lichtband aber ist als eine persönliche Spiegelung ihrer innersten Gefühle angelegt. Zugleich hat Holzer den Versuch gemacht, die Arbeit allgemein zu halten, so dass sich möglichst Viele davon angesprochen fühlen können.

Gleich einer Nabelschnur durchzieht das Wortband leuchtend den gesamten, spiralförmigen Treppengang im Museum, beginnt auf dem Boden und endet irgendwo an der Decke. Es ist Muster einer Beziehung, dessen Dimensionen durch die Wendeltreppe zum einen ins Grenzenlose zu gehen scheinen, zum anderen jedoch bedingt sind durch eine bipolare Abhängigkeit. Die Worte und Sätze Holzers lesen sich vertraut und zugleich kryptisch, wenn sie in Gedanken darüber sinniert, in welchem Fall sie ihr Kind umbringen würde oder ob das Baby die „neue Krankheit“ haben könnte und sie seinen Hals nach Symptomen abtastet.

Holzers Textskulptur ist – ebenso wie die Bilder Paula Modersohn-Beckers – der Versuch, das alte Motiv von Mutter und Kind von neuen Blickpunkten aus zu betrachten. Gelungen ist ihr dies, indem sie den Topos der Gewalt der Mutter gegenüber dem Kind, die zerstörerische Kraft von Krankheiten, Leid und Tod, die ebenso aus dem Schoß der Frau kommen wie das Leben, nebeneinander thematisiert. Leider besteht aber ebenso wie bei Modersohn-Becker, obgleich dort Einfachheit und Natürlichkeit zu Prinzipien erhoben wurden, die Gefahr einer Mystifizierung des Leben schaffenden und zugleich zerstörerischen, immer aber in die Kreisläufe eingebundenen, immer präsenten Körpers der Frau.

„Die Sache der Frau“ soll dieses Thema mitnichten sein; schon Simone de Beauvoir wusste, dass eine neue Aufteilung der Geschlechter, wenn auch unter anderen Vorzeichen, nur wieder in alte Missverständnisse mündet.


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