Jeff Wall in der Kunsthalle im Lipsiusbau, Dresden

Der geschmeidige Grossmeister

Hans-Jürgen Hafner
8. September 2010

Jeff Wall: „Transit“ – Kunsthalle im Lipsiusbau, Dresden. Vom 20. Juni bis 10. Oktober 2010

Fast möchte man genervt abwinken. Noch eine Jeff Wall-Ausstellung. Schon wieder dieselben bekannten Tableaus, Großbilddias neben mehr oder weniger monumentalen Schwarz-Weiß-Fotografien und neuerdings auch Farbausdrucken. Einmal mehr The Storyteller (1986), mit der suggestiven Überlagerung einer (post)industriellen Kulisse durch eine kunst- wie zeitgeschichtlich anspielungsreich zusammengebaute Figuren- und Handlungskonstellation. Einmal mehr jenes berühmte Breitbildformat Restoration (1993), mit seinem fast fünf Meter breiten Weitwinkel-Blick in ein realiter beinah überlebensgroßes Schlachtenpanorama, das gerade von einem Restauratorenteam wieder in Schuss gebracht wird.

In Dresden gibt es Jeff Wall, wie wir ihn kennen. Die „Klassiker“ werden Seite an Seite mit den detailbesessenen Aufnahmen urbaner Brachen oder erratischer Nicht-Orte gezeigt, und schon sind wir wieder mittendrin in seinem formal-thematischen Plot rund um die Eckpunkte Fotografie, Historienmalerei und kineastische Inszenierung, wie ihn Wall seit Ende der 1970er-Jahre für sich gepachtet hat. Der 64-jährige Kanadier ist unbestritten ein Großmeister der künstlerischen Fotografie und zu Recht seit Langem kanonisiert. Sein Werk – gerade in den letzten Jahren mit prominenten Museumsausstellungen in Wien, London und Basel sowie im New Yorker Museum of Modern Art bedacht – stellt längst einen Teil unseres zeitgenössischen Bilderschatzes. Es steht dafür ein, wie Gegenwartskunst heute zumindest exemplarisch aussehen kann. Anders formuliert: Wall ist Kunst.

All das aber wirft die Frage auf, mit welchem Gewinn wir uns diesen Jeff Wall überhaupt ansehen können. Mehr noch: was wir eigentlich sehen, wenn wir uns eine einzelne Arbeit (oder eben auch eine komplette Ausstellung) heute anschauen. Kurioserweise – das zeigt die im Übrigen extrem sorgfältig ausgewählte und durchwegs stimmig installierte Dresdener Schau – ist es gerade dieser Prozess der Kanonisierung, durch den die Brisanz von Walls fotografischem Projekt auf der Strecke bleibt. Wir nehmen es heute als selbstverständlich hin, dass Wall die Fotografie als Medium der Kunst neu platzierte. Dass er die Fotografie nach zwei Seiten, einerseits kontextuell – mit großem Gespür für den veränderten Einfluss der Massenmedien auf unser zeitgenössisches Bildverständnis – und andererseits historisch und ikonografisch – als Fortsetzung der Tradition der modernen Malerei seit Edouard Manet – aufgeschlossen hat. Heute blicken wir auf seine Werke als Fotografien neben vielen anderen Fotografien. Offenbar haben wir gelernt, vor allem den Wall im Wall zu erkennen. (Ein Effekt übrigens, der sich so auch in den medienreflexiven Projekten etwa von James Coleman oder Ken Lum wiederfinden lässt.)

„Transit“ ist in diesem Sinn vor allem als Werkschau eines recht prominenten Gegenwartskünstlers zu goutieren. Die Ecken und Kanten dieses Projekts müssen wir uns selber suchen. Und tatsächlich finden wir dieses Potenzial, indem wir an die Bilder selber, in ihre Inhaltsangebote hineingehen. Heute ist ihr raffiniertes konzeptuelles Jonglieren zwischen „high“ und „low“, zwischen inszeniertem Dokumentarismus und taktischer Fiktionalität, zwischen der Rolle des Diskursiven und des Visuellen als Mittel zur Selbstkritik der Kunst nämlich weit weniger dringend. Heute sind es die Motive, Themen und Themenkomplexe, die diese Bilder für uns ergiebig machen. Heute steht der Inhalt klar vor der Form.

Dabei fördert Wall seit jeher selbst nach Kräften eine solche Lesart. Die Arbeiten seit 2007 – konventionell als schwarz-weiße Silbergelatineabzüge oder farbige LightJet Prints realisiert – öffnen sich ganz betont für Bilder der sozialen Wirklichkeit. Die Fortified Door (2007) bietet uns da die Stirn mit ihrer zugleich archaisch und artifiziell anmutenden Solidität. Gibt uns zu denken, was dieses Tor mit seinen massiv-kitschigen Beschlägen, den roh gehobelten Balken wohl verbergen, was sie verteidigen mag. Trist, ja nahezu fatal, stellt sich die Situation in Tenants (2007) dar. Entsprechend teilnahmslos, geradezu distanziert gibt sich der Blick auf die Bewohner eines derangierten Vorort-„projects“, die vor ihren Häusern ihrer (Nicht-)Beschäftigung nachgehen. Ein wahres Bild des Niedergangs, des Desolaten. Aber ist es Wirklichkeit oder Fiktion? Wir vermögen es an dieser Stelle nicht zu sagen.

Wie wollte man Wall im Jahr 2010 aber eigentlich kuratieren, um unser Bewusstsein noch einmal für seinen Inszenierungsapparat zu schärfen? Vielleicht müsste man sich beschränken, seine Fotografien vereinzelter zeigen. Fotografien auswählen, bei denen die Verhandlung der Bild- und Blickdiskussion bereits auf formaler Ebene, in der Wahl der Inszenierungsmittel offensichtlicher würde, analog zum in Dresden präsentierten – jedoch auch allzu didaktischen – Restoration. Allerdings, das zeigt sich hier, hat Wall selbst seine Kanonisierung vorangetrieben, hat er selbst für eine geschmeidige Eingliederung seiner Werke in den Atlas vertrauter Bilder gesorgt. Dafür gelingt den Machern dieser Schau, Ulrich Bischoff und Mathias Wagner, ein etwas anders gelagerter Kniff: Sie lassen, sozusagen am Wall von heute vorbei, seine Bilder auf den konkreten Ort zurückreflektieren. Schließlich sind wir in Dresden – einer Stadt, in der sich Kulisse und Realität ständig ineinander verschrauben; in der sich die gegenwärtige Lebenswirklichkeit zu einem beachtlichen Teil einer Inszenierung von Geschichte verdankt. Dieser Punkt rückt uns in der kuratorischen Akzentuierung durch Bischoff und Wagner deutlich vor Augen. Das mag zwar noch kein Argument für Jeff Wall liefern – wohl aber für die Frage, warum man sich diese Ausstellung genau an diesem Ort recht gut ansehen kann.


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