5. Februar 2010
Jean-Michel Palmier: „
Walter Benjamin. Lumpensammler, Engel und bucklicht Männlein. Ästhetik und Politik bei Walter Benjamin.“
Übers. v. Horst Brühmann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2009. 1372 Seiten, EUR 64,--
Brauchte die – akademische – Welt ein neues Buch über Walter Benjamin? Wo es an Sekundärliteratur wahrlich nicht mangelt? Kaum ein Großer der jüngeren Geistesgeschichte, der ihn nicht rezipiert hätte. Ob Jürgen Habermas, Jacques Derrida oder Rolf Tiedemann – die Reflexion des Benjamin‘schen Werkes war und ist intensiv. Wer da mithalten will, muss schon einiges bieten, zumal, wenn ein Band den Untertitel „Ästhetik und Politik bei Walter Benjamin“ trägt.
Vielleicht hätte sich der Autor Jean-Michel Palmier auf den ersten Teil des Titels, „Lumpensammler, Engel und bucklicht Männlein“, beschränken sollen. Denn schon mit einer einzelnen Episode macht er die Misere von Walter Benjamins Leben schlagartig deutlich. Nach der gescheiterten Habilitation 1925 an der Universität in Frankfurt am Main, deren Gutachter seinem „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ (1928) völlig verständnislos gegenüberstanden, richteten sich Benjamins Hoffnungen auf Aby Warburg und sein Umfeld. Dessen „Kulturwissenschaftliche Bibliothek“, die sich durch die Zusammenarbeit mit der Universität Hamburg von einer Privatsammlung zu einer öffentlichen Institution gewandelt hatte, lockte mit einer Forschungsperspektive, deren bildtheoretische Radikalität ihrer Zeit weit voraus war – und verblüffende Affinitäten zu Benjamins Perspektive hatte. Aus dem Rückblick ist das Rencontre zwischen Warburg und Benjamin mit Händen zu greifen. Umso erstaunlicher, dass es dazu nicht kommen sollte.
Aber warum? Obschon Benjamin sowohl Erwin Panofsky als auch Fritz Saxl im Melancholie-Teil seines Trauerspielbuchs ausführlich würdigte; obschon Benjamins ingeniöse Deutung von Dürers Melencolia I das ikonologische Interesse der beiden Kunsthistoriker geweckt haben müsste, reagierten diese auf den über Hugo von Hofmannsthal und Gershom Scholem vermittelten Kontakt durchaus übellaunig, auf das Werk selbst ignorant: Das Buch sei ihm „zu gescheit“, unkte Saxl; „zu klug“ sekundierte Panofsky. Warburg selbst schwieg und nahm es wohl kaum zur Kenntnis. Was theoriegeschichtlich als verpasste Chance firmiert, war für Benjamin persönlich ein Schlag. Mittellos, intellektuell isoliert und ohne universitäre oder sonstige institutionelle Anbindung war er gezwungen, weiterhin als freier Autor seinen Lebensunterhalt zu verdingen. Seine Situation war „prekär“. Und sie blieb es. Sie führte in die Ausweglosigkeit.
Benjamin, der so viel und so klug über des Menschen Glück nachdachte, wurde vom Unglück verfolgt – persönlich, beruflich und zuletzt politisch. Der Misserfolg klebte an ihm, Unheil verschattete den Lebensweg. Sein barockes Temperament, die Umstandskrämerei, die zumal die Frauen, mit denen er zu tun hatte, oft verzweifeln ließ, seine „unheitere Geistesart“, die auch nahe Freunde verstören sollte, taten das Übrige. Vielleicht hat die voluminöse Benjamin-Studie Palmiers hier ihre eigentliche Stärke: dem Leser in der Gesamtschau das ganze Ausmaß an unseligen Ereignissen, an persönlichen wie historischen Katastrophen vor Augen zu führen, die das Leben dieses jüdischen Intellektuellen zeichnen sollten. Weit über das nurmehr Anekdotische hinaus macht der allein 600 Seiten umfassende erste Teil des Buches die Entstehungs- und Produktionsbedingungen der Benjamin‘schen Schriften transparent, die Bedeutung seines disparaten Freundeskreises deutlich und vergegenwärtigt die blanke Not, die den Denker zeitlebens terrorisierte. Palmier gibt Benjamins Texten das Milieu wieder, dem sie sich verdanken. Und das ist nicht wenig.
Ob aber der Verlag gut beraten war, Palmiers umfangreiches Opus vollmundig als den langersehnten „Schlüssel zum Verständnis dieses enigmatischen Autors“ feilzubieten? Nicht nur krankt das Buch daran, dass allein die ersten drei von insgesamt fünf Hauptteilen komplett ausgearbeitet wurden. Die Publikation ist ein Torso. Was der Leser erst im Anhang erfährt: dass Palmier schon 1998, mitten in der schon 18 Jahre währenden Arbeit, starb. Dass sein Buch damit nicht auf der Höhe der gegenwärtigen Benjamin-Forschung und -Diskussionen sein kann, ist klar. Doch selbst dem Stand der Auseinandersetzungen von 1998 wird es kaum gerecht, denn es ignoriert brüsk die Benjamin-Lektüren etwa Jacques Derridas oder Giorgio Agambens und bleibt fühlbar der Debattenkultur der 1970er- und 80er-Jahre verhaftet.
Doch sei auch das geschenkt. Geschenkt auch, dass die Publikation in ihren systematischer angelegten Teilen – die sich Benjamins Sprach-, Kunst- und Geschichtsphilosophie widmen, seiner Theorie der Erkenntnis und Wahrnehmung, seinem Begriff der Melancholie und Trauer und endlich seinem Passagen-Projekt – über die bloße Paraphrase Benjamin‘scher Denkfiguren selten hinausgeht. Was indessen verstört, ja verärgert, ist das methodische Präjudiz, mit dem sich der Autor seinem Sujet zuwendet. Die erkenntnisleitende Absicht, den Lebens- und Denkweg Benjamins zu vereinheitlichen und aus einer Zusammenfassung einheitlicher Sinnkerne her zu rekonstruieren, setzt einen Lektüre-, Literatur- und Schriftbegriff voraus, der nicht erst seit dem „Hermeneutikstreit“ in den 1980er-Jahren suspekt wurde. Benjamin selbst hat ihn hartnäckig hinterfragt. Kurz: Das Problem hier ist die Methode und nicht erst ihre Durchführung.
Der erklärte Wille Palmiers, sich von der Sprachmagie Benjamins nicht blindlings verführen, sich von seinem tragischen Schicksal nicht ablenken zu lassen und an den kanonischen Deutungen Theodor Adornos und Gershom Scholems abzuarbeiten, mag der Ehren wert sein. Ihr Zweck aber ist zweifelhaft. Die „historisch-kritische Methode“, der sich der Autor verpflichtet fühlt und die der Verlag bei der Bewerbung seiner Studie en passant absegnet, erfasst ihr Sujet nur um den Preis seiner Verkennung. Der Historismus als Konstruktion eines geschichtlichen Kontinuums, gegen das Benjamin zeit seines Lebens anfocht, feiert im Inkognito eines scheinbar harmlosen Lektüreverfahrens Urständ. Und das erstaunt dann doch.
Es zeichnet Palmier aus, dass er sich dieser Aporie zumindest bewusst war: „Kein Exeget“ könne sich dem „schlechten Gewissen darüber entziehen, dass er daran mitarbeitet, Benjamin in eine Konzeption von Kultur zurückzuholen, die er in die Luft sprengen wollte.“ Dabei hat er genau das getan. Zu den überragenden Lebenslügen des akademischen Diskurses gehört, so zu tun, als hätte es diese Destruktionsarbeit nie gegeben, als könne man Autoren wie Benjamin in einen ideengeschichtlichen Gesamtzusammenhang rücken und entsprechend einordnen. Nicht ohne Grund graute es Benjamin vor der „Saturiertheit der bürgerlichen Wissenschaft“; ihre Sprache war ihm ein „Zuhälterjargon“. Wie eine Lektüre aussähe, die den bitterernsten Gehalt solcher Aversion ernst nähme, ohne in ein unkritisches Verhältnis zu ihrem Gegenstand zu verfallen, wäre allerdings die Frage. Palmier stellt sie noch nicht einmal.
Nietzsche, der „Antichrist“, der dem messianischen Dialektiker Benjamin verwirrend nahe ist, monierte einmal, dass man keinen Begriff mehr habe, was Bild, was Gleichnis sei: „Alles bietet sich als der nächste, der richtigste, der einfachste Ausdruck.“ Das Denken in Bildern und durch Bilder aber, das man schon in der Gleichnisrede Jesu in actu studieren kann, war für Benjamin ein primäres Medium des philosophischen Ausdrucks selbst. Vielleicht ist weniger seine ausdrückliche Konzeptualisierung des Bildes – wie Schriftbild und Bildgedächtnis, wie Denkbild und dialektisches Bild –, sondern vor allem diese Praxis eines Denkens in Bildern der eigentliche Grund für die anhaltende Faszination, die Benjamin (wie auch Nietzsche) auf die bildende Kunst bis heute ausübt. Denn ein Denken in Bildern ist ein inspirierendes und inspiriertes Denken, es ist infektiös. Mögen Verlage und mancher Rezensent in der Redaktionsstube weiterhin auf „das“ Buch zu Benjamin warten, das ihnen dessen um- und abwegiges Denken in die handfeste Prosa eines konventionell-akademischen Diskurses zu übertragen verspricht. Unterdessen mag es lohnen, sich von Benjamin selbst einmal mehr anstecken zu lassen, um die faszinierenden Affinitäten, die sich hier zwischen philosophischen und künstlerischen Praktiken des Denkens andeuten, cum ira et studio zu beobachten.