4. Januar 2006
Der sehr junge lettische Künstler Jānis Avotiņš, Jahrgang 1981, er lebt in Riga, gehört zu denjenigen, die dem einen noch als Geheimtipp, dem anderen schon als Shooting Star gelten. Avotiņš ist ein gefragter Maler, der inzwischen regelmäßig und zuverlässig produzieren muss, um dem wachsenden Bedarf der Sammler nachzukommen. Davon können die meisten Künstler seines Alters nur träumen.
Die kleinformatigen, figurativen Gemälde, alle Acryl auf Leinwand, die zurzeit bei Johnen + Schöttle in Köln zu sehen sind, rechtfertigen das Interesse: Ohne Schwierigkeiten füllen sie bei sparsamer Hängung die zwei großen Ausstellungsräume; gerne wandert man von einem Bild zum anderen, geht ganz nah heran, um die kleinen Formate genau betrachten zu können. Dabei stellt der Betrachter fest, dass auch bei großer Nahsicht viele Details im Farbnebel bleiben, nur manches ist „scharf gestellt“, anderes bleibt diffus.
Avotiņš arbeitet nach fotografischen Vorlagen, wobei offen bleibt, ob es sich dabei um konkrete Fotografien handelt oder vielmehr um die malerische Vermischung verschiedener Bilder. Teilweise ungewöhnliche Formate vermitteln den Eindruck, als handele es sich um direkt übernommene Ausschnitte aus Fotos.
Anders als in früheren Arbeiten sind die Menschen auf Avotiņš’ Bildern nicht mehr nur Staffage-Figuren, sondern offensichtlich stärker ins Zentrum des künstlerischen Interesses getreten; teilweise werden sie ganz nah an den Betrachter herangerückt. Auf unbestimmte Weise wirken die Szenen vertraut – man hat das alles schon mal gesehen, vielleicht gar selbst erlebt, aber man weiß nicht mehr genau wo und wann. Damit unterscheiden sich Avotiņš’ Bilder von denjenigen eines Luc Tuymans, an die sie durch ihre gedämpfte Farbigkeit und die flüchtig wirkende Malweise bisweilen erinnern, denn sie beanspruchen eben nicht den konkreten historischen Bezug, sondern evozieren Erinnerungen und Assoziationen, die schwer greifbar bleiben.
Die ernsten Mienen der Figuren, ihre Kleidung und die Farbpalette, für die Avotiņš besonders auf blasse Erd-, Schwefel- und Grautöne zurückgreift, lassen unwillkürlich erinnerte Bilder aus Zeiten des Kalten Krieges aufsteigen. Bilder, die auf den Westeuropäer oftmals kühl und fremd, aber doch vertraut wirkten – und dadurch umso befremdlicher.
Nur selten sind die Menschen auf Avotiņš’ Gemälden in einem klar definierten Raum zu verorten, sie handeln, ohne dass sich darin eine narrative Intention erkennen ließe, und verharren damit in einem Zustand, der eigentlich nicht auf Dauer ausgerichtet ist: Zwischen den Figuren herrscht eine fragile und vorübergehende Privatheit. Immer wieder werden Situationen thematisiert, in denen Personen in öffentlichen und halb-öffentlichen Zusammenhängen aufeinander treffen, zu einer flüchtigen Gemeinschaft werden, um für einen begrenzten Zeitraum gemeinsam zu agieren. Den jeweiligen Kontext deuten die Titel ebenso wie die Malerei nur ungenau an: Explanation, Colleagues, Slow Dance oder The Advisers.
Im zweiten Ausstellungsraum steht ein Vitrinentisch mit kleinen Zeichnungen, auf denen Figuren wie geisterhafte Erscheinungen aus dem Papier hervortreten. Die Nostalgie, die die Gemälde atmen, erreicht Avotiņš in den Zeichnungen durch die Verwendung von altem, vergilbten, zum Teil linierten oder karierten Papier.
Die Gemälde kosten um 4.000,- Euro, die Zeichnungen um 600,- Euro. Die Ausstellung war binnen kurzer Zeit restlos ausverkauft.
Jānis Avotiņš, ist bis 15. Januar 2006 bei Johnen + Schöttle zu sehen, Maria-Hilf-Straße 17, 50667 Köln. Ab 21. Januar sind weitere Werke von Avotiņš in der Johnen-Galerie in Berlin, Schillingstr. 31, 10179 Berlin.