Jana Gunstheimer bei Filiale, Berlin

Vienna Gothic

Astrid Mania
24. April 2008
Jana Gunstheimer - "Heiligsprechung" bei Filiale, Berlin. Vom 4. bis zum 25. April 2008

Wenn Künstler ins Fabulieren geraten, Geschichten erdichten, fiktive Dokumente erschaffen, wenn sie in überzeugende Konstrukte Falltüren einbauen, die den Betrachter in unerwartete Fiktionen stürzen lassen, oder wenn sie ihre Lügengebäude auf Fundamenten aus Wahrheit aufbauen, dann zumeist, um damit auf die Brüchigkeit von Wirklichkeit zu verweisen, auf die Manipulierbarkeit und Konstruiertheit so genannter Fakten. Bei Jana Gunstheimer indes verhält es sich anders. Sie erfindet keine Geschichten, um unseren Glauben an die Realität zu erschüttern, sondern um unseren Blick für die Realität zu schärfen. Dafür hat sie in ihrer aktuellen Ausstellung "Heiligsprechung" recht verschiedenartige und auf Echtheit beharrende Belege und Beweisstücke aufgebaut, die Gunstheimers Legende von einer österreichischen "Staatlichen Behörde zur Kanonisation" untermauern sollen.

Dies ist ihre Geschichte: Da der österreichische Staat einen eklatanten Mangel an offiziellen Vorbildern beklagte, wurde 1976 die Behörde zur Kanonisation geschaffen, die ihre "Heiligsprechungen" jedoch nicht im Sinne der katholischen Kirche betreiben, sondern geeignete Bürger in den Rang von Nationalhelden heben wollte. Es stand demnach allen Bürgern frei, gegen die Zahlung einer beträchtlichen Gebühr sich selbst oder andere zur Kanonisation vorzuschlagen. Nach anfänglicher Begeisterung ebbte die Flut der Bewerbungen jedoch ab, zumal sich die Kandidaten einer schrankenlosen staatlichen Überprüfung aussetzen sollten. Um den Schein zu wahren und das Projekt aufrechtzuerhalten, wurden schließlich drei Österreicher kanonisiert, doch sorgte diese Entscheidung für derartige Unruhe in der Bevölkerung, dass die Behörde 1981 abgewickelt wurde. Allerdings, so Gunstheimers Legende weiter, ist die Gründung eines deutschen Ablegers im Gespräch.

Die Berliner Ausstellung in der Galerie Filiale, einer Dependance der Zürcher Galerie Römerapotheke und der Düsseldorfer Galerie Conrads, illustriert ihre Erzählung mit Exponaten, die von erklärenden Texttafeln begleitet werden, deren Wesen und Präsentation den Konventionen eines historischen oder völkerkundlichen Museums folgen (die Künstlerin studierte unter anderem Ethnologie) und verstärkt so die Überzeugungskraft ihrer Fiktion. Inmitten der Galerie steht ein verkleinertes Modell des Ehrentors, das die Behörde zum feierlichen Zelebrieren der Kanonisation errichtet haben soll (Das Ehrentor der SBK, alle Arbeiten 2008). Es ist ein schauerlich schwarzes, rudimentäres Konstrukt, geschmückt mit Girlanden und bekrönt mit dem österreichischen Bundesadler. Zwei in Grautönen gehaltene Aquarelle, die wie Zeitungsausschnitte wirken, zeigen eine Ansicht des aufgebauten Tors (Das Ehrentor der SBK) sowie die vermeintliche Pressefotografie einer Demonstration aufgebrachter Bürger vor der Behörde (Berichterstattung in der "Wiener Zeitung" vom 17. März 1979 über die Proteste vor dem Hauptgebäude der SBK). Ein weiteres Ausstellungsstück in Gunstheimers musealer Darbietung ist ein Dreiersatz Briefmarken mit den Porträts der kanonisierten Österreicher - Heinrich Harrer sowie zwei fiktive Gestalten des öffentlichen Lebens (Kanonisierte Bewerber/Helden-Briefmarke).

Daneben zeigt Gunstheimer Dokumente und Devotionalien dreier abgelehnter Bewerber - und zwar jeweils das Bewerbungsschreiben sowie Objekte, die für die Kanonisierungswürdigkeit der vorgeschlagenen Personen sprechen sollten. Hierzu gehören die Klappbühne des "Wanderpredigers" Dr. Ferdinand Huber (#6178, Untergangshuber-Fanclub e.V. der Gemeinde Feldach: Wanderbühne des Dr. Ferdinand Huber), der schwarze Mantel eines ehemaligen Aufsehers in einem Kärntner Lager für russische Kriegsgefangene (#1743, Der Mantel des Werner Hofbichler) sowie Bilder der tätowierten Unterarme von Mitgliedern des Vereins "Steiermark angstfrei" (#2071, Steiermark angstfrei e.V.). Doch hier - wie überall in Gunstheimers Narration - tun sich Abgründe auf, die auf wahre politische und gesellschaftliche Verhältnisse verweisen. So entpuppt sich der vermeintlich vor Unheil warnende Huber als in höchstem Maße ausländerfeindlich, der einstige Lageraufseher hat während des Krieges Gefangene absichtlich hungern lassen und die Mitglieder des Vereins sind sämtlich bekehrte Kinderschänder und Gewalttäter, die nun zum Zeichen der Sühne Sprüche wie "Ich bin gut zu dir" oder "Du kannst mir vertrauen" auf der Haut tragen. Auch die drei angeblich Kanonisierten sind keine Lichtgestalten, wobei Gunstheimer sich im Falle Heinrich Harrers streng an die bekannte Faktenlage gehalten hat und auf die Kritik an seiner lange verschwiegenen Mitgliedschaft in SS und NSDAP anspielt. So gibt es immer wieder Momente, in denen Gunstheimer sich auf reale Vorkommnisse stützt, um das Fiktive noch plausibler erscheinen lassen. Die "Wiener Zeitung" beispielsweise existiert, die daraus präsentierten Ausschnitte jedoch nicht.

Das Vexierspiel mit Dichtung und Wahrheit führt Gunstheimer auch in ihrer Zeitschrift "Maßnahme" fort, die in der Ausstellung ausliegt und sich als journalistische Dokumentation der von ihr geschilderten Historie gibt. Hier lässt die Künstlerin Persönlichkeiten wie Thomas Bernhard, den niederländischen Modedesigner Bas van Putten, Georg Kreisler oder Bruno Kreisky in nachweislichen Zitaten recht finster über Wien sinnieren. Überhaupt scheint sich Gunstheimer stark an Kreisler - dessen Biografie sinnigerweise Georg Kreisler gibt es gar nicht heißt - und seinem bitterbösen und makabren Wiener Humor inspiriert zu haben, denn eine Freundin der subtilen Schilderung ist sie nicht. Ihre Ausstellung ist eher so etwas wie eine dreidimensionale Karikatur, ein politisches Kabarett mit Bildern und Objekten. Besonders in ihrer Zeitung operiert Gunstheimer mit den Mitteln der ätzenden Satire, wenn sie politische Slogans verdreht, auf dem Titel die konservative Losung "Leistung soll sich wieder lohnen" in "Martyrium soll sich wieder lohnen" verwandelt und an anderer Stelle fordert: "Menschen brauchen Härte".

Sicherlich sind die Parallelen zum Kunstbetrieb unübersehbar, doch greift eine Deutung der Ausstellung als Parodie auf kunsthistorische Kanonisierung und Musealisierungsprozesse zu kurz. Dafür ist Gunstheimers Blick dann doch wieder zu ethnologisch, sind die Anspielungen ihrer ungemein fantasievollen Fiktion auf das Zeitgeschehen zu vielfältig. Staatliche Durchleuchtung der Privatsphäre, unfreiwillige Selbstdenunziation, obskure Gebührenpraktiken, öffentlicher Widerstand, salonfähiger Rechtspopulismus, Fremdenfeindlichkeit und die Verstrickung angeblicher Biedermänner in Unrecht und nationalsozialistische Verbrechen, Vertuschung und Bemäntelung lässlicher Sünden - all diese Themen sind in die Struktur ihrer Ausstellung eingewebt und mit einem guten Schuss schwarzen Humors getränkt. Dass Gunstheimers Methode in anderen Sektoren kultureller Produktion - zum Beispiel im Film - ein geläufiger Standard ist und hin und wieder zu gewitzteren und subtileren Erzählungen geführt hat, kann man schwer bestreiten. Das besagt aber nichts anderes, als dass die politisch zum Pathos neigende bildende Kunst hier erhebliche Defizite hat. Jana Gunstheimer arbeitet daran, sie zu verringern.


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