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Jan Hoet im Interview

Diese documenta ist ziemlich vergänglich

Ludwig Seyfarth
13. August 2007
Jan Hoet, heute Direktor des MARTa Herford, war 1992 künstlerischer Leiter der documenta IX. Im Marta Herford führt er noch bis zum 7. Oktober eine Konfrontation alter und moderner Kunst vor, indem er „Die Kunst der Stille von Duchamp bis heute“ dem „Mysterium der Etrusker“ gegenüberstellt. Ludwig Seyfarth sprach mit ihm über die documenta 12.

artnet Magazin: Herr Hoet, Sie haben eine positivere Meinung über die documenta 12 als viele Ihrer Kollegen. Ist ihre vermeintliche Marktferne ein Vorzug?

Jan Hoet: Die documenta 12 ist eine Reaktion auf die Frustration, die die immer größere Dominanz des Kunstmarktes bei vielen Menschen verursacht. Es wurden so viele Namen wie möglich versammelt, die nicht auf dem Markt präsent sind, bis auf wenige Ausnahmen wie Gerhard Richter. Aber was auf dem Markt Erfolg hat, ist natürlich nicht automatisch schlecht. Mir fehlen bestimmte zentrale Figuren, die heute für die Entwicklung der Kunst wichtig sind. Jemand wie Neo Rauch dürfte bei einer documenta eigentlich nicht fehlen oder auch die wichtigen polnischen Künstler wie Monika Sosnowska oder Wilhelm Sasnal, die sich auf erfrischende Weise Themen des Alltags zuwenden, aber nicht dokumentarisch vorgehen, sondern sich auf Medien wie Skulptur oder Malerei konzentrieren.

artnet Magazin: Mit der Auswahl der Künstlerinnen und Künstler sind sie also nur bedingt einverstanden?

Jan Hoet: Es gibt wichtige Höhepunkte, etwa in der documenta-Halle mit Cosima von Bonin oder dem Nachbau des irakischen Lastwagens von Iñigo Manglano-Ovalle. Im Fridericianum gefällt mir die zentrale Arbeit von Trisha Brown. Das ganze Gebäude wird durch sie wie durch ein Flechtwerk getragen, auch in der Verbindung mit der Tanzperformance. Aber insgesamt finde ich diese documenta ein bisschen zu formal-ästhetisierend, und da ist es erst recht unverständlich, dass man mit dem misslungenen Kristallpalast in der Karlsaue eine derart hässliche Architektur hingesetzt hat. Ein grundsätzliches Problem liegt glaube ich darin, dass man visuell sein möchte und dabei etwas zwanghaft von einer theoretischen Basis ausgegangen ist.

artnet Magazin: Also doch ein theoretisches Korsett wie bei der documenta 11?

Jan Hoet: Da besteht ein großer Unterschied. Dort ging es um Macht, um eine amerikanische Sicht auf die postkoloniale Welt. Zwar waren viele afrikanische Künstler vertreten, aber nur solche, die in Amerika, London oder Brüssel leben. Und die Konzentration auf den Dokumentarismus war total übertrieben. Auf der documenta 12 gibt es auch Dokumentarfotos, aber immer im Dialog mit anderer Kunst. Nehmen wir etwa die großen Fotos aus Jerusalem von Lidwien van de Ven, da gibt es wieder andere Arbeiten daneben, die Realität in Frage stellen. So wird auch das Rätsel der Wirklichkeit immer wieder spürbar. Doch es braucht Zeit, um das zu bemerken. Ich habe die documenta dreimal besucht. Beim ersten Mal sieht man nur die Fotos und das andere nicht.

artnet Magazin: Wird die documenta 12 nachhaltig im Gedächtnis bleiben?

Jan Hoet: Diese documenta ist ziemlich vergänglich. Ich denke nicht, dass man in drei Jahren noch viel erinnert – vielleicht das Konzept, aber keine prägnanten Beispiele.

artnet Magazin: Geht das Konzept denn auf? Können Sie den Fäden folgen, die sich als viel beschworene Migration der Form durch die Ausstellung ziehen sollen?

Jan Hoet: Das Ganze ist weniger geordnet als vor fünf oder zehn Jahren. Einzelne Arbeiten liefern sehr interessante Gedanken, etwa das Klassenzimmer von Gerwald Rockenschaub. Das ist eine spannende Auseinandersetzung mit den Abgründen hierarchischer Verhältnisse zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Künstler und Beobachter, aber solche Subtilität wird in der Ausstellung nicht durchgezogen. Einiges ist einfach zu plakativ. Saâdane Afifs Arbeit mit den Gitarren finde ich absolut oberflächlich. Und Romuald Hazoumés Flüchtlingsboot mit den Benzintanks, das vielen so gut gefällt, finde ich einfach zu folkloristisch. Als bei der Eröffnung der Künstler mit seinem Hut daneben stand, war das ziemlich lächerlich, wie für eine touristische Postkartenaufnahme arrangiert. So sehe ich Afrikaner nicht. Aber für viele Leute, die sonst nicht mit Kunst umgehen, wird die documenta 12 nicht so schlecht sein.

artnet Magazin: Was halten Sie von der Konfrontation aktueller mit älterer Kunst, etwa im Schloss Wilhelmshöhe?

Jan Hoet: Das finde ich total misslungen. In Wilhelmshöhe finde ich nur gut, dass man veranlasst ist, sich die hervorragende Sammlung anzusehen. Es geht doch nicht, die Collage von Sofia Kulik zwischen die Bilder von Rembrandt zu hängen! Wie ein Schwarzweiß-Rembrandt! Das ist doch wie in einer Schülerausstellung.

artnet Magazin: Finden Sie es grundsätzlich eine gute Idee, auf einer documenta soviel Kunst zu zeigen, die vor 50 oder 500 Jahren entstanden ist?

Jan Hoet: Grundsätzlich ist nichts dagegen zu sagen, aber es muss funktionieren. Rodin und Bruce Nauman zusammen wären fantastisch, ein Gleichgewicht an Kraft, Präsenz und Herausforderung. Ab man muss aufpassen, die alte Kunst nicht für die aktuelle Kunst zu benutzen, sie zu instrumentalisieren. Und das passiert in Wilhelmshöhe.

artnet Magazin: Wird denn auch die aktuelle Kunst bisweilen instrumentalisiert?

Jan Hoet: Die Künstler sind instrumentalisiert worden. Sie wurden benutzt fürs Konzept und herausgehalten. Der Künstler hat immer das Recht zu wissen, wohin seine Arbeiten kommen und dabei auch mitzureden. Mir ist erzählt worden, dass andere Werke daneben zugehängt wurden, als Künstler ihre Arbeit installiert haben. So etwas geht wirklich nicht.

artnet Magazin: Aber Sie empfehlen den Besuch der documenta?

Jan Hoet: Unbedingt, es gibt auf jeden Fall viel Interessantes zu sehen. Anders als vor fünf Jahren spürt man, dass es wirklich um die Kunst geht, wenn auch nicht unbedingt um die Künstler.


Mehr im Dossier  documenta 12

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