19. Oktober 2010
Dieses Mal ist Sotheby‘s zweiter Sieger. Und das in jeder Beziehung, obwohl in der Bond Street ebenso wie am Abend zuvor bei Christie‘s mit italienischer Kunst eingefahren wurde. Denn das Ergebnis war mit 17,22 Millionen Britischen Pfund zwar das höchste des Hauses in dieser Kategorie, lag jedoch leicht unter dem des Konkurrenten. Allerdings war die Performance in diesem Bereich bei Sotheby‘s qualitativ besser als beim Rivalen. Denn von 35 Losen fielen nur vier durch gegenüber zehn von 45 bei Christie‘s. Andererseits blieben Bietgefechte weitgehend aus, die Toplose erreichten bestenfalls die obere Taxe. Zur Königin des Abends wurde ein weißes, querformatiges Concetto Spaziale, Attese von Lucio Fontana, das ein europäischer Sammler am Telefon mit dem oberen Schätzpreis von zwei Millionen Britischen Pfund ohne Aufgeld honorierte. Etwas kurios war hingegen das Ergebnis in gleicher Höhe für ein unattraktives Werk selbigen Titels, jedoch in Grün und Gold, das ein erst später hinzugekommener Telefonbieter abnahm, nachdem ein sichtlich nervös werdender Auktionator ohne offensichtliche Beteiligung aus dem Saal bis dahin gesteigert hatte. Ein weiterer Gewinner dieser Session war Marino Marini, dessen Cavaliere vom Rekord des Vorabends beim Konkurrenten profitierte und von 700.000 bis 800.000 Britischen Pfund auf 1,3 Millionen Pfund netto sprang. Italien als Konjunkturmotor: Aber markiert dieser mediterrane Aufschwung wirklich schon einen Frühlingsstreif im Londoner Herbst?
Als durchwachsen muss jedenfalls das Resultat der Contemporary Art bezeichnet werden. Zwar war nach der losbezogenen Quote von nur vier unverkauften bei 39 angebotenen Werken die Papierform gut, doch ließ der Abend den vielbeschworenen „Buzz“ vermissen. Dabei hatte man sich alle Mühe gegeben. Schon im Vorfeld war zu hören gewesen, dass dies für einige jüngere Künstler die Gelegenheit zur Marktinitiation sein sollte. Und tatsächlich ging die Strategie hier noch ganz gut auf. Das erste Los, das mit altmeisterlicher Retro-Virtuosität verzierte Gemälde Jonestown Radio von Ged Quinn, wurde am Telefon von 20.000 bis 30.000 Britischen Pfund auf sensationell anmutende 155.000 Pfund netto getrieben. Erst Ende Juni hatte Phillips de Pury mit 37.250 Britischen Pfund brutto für diesen Künstler einen Pflock einschlagen können. Gar noch nie auf einer Auktion gehandelt wurde Ahmed Alsoudani, dessen unbetiteltes Gemälde für einen Frischling mit 70.000 bis 90.000 Britischen Pfund schon ambitioniert vorbewertet war. Wiederum waren es Telefone, die diesmal erst bei 240.000 Pfund ohne Aufgeld müde wurden. An dieser Stelle scheinen die Mechanismen der Boomzeiten also immer noch zu greifen. Ob sie aber einen dauerhaften Effekt haben, wird sich wohl erst in der nächsten Auktionsrunde zeigen, bei der man möglicherweise mit weiteren Einlieferungen rechnen darf.
Der Rest des Abends verlief eher zäh. Das Material war weniger spannend als bei der Konkurrenz, das Ergebnis mit 13,26 Millionen Britischen Pfund inklusive Aufgeld entsprechend niedriger. Highlight war das schön rote Foto Pyongyang IV von Andreas Gursky, um das zwei Telefonbieter in zähen Minischritten bis 1,15 Millionen Britischen Pfund (Taxe 500.000 bis 700.000 Pfund) rangen. Fast alle Ergebnisse bewegten sich im Rahmen des Erwartbaren. Das galt für Andy Warhols Diamond Dust Shoes, die für 1,35 Millionen Pfund (Taxe 1,3 bis 1,6 Millionen Pfund) gingen, ebenso wie für Frank Auerbachs Head of Helen Gillespie aus dem Besitz von Jerry Hall, der mit 920.000 Britischen Pfund sogar einen winzigen Schritt über die obere Taxe von 900.000 Pfund stieg.
Weit erstaunlicher als dieses in der Summe solide Durchschnittsergebnis ist die Euphorie, mit der es in den Medien begleitet wurde. Sicher, es werden wieder größere Mengen Geld auf dem Markt bewegt als in den letzten beiden Krisenjahren. Die große Sause ist das aber nicht mehr (oder noch nicht wieder). Keinesfalls ist es so, dass da „wieder richtig Sog drin“ ist, wie sich Simon de Pury im „Handelsblatt“ zitieren ließ. Zwar konnte er mit einem Ergebnis von 6,56 Millionen Britischen Pfund die beste Auktion in London seit über zwei Jahren verbuchen. Doch seine Aussage, „heiße Contemporary-Künstler bringen wieder Weltrekorde“ soll offenbar verschleiern, dass einige dieser Positionen den Markttest gerade nicht bestanden und dem Sale bei einer Zuschlagsquote von 69 Prozent nach Losen frühzeitig die Luft ausgegangen ist. Die Auktionen gaben hier ein ähnliches Bild ab wie die Frieze, früher ein Indikator für die rauschenden Wachstumsfantasien des Kunstmarktes. Hier wie dort wurde das Wort von der Markterholung wie ein Mantra wiederholt, obwohl der Markt ein sehr viel differenzierteres Investitionsverhalten als früher reflektiert und deshalb insgesamt ein widersprüchliches Bild abgibt. Gerade dort, wo fiebrige Versprechungen gemacht wurden, herrschte am Ende Ernüchterung vor.
Wenn also das Londoner Wochenende eine Moral hatte, dann diese: Es bedarf gegenwärtig anderer Strategien als der Verbreitung erhitzter Preisfantasien, um die Käufer zu stimulieren. Das wäre auch Anlass zu einiger medialer Selbstkritik. In mancher Zeitung war von der Langsamkeit nichts zu lesen, mit der sich der Markt um Selbstvergewisserung bemüht. Da wurden überspannte Rallye-Sehnsüchte wie Fakten kolportiert. Die Kunstmarktrezession, aus der wir gerade auftauchen, hatte aber auch etwas mit der Kritiklosigkeit zu tun, mit der manche Berichterstatter die PR-Floskeln des Handels nachgebetet hatten. Das langsamere Londoner Tempo hat in Wahrheit viele Vorteile. Auch den, dass es der richtige Zeitpunkt ist, bei der Marktbeobachtung wie bei der Kaufentscheidung Distanz und analytischen Sachverstand an den Tag zu legen. Vorsichtiger Optimismus macht sich zurzeit eher bezahlt als euphorisches Geschrei.