17. November 2005
In den letzten Wochen tönte es einem schon aus den Gazetten entgegen: Kunstklau bei Getty, Köpfe rollen, Beschuldigungen machen die Runde. Dabei muss man nun wirklich kein Insider sein, um zu begreifen, dass dies nur die Spitze eines Mega-Eisbergs ist. Und jeder, der über einen namhaften Ankaufsetat verfügt, namentlich für ältere Kunst, ist schon mal mit den mafiösen Strukturen einer Kunstmarktwelt konfrontiert worden, wo sehr schnell sehr viel Champagner fließt und alle gute Laune haben. Diese Welt ist kleiner als manchem recht ist und Indiskretionen sind schon deswegen nicht angesagt, weil der, der wissen will, wer die "usual suspects" sind, einfach mal seine Denkmaschine anwerfen und sich fragen muss: Wie funktioniert denn das?
Es gibt bekanntlich mehr Leute, die mit Kunst etwas für sich erreichen möchten, was sie auf sozio-kultureller Ebene mit anderen gleichstellt oder über diese hinaus befördert, als es legitim verfügbare Kunst gibt. Und dann ist es wie mit dem Rauschgift. Es gibt staatliche Kontrollinstanzen, die Gesetze erlassen und sagen Nada und Basta. Und dann gibt es die Menschen, die den Service anbieten, Kunst zu besorgen und Provenienzen zu ersinnen. Besonders beliebt sind Schweizer Privatsammlungen, wo dann raubgegrabene goldene Altarkreuze nach angeblich hundert Jahren schweizerischer Zauberberg immer noch den Sand des nahen Ostens an ihren Kreuzenden tragen. Käufer solcher Ware werden bevorzugt von London oder Übersee nach Genf oder Zürich geflogen und gehen shoppen, ohne jemals den Zollbereich des Airports zu verlassen. Zu diesem Thema gibt es unendlich viele Variationen…
Nun klagt der italienische Staat gegen Getty und alle zeigen wieder mit dem Finger und rufen empört: "Verbrecherbande!". Oder so ähnlich. Dabei ist es ganz gleichgültig, wie laut wir brüllen, denn diese Praktiken sind viel, viel älter als wir. Schon Karl der Große brauchte ja ebenso dringend einen antiken Proserpinasarkophag für seine ewige Ruhe in der Aachener Pfalz wie die Ottonenkaiser in Magdeburg unbedingt antike Spolien haben mussten, um den ex-heidnischen Slawen die wahre Religion mit Garantie auf ewiges Leben verkaufen zu können. Bei dem heutigen Geschrei sollte man das nicht vergessen, denn diese Hehlerware ist natürlich gleichsam ein Stück unserer kulturellen Identität geworden.
Und alles wird so weitergehen, wenn wir nicht endlich anfangen, einmal das zugrunde liegende Prinzip zu befragen. Man muss ja nicht gleich sagen, wer Geld hat, der hat recht; aber wer Geld hat, der hat eben gravierend viel Macht - und kann sich fast alles kaufen. Eine Vielzahl der Länder, aus denen Artefakte auf illegale Weise die westlichen Märkte bedienen, gehört nicht gerade zu den reichsten auf diesem Globus. Und insbesondere deswegen sollte die Frage erlaubt sein, ob nicht mindestens ein Kontingent der zur Verfügung stehenden Ware Kunst in der Funktion von Kulturbotschaftern für legitime Devisen sorgen dürfte. Dann würde ein historischer Dogonfetisch aus Mali zu einem Zeugen und zu einem Botschafter für das spirituelle Dasein eines Volkes, dessen Geschichten und Identitäten sich nachvollziehen lassen und das mit Stolz davon kündet, dass es das Leben ganz anders betrachtet als wir – und entsprechend andere Wahrheiten zum Thema "hübsch" und "hässlich" hat.
Die mafiösen Strukturen hebelt man ja nicht aus, indem man das, was man für illegal deklariert, in der Illegalität prosperieren lässt. Staatliche Instanzen sollten Grabungen legalisieren. Menschen sollten fair entschädigt werden, wenn sie Objekte abliefern und möglichst die archäologischen Fundzusammenhänge nicht vertuscht haben. Jeder entwendete Fund, der nicht akribisch dokumentiert wird, ist für die Forschung verloren, ein Waisenkind ohne identifizierbare DNS-Doppelhelix. Heute werden die Räuber mit 10,- oder 50,- Dollar abgespeist, bevor dann ein antikes Fußbodenmosaik auf der New Yorker Park Avenue auftaucht und ein Vieltausendfaches einspielt. Ohne Stammbaum, ohne Dokumentation und eben auch ohne ein stolzer Kulturbotschafter, sagen wir, eines Maghrebstaates in einer öffentlichen amerikanischen Sammlung sein zu können.
Wo es staatliche Monopole gibt, da gibt es auch Möglichkeiten, diese auf eine Weise zu modifizieren, dass allen in diesem Teufelskreis engagierten Akteuren Befriedigung widerfährt. Der Kern aller Interessen kann und darf freilich nur die Kunst sein. Und da gibt es jede Menge Rollen zu verteilen. Am Ende ist der Profit des letzten Händlers vielleicht geringer als bisher. Aber warum soll er eine halbe Million kassieren, wo doch der Ur-Finder noch nicht mal Peanuts bekam und ein ungleich viel höheres Risiko eingeht, wenn er seiner illegalen Tätigkeit nachgeht?
Es gibt Methoden und es gibt einige wunderbare Beispiele von Kulturdiplomatentum. Manche davon sind schon recht alt, aber sie sollten zum Nachdenken anregen, bevor wir uns wieder den Gazetten zuwenden und abermals fragen, wer wen beschlief, um diesen Kouros oder jenen Adonis in die Smogluft von L. A. zu transportieren. Das New Yorker Metropolitan Museum gehört, was Kunstankäufe betrifft, natürlich zu den Global Players. Mit der Potenz seiner Freunde und Förderer deckt es nennenswerte Marktsegmente ab und begegnet seinem Potential auf recht unterschiedliche Art und Weise. Eine Abteilung, die sich recht traditionell Zuwächse verschafft, ist die ägyptische Abteilung. Seit Jahrzehnten ist das MET in Ägypten an Grabungen beteiligt, dokumentiert akribisch die Funde, ein ganzes Grabungsteam arbeitet vor Ort und manches wird geteilt. Das gibt es seit etwa einhundertfünfzig Jahren und wird beispielsweise auch vom Ägyptischen Museum Berlin im Sudan praktiziert. Eine recht faire Vorgehensweise, in der ausländische Fachwissenschaftler und Experten einem Land helfen, sich und seine kulturellen Wurzeln zu erkunden, zu dokumentieren und dann die Gastgeber Teile der Funde teilen.
Wenn man mal frei extrapoliert, wie viele Mumien noch an den Ufern des Nils begraben liegen, auf einer mehr als zweitausend Kilometer langen Wasserstraße in den schwarzen Kontinent hinein, dann ist es gerechtfertigt, den einen oder anderen Fund eben als Kulturbotschafter ausreisen zu lassen und Menschen in anderen Gegenden der Erde die Geschichte des - sagen wir Sudan - zu erzählen. Denn wer weiß eigentlich heutzutage, dass der Sudan, das Reich Kusch, nun wirklich ein bissel mehr war und ist als Dafour?!
Im Zusammenhang von Kulturdiplomatie und dem globalen Export seiner Botschafter spielt Ägypten übrigens eine herausragende Rolle. Es begab sich zu den Zeiten der Eiszeit des Kalten Krieges. Der Westen wollte Nasser aus den Klauen der Sowjetunion befreien. Und dann bekam ganz knapp ein westliches Konsortium den Zuschlag für den Bau des - wie wir heute wissen verheerenden - Assuanstaudamms. Bevor nun Jahrtausende alte Kulturlandschaften geflutet wurden, verteilte der ägyptische Staat hochoffiziell Gaben an Helferstaaten und deren Kulturinstitutionen, heute auch in Berlin und New York zu bestaunen. Interessant an den Beschriftungen wie dem berühmten Tempel von Dendur im MET: Hier schenkt ein Volk einem anderen Volk ein Stück nationalen Kulturgutes. Ägypten ist der stolze Geber und die Amerikaner oder die Deutschen die dankbaren Beschenkten. Keine Geheimnisse, keine Schmiergelder im klassischen Sinn und maximale Transparenz.
Ähnliche Beispiele gibt es im Bereich der mediterranen Spätantike zuhauf. Und das könnte so leicht Schule machen, wenn es gelänge, die Hehler und die Dealer zu entmachten und in eine Legitimität zu überführen, für die es beste Traditionen gibt. Wer ihn nicht kennt, dem sei dringend empfohlen, sich mal dem Brautschatz der byzantinischen Prinzessin Theophanu zu widmen, die dem Abendland ein Morgenland kredenzte, vor dem wir noch heute die Fassung verlieren, weil es so imposant, so exquisit, so zauberhaft ist. Kunstexporte (die bei anderer Perspektive entsprechend zu Importen mutieren...) sind ja wie wandelnde Lexika. Sie lehren uns anders staunen und begreifen.
Wer mal nach unten schaut, in der National Gallery in Washington, dem werden an entlegenen Stellen nordafrikanische Fußbodenmosaiken auffallen, bei denen es dann heißt "Given to the National Gallery of Art for the American People from the People of Tunisia." Das ist so wunderbar, wie es wunderbarer gar nicht sein könnte. Insbesondere zu Zeiten heiliger Kriege: Symbole des Bacchus als Gott des Weines und des Theaters sagen Grüße aus der Umgebung von Tunis (Kathargo!) an die Besucher der US-Powersammlung an der Mall. Salute!
Vielleicht das komplexeste Modell zum Thema Kulturdiplomatie findet sich in The Cloisters, der Mittelalterdependance des Metropolitan Museums in Manhattan. Es handelt sich um eine Perle der spanischen Romanik. Die Apsis der Kirche San Martín aus Fuentiduña, Kastilien, letztes Viertel des 12. Jahrhunderts, ist seit nahezu fünfzig Jahren eine Leihgabe der spanischen Regierung an das MET-Museum. Und der Haifisch der hat Zähne, diesmal auch im Gesicht. Als der dynamische Kurator die als Kornspeicher dienende Ruine in der sich die exquisite Apsis befand, etwa im Jahr 1955 legal exportieren wollte, und zwar als Besitzer und Eigentümer, da tat sich Protest auf. Die Leute der kleinen Gemeinde sagten Nada zum Amigo. Und der stand ratlos vor der Ruine. James Rorimer war vielleicht der größte amerikanische Kulturdiplomat des 20. Jahrhunderts und begann mal wieder, diplomatisch zu denken. Am Ende besitzt The Cloisters die famose Apsis, Eigentümer aber ist Spanien. Ausgewiesen auf dem Wandschild durch die Inventarnummer L.58.86; "L." steht für "Loan", also Leihgabe. Die Zwischennutzung als Getreidespeicher ist vergessen, die Leute haben eh seit langem einen neuen Kultraum. Aber keine Seite musste ihr Gesicht verlieren und beide haben einen maximalen Gewinn an Wissen, Kultur, Kunst.
Heuer können wir uns meditierend vor den Daniel in der Löwengrube setzen, uns die Anbetung der Heiligen Drei Könige anschauen, können sehen, verstehen lernen oder abschalten. So sahen kastilianische Steinmetze das Leben und den Tod und waren von den Pilgerthemen nach Santiago de Compostela ebenso befruchtet wie sie ihrerseits diese befruchteten. Und mitten in Manhattan steht man dann vor einem der beredten Zeugnisse christlich mittelalterlicher Steinplastik. Auch die ins Gerede gekommene Führungsriege des Getty Museums könnte an diesem Ort entscheidende Anregungen erfahren. Für das 20. Jahrhundert haben The Cloisters - und das gilt insbesondere für Kunstankäufe, die deutlich zwischen Besitz und Eigentum zu unterscheiden wissen - Maßstäbe gesetzt, die heute viel zu unbekannt sind und uns doch einen heftigen Ruck in die rechte Richtung versetzen könnten.