Istanbul 2010: Türkei-Experte Necmi Sönmez im artnet-Gespräch

Land mit doppeltem Boden

Orsolya Abraham
5. März 2010
Istanbul rückte spätestens mit der Biennale 2009 ins Zentrum der Aufmerksamkeit des Kunstbetriebs. Schon lange wurde die türkischen Kulturszene von einem Modernisierungsschub ergriffen. Mit dem Status der Kulturhauptstadt Europas 2010 aber steht die Stadt auch touristisch im Mittelpunkt des Interesses. Was sind die aktuellen Trends und Tendenzen in Istanbul? Wie verhält sich die Metropole zum Rest der Türkei? Orsolya Abraham hat sich mit dem Kurator und Kritiker Necmi Sönmez über die jüngsten Entwicklungen in der türkischen Kunst unterhalten.

Herr Sönmez, dass sich die Türkei in einem Modernisierungsprozess befindet, ist nicht neu. Interessanter ist, dass das übrige Europa gerade sein Türkeibild modernisiert. Ist die Kunstszene Motor oder Spiegel dieser Entwicklung?

Der enorm schnelle Wandel des gesellschaftspolitischen Systems innerhalb der letzten 20 Jahre in der Türkei, die Neoliberalisierung breiter politischer, sozialer und wirtschaftlicher Bereiche und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen sind allgegenwärtig. Die Struktur der lokalen Kunstszene hat sich dabei sozusagen von selbst verändert.

Hat die Biennale daran einen Anteil?

Die Istanbuler Kunstszene hat sich mehr und mehr internationalisiert und die Istanbul Biennale spielt gerade deshalb nicht mehr die Rolle, die sie etwa in den 1990er-Jahren innehatte. Die künstlerische und organisatorische Verantwortung der Biennale liegt bei der privaten Stiftung IKSV …

… der Istanbul Kültür ve Sanat Vakfi.

Diese sehr monopolistisch agierende Stiftung organisiert mehrere internationale Festivals und Events. Die Biennale gehört dazu. Leider hat es die Stiftung versäumt, die Biennale in die lokale Kunstszene zu integrieren. Auch die Jurys, die für die Kuratorenauswahl der letzten vier Biennalen zuständig waren, waren nicht entsprechend besetzt.

Gab es einen Konflikt zwischen Internationalität und lokaler Anbindung?

Natürlich! Die Kuratoren wurden oft nach Bekanntheitsgrad oder ihrer Beziehung zu den Jurymitgliedern bestimmt. Sie haben aber nicht wirklich in Istanbul gearbeitet und die türkische Kunstszene kennengelernt. Die jungen türkischen Künstler etwa wurden lediglich aufgerufen, Mappen einzureichen.

Ein Ticket zweiter Klasse.

Die bevorzugte Behandlung der ausländischen Künstler hat Empörung hervorgerufen. Auch die pädagogische Vermittlungsarbeit wurde vernachlässigt. Studenten wurde erst letztes Jahr der freie Eintritt zur Biennale gewährt. Deshalb hat die Biennale lokal an Wirkungskraft verloren.

Trotzdem hat sich die lokale Szene immer stärker global vernetzt.

Private Museen (Istanbul Modern, Elgiz Contemporary Art Museum), hauptsächlich durch Banken finanzierte Institutionen (Yapi Kredi, Akbank, Garanti) und private Galerien (Galerist, Rodeo, Non, Dirimart) haben die lokale Kunstszene mehr und mehr mit der internationalen Szene vertraut gemacht. Die jungen türkischen Künstler haben durch Aufenthalte im Ausland stabile Netzwerke aufgebaut, die eine andere Begegnung mit der internationalen Szene ermöglichen.

Ein Aufbauprojekt der privaten Institutionen …

Sie müssen bedenken, dass die wichtigen Impulsgeber der Szene private Sammler sind. Denken Sie etwa an Ömer Koç, Ahmet Kocabiyik, Füsun und Faruk Eczacibaşi, die seit zehn Jahren auch international sammeln und museale Werke nach Istanbul holen. Die Gründung mehrerer privater Museen zwischen 1995 und 2000 sowie die Entstehung der internationalen Kunstsammlungen wohlhabender Industrieller haben ein sehr positives, offenes kulturelles Klima geschaffen. Neue künstlerische Experimente gibt es ja nicht nur in der zeitgenössischen Kunst. Auch im Design, in der Architektur und im Bereich Multimedia wurden viele Projekte gefördert.

Können die Museen mit dieser Entwicklung Schritt halten?

Das erste Museum für zeitgenössische Kunst, Proje 4L/Elgiz Museum, wurde 2001 von Can Elgiz, einem Hochhaus-Architekten, gegründet und vermittelt durch seine Aktivitäten tatsächlich ein neues Bewusstsein für die internationalen Kunstströmungen in der Türkei.

Das gelingt nicht jedem Haus.

2005 wurde auch das private Istanbul Museum of Modern Art auf Initiative der Familie Eczacibaşi eröffnet. Die Sammlung ist überwiegend national ausgerichtet; bei Wechselausstellungen scheut man Risiken und hat vor allem Namen im Blick. In Istanbul wurden aber auch private Museen gegründet (SANTRALISTANBUL, Pera Museum, Sabanci Museum), die mit Ausstellungen von Josef Kudelka (Pera Museum, 2008), einer Präsentation der Deutsche Bank Sammlung (Sabanci Museum 2007) oder Projekten wie „Modern ve Ötesi“ (SANTRALISTANBUL, 2008) ihr Profil geschärft haben.

Ein künstlerisches Establishment ist entstanden.

Die Karten werden in Istanbul neu gemischt und die internationalen Verbindungen haben der türkischen Kunstszene ein neues Selbstbewusstsein vermittelt. Früher waren Kuratoren wie etwa Beral Madra, Vasif Kortun oder Ali Akay wichtige Vermittlungsknoten ins Ausland. Diese Protagonisten sind auch heute noch aktiv, aber ihre Entfaltungsmöglichkeiten sind begrenzt. Die jungen Künstler haben andere Netzwerke aufgebaut und stellen auch ohne die Kontakte der lokalen Kuratoren international aus. Das ist ein Paradigmenwechsel.

Wie verändert dieser Paradigmenwechsel den Kulturdiskurs im Land? Wird laut gestritten?

Die internationale Wahrnehmung der türkischen Kunst wird in der lokalen Szene sehr genau beobachtet. Das ausländische Interesse an der politischen, dokumentarischen und feministischen Kunst wird aber negativ bewertet.

Sollte sich die Szene nicht darüber freuen, dass der Hype nicht nur oberflächlich ist?

Vielleicht, aber man befürchtet, dass dieses Interesse eine gewisse Marginalisierung und einen neuen Orientalismus mit sich bringt. Diese Kritik wird nicht laut, sondern im Verborgenen geäußert. Ebenso wie die Frage, warum immer wieder nur bestimmte Künstler im Ausland gezeigt werden.

Der gleiche Fehler wie überall. Die Kritik stirbt oder ist schon tot.

Es gibt in der Türkei viele Kunstjournalisten aber kaum Kunstkritik. Viele Kuratoren schreiben über ihre eigenen Ausstellungen. In den 1990er-Jahren wurde ein kritischer Diskurs angestoßen, von dem Kunstkritiker Sezer Tansuğ und der Kunstwissenschaftlerin Deniz Sengel. Heute veröffentlichen Zeitungen und Zeitschriften nur noch Pressemitteilungen.

Wie jung ist diese Szene überhaupt? Seit wann entwickelte sich eine Galerienszene?

Die älteste türkische Galerie wurde 1975 von dem Keramiker Yahşi Baraz gegründet, der heute noch als Kunsthändler tätig ist. Die meisten Galerien entwickelten sich in den 1980er-Jahren. Die Maçka Sanat Galerisi, von Varlik Yalman und Rabia Çapa etabliert, und die Galerie BM, nach ihrem Gründer Beral Madra benannt, spielen hier eine sehr wichtige Rolle. Kommerzielle Galerien, wie z.B. Baraz, Lebriz, Urart, Tem, Siyah Beyaz und Nev, haben dann die Professionalisierung des Kunstmarktes vorangetrieben.

Von wie vielen Galerien reden wir aktuell?

In Istanbul gibt es gut 100 professionell agierende Galerien. Um 2000 formierte sich eine neue Galeristengeneration. Deren Schlüsselfigur ist Murat Pilevneli, der eigentlich ausgebildeter Künstler ist. Seine Galerie Galerist wurde 2002 gegründet und präsentiert Ausstellungen zeitgenössischer Kunst aus der Türkei, quer durch alle Medien und Gattungen. Galerist hat sich auf Kunstmessen und durch die Kooperation mit ausländischen Galerien wie Sadie Coles HQ in London oder The Breeder in Athen als wichtige Adresse für die Vermittlung junger türkischer Kunst etabliert. Weitere wichtige junge Galerien sind Rodeo von Sylvia Kouvali, Non von Derya Demir, Dirimart von Hazer Özil, PG von Piril Güreşçi Arikonmaz und Gülşen Güreşçi, X-Ist von Daryo Beskinazi und Kerimcan Güleryüz oder Outlet von Azra Tüzünoglu. Die Umsätze der jungen Galerien sind nicht bekannt, aber Fachleute gingen zuletzt von einem jährlichen Gesamtumsatz in Höhe von bis zu vier oder fünf Millionen Euro aus.

Zieht das auch Veränderungen in der Kunstausbildung nach sich?

Es gibt zwei staatliche Universitäten und Kunstakademien, nämlich Mimar Sinan und Marmara Üniversitesi, und zwei nennenswerte private, Bilgi und Sabanci, die auch im internationalen Vergleich gute Ausbildungsmöglichkeiten bieten. Das Kunststudium an privaten Universitäten ist aber sehr teuer und kann nur von privilegierten Schichten in Anspruch genommen werden. Im Unterschied zu den konservativen staatlichen Kunstakademien mit ihrer Fixierung auf die klassische Ausbildung sind die privaten nach amerikanischem Modell aufgebaut und integrieren Design, Architektur und Mode.

Trotzdem gehen viele türkische Künstler ins Ausland.

Warum sollten sie bleiben, wo sie sind? Die Internationalisierung der Kunstszene und das internationale Interesse an der türkischen Gegenwartskunst bringt diese Entwicklung mit sich. Mustafa Kunt, Özlem Günyol, Serkan Özkaya, Burak Delier, Esra Ersen, Ebru Özseçen, Ferhat Özgür, Yasemin Özcan Kaya und Cevdet Erek bilden beispielsweise eine Gruppe junger Künstler und Künstlerinnen, die durch ihre Auslandserfahrungen Anschluss an die globale Kunstszene gefunden hat.

Verlockt am Ausland nicht auch die größere Liberalität?

In erster Linie haben schlechte Produktionsverhältnisse und fehlende Unterstützung viele interessante junge türkische Künstler zum Auswandern gezwungen. Viele haben sich in Europa niedergelassen. Esra Ersen, Özlem Günyol, Mustafa Kunt, Songül Boyraz Höll, Ahmet Öğüt oder Ebru Özseçen zum Beispiel.

Politische Künstler mit Leib und Seele …

Die starke Kritik an den neoliberalen Machtstrukturen in der türkischen Gesellschaft üben und die Veränderung des Lebensraumes und Politisierung der Landschaft beobachten.

Am Ende ist es also eine Utopie, die türkische Szene von heute auch nur entfernt zusammenfassen zu wollen. Sie sprechen von einem Land der Gegensätze. Vielleicht auch der Zweideutigkeit.

Wie soll man Ungleichzeitigkeiten und Parallelwelten, extreme Gegensätze, widersprüchliche Realitäten und instabile Phänomene auf einen Nenner bringen?

Es gibt nur viele Einzelphänomene?

Dieses System hat einen Hang zur Doppeldeutigkeit, ja zur Vieldeutigkeit, und hat sich in einem bestimmten Kontext herausgebildet. Man kann das als Istanbuler Eigenschaft interpretieren, als gleichzeitig byzantinische und osmanische Tradition, die in Jahrhunderten destilliert und perfektioniert wurde.

Ein Land mit doppeltem Boden.

Die Doppelbödigkeit, ganz im opportunistischen Sinne des Wortes, ist ein Schlüsselbegriff, der im Grunde für die ganze türkische Kunstszene verwendet werden können.

 

Necmi Sönmez geboren 1968 in Istanbul, lebt als freier Kurator, Kritiker und Autor in Düsseldorf. Derzeit bereitet er die Ausstellung „UNERWARTET / UNEXPECTED – Von der islamischen Kunst zur zeitgenössischen Kunst“ vor, die ab Juni im Kunstmuseum Bochum zu sehen sein wird.


Kampfpanzer gegen Klischees von Orsolya Abraham
Eine Gruppenschau bei Tanas versammelt türkische Künstler aus der Peripherie und zeigt, dass die Türkei nicht allein aus Istanbul besteht.


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